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Gespräch mit Emel Zeynelabidin : Musliminnen müssen sich nicht verhüllen

Einige in meiner Familie waren entsetzt und sehr besorgt. Ich musste sogar zu einem Teufelsaustreiber, aber er konnte nichts feststellen. Meine Mutter fand es schamlos, was ich tat. Mein Mann war traurig, weil er an die Strafen Gottes dachte, die auf mich warten würden. Dass ich mich später von ihm trennte, hatte aber nichts damit zu tun, dass ich das Kopftuch ablegte. Die meisten Menschen meiner früheren Gemeinde haben mit mir keinen Kontakt mehr. Das passiert, wenn man sich verändert.

Sie haben das Kopftuch abgelegt, doch über das Kopftuchverbot für Lehrerinnen an Schulen waren Sie nie glücklich.

Ich halte grundsätzlich nichts von Verboten, wenn es die Möglichkeit gibt, Konflikte im Gespräch zu lösen. Ich sage immer: Das Kopftuch ist eine Schande für den Islam, und das Kopftuchverbot ist eine Schande für die Demokratie. Das Tuch ist eine Schande für den Islam, weil der Islam mehr ist als ein Stück Stoff, das zu einem grotesken Politikum geworden ist. Das Verbot ist eine Schande für die Demokratie, weil es ein Berufsverbot ausspricht, ohne die sozialen und psychischen Umstände der Betroffenen zu würdigen. Eine muslimische Frau mag viele Gründe haben, ihr Kopftuch nicht abzulegen: Tradition, persönliches Körpergefühl, die Furcht, eine Sünde zu begehen, und die Angst, Zugehörigkeit zu verlieren oder verleumdet zu werden.

Begrüßen Sie die Aufhebung des Verbots durch das Bundesverfassungsgericht?

Nein. Weil es den traditionellen Kräften im Islam und den Muslimen, die schon immer auf das Kopftuch bestanden haben, den Eindruck vermittelt: Seht ihr, wir hatten also doch recht. Dabei dient dieses Urteil nicht der Bestätigung ihrer Haltungen. Doch es wirkt so.

Was läuft falsch in der Kopftuchdebatte?

Eigentlich hätte diese Frage gar nicht in die Hände eines Gerichts gehört. Der erste, grundlegende Fehler war, dass die afghanischstämmige Lehrerin Fereshta Ludin geklagt hat. Sie wurde leider auch von islamischen Verbänden darin bestärkt. Das war ein Weg der Konfrontation, auf dem ein Recht erstritten werden sollte. Es war nicht der Weg des Dialogs, in dem beide Seiten einander Fragen stellen und zu einem Konsens finden können. Es wurde auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaften nicht über die haltlosen Gründe für das Kopftuch diskutiert. Nach zehn Jahren der Nichtdiskussion ist die Wirkung einer Lehrerin mit Kopftuch eine ganz andere als zuvor.

Der Spruch der Karlsruher Richter verlagert die Konsensbildung in die Schulen. Wenn der Schulfriede gestört ist, kann das Kopftuch im Einzelfall doch verboten werden. Was halten Sie davon?

Das Gespräch, das wir führen müssten, hat in Schulen nichts verloren. Es muss unter Erwachsenen stattfinden, die einander auf Augenhöhe begegnen. So, wie die Situation jetzt ist, ist sie nicht gut. Sie setzt Schüler ungeklärten Verhältnissen aus und erhöht umgekehrt den Druck auf Lehrerinnen mit Kopftuch enorm.

Welche Wirkung könnten verhüllte Lehrerinnen auf muslimische Schüler und Schülerinnen haben?

Verhüllte Lehrerinnen könnten ihren Schülern vermitteln, dass sie mit ihrer Bekleidung religiöse und moralische Werte verkörpern, die außer Frage stehen. Das aber spaltet die Gruppe der Schülerinnen in „gute“ und „schlechte“ Mädchen. Diese Werturteile setzen nicht verhüllte Mädchen unter Druck.

Wenn Sie einen Rat in der Sache geben könnten, welcher wäre das?

Die Schulleiter sollten sich diejenigen, die sie einstellen, sehr genau anschauen. Und sie sollten potentielle Lehrerinnen darauf aufmerksam machen, welche Konflikte auf sie zukommen können.

Was würden Sie von diesen Lehrerinnen fordern?

Sie müssten in der Lage sein - und jeder andere Muslim auch -, genau zu erklären, warum sie das Kopftuch als Teil ihrer Religionspraxis für unentbehrlich halten. Ein nichtmuslimisches Gegenüber kann mit Argumenten wie: „So steht es im Koran“ oder „So empfiehlt es der Prophet“ wenig anfangen. Die Lehrerinnen sollten eine Diskussion aushalten können, in der mögliche Irrtümer der eigenen Glaubensansichten Gegenstand sein dürfen. Eigentlich wünsche ich mir eine „Kopftuchkonferenz“, in der wir alle Fragen rund um das Kopftuch auf den Tisch bringen können.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft, wenn Sie auf die Situation der Musliminnen in Deutschland heute schauen?

Dass das Kopftuch in der nächsten oder übernächsten Generation von allein verschwunden ist.

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