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Fähigkeit zur Empathie : Aufwachen, nur für einen Moment

Wann berührt uns das Leid anderer so sehr, dass wir helfen? Bild: Picture-Alliance

Menschen verunsichern einander. Sie haben Angst, sich zu gefährden, zu blamieren, zu versagen. Eine entscheidende Fähigkeit verliert dramatisch an Wert: das Mitgefühl.

          6 Min.

          Anfang Oktober 2016 bricht im Vorraum einer Essener Bankfiliale ein dreiundachtzigjähriger Mann bewusstlos zusammen und schlägt mit dem Kopf auf dem Boden auf. Die Überwachungskamera hält fest, wie mehrere Bankkunden den am Boden Liegenden ignorieren, sie gehen gleichgültig um ihn herum oder steigen über ihn hinweg, um an den Geldautomaten zu gelangen. Es dauert beinahe zwanzig Minuten, bis ein Kunde die Notrufnummer wählt. Der Rentner wird in ein Krankenhaus gebracht, wo er eine Woche später stirbt. Ein medizinisches Gutachten ergibt, dass die unterlassene Hilfeleistung der Bankkunden nicht für den Tod des Mannes mitverantwortlich ist. Die, die einfach weggesehen haben, haben am Ende auch noch Glück gehabt.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Später müssen sich zwei Männer und eine Frau vor Gericht wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten. Sie werden zu einer Geldstrafe von bis zu 3600 Euro verurteilt. Die Aussage zweier Angeklagter, sie hätten den Rentner für einen schlafenden Obdachlosen gehalten, ließ der Richter nicht gelten. Nichts, weder die Kleidung des am Boden liegenden Mannes noch der Ort, deuteten darauf hin, dass es sich um jemanden handelte, der sich in die wärmende Bankfiliale zurückgezogen hatte, um zu schlafen. Niemand habe einen Zweifel an einem Unglücksfall haben können. Der Mann sei ihnen gleichgültig gewesen, sagte der Richter. Die drei Bankkunden hätten in Kauf genommen, dass da jemand liegt, der Hilfe benötigt, doch „keiner wollte Hilfe leisten“. Das Verhalten der Angeklagten wertete der Richter als Augenblicksversagen, weil sie „andere Dinge im Kopf“ gehabt hätten. Egoisten, die das Offensichtliche nicht sehen wollten.

          Wo beginnt der Zweifelsfall?

          Ich fahre viel Fahrrad, im Sommer, im Winter, weil ich kein Auto habe, und da sehe ich immer wieder Obdachlose, die in einer geschützten Ecke oder auf einer Bank liegen und aussehen, als schliefen sie. Jedenfalls interpretiere ich das, was ich aus den Augenwinkeln heraus wahrnehme – die Körper unter den Decken und Plastikplanen –, so. Doch was, wenn ich mich schon mal geirrt habe? Muss man sich im Zweifelsfall überzeugen, ob jemand tatsächlich nur schläft? Und wo beginnt dieser Zweifelsfall?

          Ein Mann steigt im September 2009 am Münchner Hauptbahnhof in die S-Bahn Richtung Pullach, wo seine Freundin auf ihn wartet, sie wollen gemeinsam zu einer Feier. Die S-Bahn hält in Solln, und später erinnert sich der Mann, dass es an der Tür laut wurde. Er blickt von seiner Zeitung auf und sieht aus dem Fenster. Auf dem Bahnsteig steht ein älterer Mann zwei Jugendlichen gegenüber. Er steht da wie ein Boxer, die Fäuste erhoben. Die Jugendlichen sind groß, ungefähr einen Meter neunzig. Die Türen der S-Bahn sind noch geöffnet, als einer der Jugendlichen in seine Jackentasche greift und einen Schlüsselbund hervorholt. Er legt ihn sich in die Hand und schließt die Finger zu einer Faust. Es sind noch andere Menschen auf dem Bahnsteig. Dann schließen sich die Türen, und die S-Bahn fährt weiter. Der Mann, der ungefähr dreißig Sekunden Zeit hatte zu entscheiden, ob er aussteigt oder nicht, bleibt sitzen. Am nächsten Tag hört er im Radio, dass Dominik Brunner, der vier Schüler beschützen wollte, von zwei Jugendlichen totgeprügelt worden war.

          Von dem Moment an, als der Mann in der Bankfiliale in Essen zu Boden geht, dauert es zwanzig Minuten, bis ein Kunde eine Notrufnummer wählt.
          Von dem Moment an, als der Mann in der Bankfiliale in Essen zu Boden geht, dauert es zwanzig Minuten, bis ein Kunde eine Notrufnummer wählt. : Bild: dpa

          Die beiden Geschichten haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam, aber in beiden geht es darum, genau hinzusehen, die Situation als eine wahrzunehmen, in der jemand Hilfe benötigt, und dann zu handeln. Wobei es natürlich einen großen Unterschied macht, ob man dabei sein eigenes Leben gefährdet oder nicht.

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