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Emmanuel Macron : Der Mann, der Frankreich enteilt

Er denkt an Europa, Frankreichs Denker erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Kein Wunder, dass Emmanuel Macron seine Kritiker für vorgestrig hält. Bild: AFP

Emmanuel Macron hat seine Idee für ein neues Europa vorgestellt. Derweil sind Frankreichs Intellektuelle entsetzt, wie der Präsident das eigene Land umkrempelt. Ihre Tiraden bestimmen das Bild in der Presse.

          6 Min.

          Wie deutsch denkt Emmanuel Macron? Mit der Aufforderung an die Franzosen, „die Lichter der Aufklärung nicht auszumachen“, hatte ihn Peter Sloterdijk im Wahlkampf unterstützt. In „Le Monde“ tat es Jürgen Habermas. „Will Macron das deutsche Modell übernehmen?“, titelte das „Journal du Dimanche“ vor der Bundestagswahl. Macrons Reformen werden von seinen Kritikern als Kniefall vor Berlin und Brüssel gesehen. Seiner Nähe zu Angela Merkel und deutschen Philosophen steht seine Ablehnung durch viele französische Intellektuelle, die weiter ihre ideologischen Rückzugsgefechte führen, gegenüber.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Zwei Präzedenzfälle hält die Geschichte für den jungen Präsidenten bereit: Napoleon, der die Revolution mit Reformen zu kanalisieren verstand, und de Gaulle, der die „Grande Nation“ nach der schlimmsten Niederlage ihrer Geschichte – und vier Jahren Kollaboration – als Siegermacht auferstehen ließ. Die innenpolitischen Kriegsgewinner prägten die Nachkriegsgesellschaft, die auf dem trügerischen Résistance-Mythos begründet wurde: der Rechten die politische Macht, der Linken die Kultur.

          Die linke Hegemonie orientierte sich an der Revolution und hatte die politische Machtübernahme zum Ziel. Es wurde erreicht, allerdings auf paradoxe Weise: nachdem die Intellektuellen auf den Marxismus verzichtet und die Sozialisten die Kommunisten überflügelt hatten. Von Mitterrand bis Hollande zeichnete sich die „göttliche Linke“ (Jean Baudrillard) durch Rückzugsgefechte aus. Für 2017 war der Sieg der Rechten erwartet worden. Sie schienen den von der „Nouvelle Droite“ nach dem Mai 68 begonnenen Kulturkampf gewonnen zu haben. Nur brachte der Triumph der Rechtsintellektuellen weder Marine Le Pen noch François Fillon an die Macht.

          Bei Mitterrands Wahl spielten die linken Intellektuellen eine wegweisende Rolle. Sein Nachfolger Jacques Chirac gewann mit der Unterstützung von Régis Debray und Emmanuel Todd, der 2012 für François Hollande den Begriff des „revolutionären Hollandismus“ prägte. Für Sarkozy hatte der antitotalitäre André Glucksmann votiert. 2017 hielten es die Intellektuellen mit den Mélenchon, Fillon oder Le Pen.

          Das System hat sich zu seiner Erhaltung als Antisystem ausgegeben

          Frankreichs Intellektuelle reagieren auf Macrons Erfolg mit anhaltendem Ressentiment und schreiben damit die Zeitungen voll. Der Philosoph Michel Onfray nennt ihn eine „Gummipuppe des Kapitals“. Sein Kollege Alain Finkielkraut, Mitglied der Académie francaise, bescheinigt Macron eine „seligmachende Fortschrittsgläubigkeit“. Alain Badiou ging gar nicht zur Wahl. Der maoistische Philosoph und Mathematiker trauert immer noch dem „Verschwinden der kommunistischen Hypothese“ nach. Alain de Benoist, der Chefideologe der „Nouvelle Droite“, freut sich derweil über den Zusammenbruch der traditionellen demokratischen Parteien. Er hatte einst die „Sterilisierung der Tauben, Blinden und Epileptiker“ propagiert. Seit ein paar Jahren war ihm eine gewisse Rehabilitierung zuteilgeworden. Doch wie Marine Le Pen im TV-Duell mit Macron lässt auch Alain de Benoist seine Maske fallen: Eine „petite chose“ sei der Staatspräsident, ein „Flötenspieler“ – Rattenfänger – im Elysée, „von dem uns die Morphopsychologie sagt, dass er manipulierbar und entscheidungsunfähig ist“. Auch der Altlinke Régis Debray denkt, in der französischen Politik gehe es mit unlauteren Mitteln zu: „Das System hat sich zu seiner Erhaltung als Antisystem ausgegeben.“ In „Le nouveau pouvoir“ schreibt Debray, das katholische (und kommunistische) Frankreich werde zur „neoprotestantischen“ Gesellschaft, die dem Kapitalismus huldige, und werde vollends „amerikanisiert“. „Wir Franzosen sind kein freies Volk mehr“, schreibt Emmanuel Todd. Macrons Wahl sei eine „reine Komödie“ gewesen, mit dem Resultat der vollendeten „Unterwerfung unter Maastricht“ und das deutsche Diktat. Todd wählte Mélenchon – und blieb bei der Stichwahl zu Hause.

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