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Elon Musk und Grimes : Das exzentrischste Paar der Welt

„Das seltsamste Paar der Welt“: Elon Musk und Grimes im Mai 2018 auf der Gala des Metropolitan Museum of Art in New York Bild: AFP

Er baut Raumschiffe, sie faselt vom Ende der Kunst durch Künstliche Intelligenz: Warum Elon Musk und die Musikerin Grimes so nerven.

          3 Min.

          Während die Herauslösung von Prinz Harry und Meghan Markle aus den Pflichten der königlichen Familie zugunsten der Versilberung ihrer Privilegien und Markenwerte auf dem freien Markt die Gemüter beschäftigt, wird die Brüchigkeit alter Hierarchien und Sinnordnungen von einem anderen Paar längst viel radikaler zelebriert: nämlich von Elon Musk und der kanadischen Sängerin Claire Boucher alias Grimes.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Deren Outing auf der New Yorker Met Gala vor zwei Jahren stellt eine bis heute anhaltende Herausforderung dar: Eine von Kritikern gefeierte, dem breiten Publikum unbekannte Musikerin, die sich auf ihrem Twitter-Account als „Anti-Imperialistin“ definierte, ging jetzt mit einem milliardenschweren, gegen jeden Versuch von Gewerkschaftsbildung vorgehenden Unternehmer, der an privaten Marsreisen für Superreiche arbeitet. Neben dem in weißes Hemd und Sakko gekleideten Musk wirke Grimes wie Klaus Nomi, kommentierte damals der „New Yorker“, ein Vergleich, der sich auch auf die Musik von Grimes ausweiten lässt, mit ihrem gehauchten Gesang über knarzenden Videospiel-Synthies.

          Die Herausforderung bestand vor allem darin, wie einleuchtend die Verbindung war, nahm man die öffentlichen Rollen einmal beiseite: Dann konnte man sich die beiden durchaus gut im Kreis ihrer Freunde beim Burning Man-Festival in der Wüste von Nevada vorstellen, wie sie sich unter dem Einfluss verschiedener Substanzen als prophetische Wegbereiter einer die Begrenzungen des Menschlichen überwunden habenden Zukunft erlebten.

          Indem es die dünn gewordenen Membranen zwischen privatem und öffentlichem Leben sowie zwischen unternehmerischem Erfolg und politischer Dissidenz endgültig platzen ließ, demonstriert „das seltsamste Paar der Welt“ („Telegraph“) den Triumph des Modells der Disruption über das alte der Seriösität und Selbstbeherrschung: Während es Musk unglaublicherweise gelang, Herr seines Unternehmens zu bleiben, obwohl er wirre Tweets abstieß wie den, in dem er den Taucher, der in einer Höhle eingeschlossene thailändische Schulkinder rettete, als Pädophilen bezeichnete, hält Grimes die Musikblogs mit philosophischen Ausführungen über den Siegeszug Künstlicher Intelligenz beschäftigt. Man muss sich Elon Musk und Grimes wohl als ganz normales Paar vorstellen: Sie leben unbekümmert vor sich hin, unterhalten sich beim Abendessen über Transhumanismus, sitzen auf dem Sofa, daddeln an ihren Handys herum und posten spontan ihre Gedanken. Der Unterschied ist, dass von diesen Gedanken die Aktienkurse eines Konzerns abhängen.

          Musik als „Verkörperung menschlicher Auslöschung“

          Jetzt machte Grimes mit einem Instagram-Post Schlagzeilen, der sie mit hüftlangen gedrehten orangenen Zöpfen und entblößtem Schwangerenbauch zeigt. Nachdem Instagram den Post erst mal löschte, weil auch ihre Brustwarzen zu erkennen waren, kommentierte Grimes eine neue, retuschierte Version stolz, fast sei sie der Zensur entkommen.

          Nun ist der Kampf gegen die Deutungshoheit von Konzernen über Körperbilder und die Verfestigung prüder Moralvorstellungen an vielen Stellen ein redlicher. Was aber an Grimes’ exzentrischen Selbstentäußerungen so nervt, ist, dass sie von jedem emanzipatorischen Projekt abgekoppelt sind und allein Ausdruck eines hochnervösen, die eigene Blase nach Reibung abtastenden Selbst. „Schwanger zu sein ist ein brutaler und kriegsähnlicher Zustand“, verkündet Grimes. Sie mag das so erleben, weil längst nicht mehr alles, was sie von sich gibt, mit Wohlwollen aufgenommen wird. Sie sehe sich von Fans und Medien zum Schurken gestempelt, weshalb sie das Schurkentum nun „künstlerisch umsetzen wolle“.

          Nicht zufällig fällt das futuristische Schwangerenfoto zusammen mit der für den 21. Februar anstehenden Veröffentlichung ihres schon lange fertigen Konzeptalbums „Miss Anthropocene“, auf dem Grimes sich in eine „anthropomorphe Göttin des Klimawandels“ verwandelt sieht. „Jeder Song“, erklärte sie, „wird eine andere Verkörperung menschlicher Auslöschung sein.“ Während ihr Mann also an CO2-intensiven Marsflügen arbeitet, will Grimes die Beschäftigung mit dem Klimawandel als „Spaß“ empfehlen.

          Wie groß kann ein Ego sein, um sich zugleich als Trägerin neuen Lebens wie als letzter Mensch zu inszenieren? „Mir scheint, dass wir das Ende der Kunst erleben, menschengemachter Kunst“, erklärte Grimes im November. „Sobald es allgemeine Künstliche Intelligenz geben wird, wird sie so viel bessere Kunst machen als wir.“ Dabei gibt es schon lange Menschen, die ähnliche, aber viel bessere Kunst machen als die verhuschten jüngsten Songs von Grimes: Weil sie, wie zum Beispiel die junge 070 Shake, die am morgigen Montag in Berlin auftritt, statt nur herumschwirrende Diskurse wiederzukäuen, die wichtigste Technologie des Menschen einsetzen: ihre Empfindung.

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