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Gespräch mit Emel Zeynelabidin : Musliminnen müssen sich nicht verhüllen

Gegen die Pflicht zur Verhüllung: die Autorin Emel Zeynelabidin Bild: Max Kesberger

Dreißig Jahre lang trug Emel Zeynelabidin Kopftuch, dann legte sie es ab: Diese Freiheit sollten alle Frauen haben, meint sie. Ein Gespräch über einen Schritt, dem viele vorausgegangen sind.

          Frau Zeynelabidin, Sie entstammen einer Familie, für die der Islam und das Befolgen muslimischer Glaubensregeln eine wichtige Rolle spielten. Ihr Vater gründete die deutsche Sektion von Milli Görüs, Sie engagierten sich als Vorsitzende eines muslimischen Frauenvereins und gründeten in Berlin islamische Kindergärten und eine Grundschule. Dreißig Jahre lang haben Sie Kopftuch getragen, vor zehn Jahren legten Sie es ab. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dem letzten Schritt, das Tuch abzunehmen, sind viele vorausgegangen. Am Anfang stand der Wunsch nach mehr Individualität. Ich wollte nicht mehr dieses Kopftuch tragen, das Musliminnen uniformiert und alle gleichmacht. Also ging ich zu einer Hutmacherin in Berlin und entwarf mit ihr zusammen Kopfschmuckmodelle: Kreationen aus Hut und Tuch, die Haare, Hals und Ohren bedecken. Diese Modelle trug ich ein Jahr und sagte anderen Frauen: Schaut her, man kann sich auch so verhüllen. Ich wollte vermitteln und schrieb dem damaligen Innensenator Erhart Körting einen Brief, in dem ich meine Kopfschmuckmodelle vorstellte.

          Einige Ihrer Hutmodelle sind heute im Bonner Haus der Geschichte zu sehen. Wie reagierte Ihr damaliges Umfeld auf den Wandel?

           Belustigt. Wissen Sie, solange man sich noch verhüllt, egal wie, gehört man zur Gruppe. Das änderte sich erst, als ich die Verhüllung aufgab. Das war der Schritt heraus. Aber schon mit den Hutmodellen auf dem Kopf reagierten Menschen auf der Straße, in Geschäften und im Alltag anders auf mich.

          Wie?

          Zugewandter, aufgeschlossener, kommunikativer. Das hat mir gefallen. Und ich habe es für meine Arbeit als Vereinsvorsitzende genutzt. Ich war die Muslimin mit dem Hut.

          Doch die wollten Sie nicht bleiben.

          Nein, weil bei mir ein Denkprozess in Gang gekommen war. Ich beschäftigte mich mit den Grundlagen des Verhüllungsgebots und stellte fest: Die Argumente für die Verhüllung der Frau sind unlogisch.

          Als Muslimin argumentieren Sie aus Ihrem Glauben heraus gegen das islamische Verhüllungsgebot.

          Es heißt, das Kopftuch sei göttlicher Wille und schütze Frauen vor Übergriffen der Männer. Diese Auslegung stützt sich auf nur zwei Koranverse - zwei von mehr als 6000 -, beide sprechen nicht von Kopftüchern und stehen in einem gesellschaftlichen Kontext, den es heute nicht mehr gibt. Ein Vers weist die gläubigen Frauen an, die Enden ihrer Tücher - damals trugen Mann und Frau Tücher auf dem Kopf, als Teil ihrer Wüstenbekleidung - vor den Hals zu schlagen. Offenbart wurde dieser Vers dem Propheten, weil ein Mann sich die Nase verletzte, der sich vom Dekolleté einer Frau hatte ablenken lassen. Der andere Vers schreibt vor, die Frauen der Gläubigen sollten ihre Gewänder reichlich über sich schlagen, damit man sie erkenne, also nicht für Sklavinnen halte. Es gibt aber die Sklavinnen von damals nicht mehr. Und viele Nichtmuslime leben uns vor, dass alles auch ohne Kopftuch geht.

          Sie haben als Kind schon Kopftuch getragen, weil es der Tradition entsprach. Können Sie nachvollziehen, wenn erwachsene Frauen es als Akt der Emanzipation bezeichnen, sich zu verhüllen?

          Darin steckt ein innerer Widerspruch. Ich kann es mir nur so erklären, dass der Glaube an Belohnung im Jenseits so stark ist, dass er alle rationalen Erwägungen überdeckt. Zu diesem Glauben gehört die Furcht vor göttlicher Strafe. Konvertitinnen, die zum Tuch greifen, schlüpfen in eine neue Rolle. Vom religiösen Aspekt abgesehen, hat das Tuch viel mit Zugehörigkeit zu tun.

          Auch mit Abgrenzung?

          Auch das ist ein Problem. Als ich mein Kopftuch abgenommen habe, wurde ich nicht mehr zuerst als „die Muslimin“ gesehen und habe mein Gegenüber nicht mehr zuerst als den „Nichtmuslim“ betrachtet. Die Verhüllung verändert die Wahrnehmung des anderen - und die Selbstwahrnehmung. Eine Frau mit Kopftuch ist eine Muslimin, die den Vorschriften folgt, und empfindet sich so.

          Sie bezeichnen sich als gläubig, aber nicht mehr regelgläubig. Was sagte Ihre Familie zu Ihrer Veränderung? Sie waren verheiratet und haben sechs Kinder.

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