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Lektion für Zuckerberg : Ohne Transparenz keine Freiheit im Internet

Licht und Schatten: Mark Zuckerberg spricht in der Georgetown University Bild: Reuters

Mark Zuckerberg schätzt, das zeigte seine Rede an der Georgetown University, die Meinungsfreiheit höher als die Wahrheit. Die demokratische Politikerin Elizabeth Warren zeigt, wohin das führt: eine Lektion für den Facebook-Chef.

          2 Min.

          Im Süden von New Mexico, kurz vor der Grenze zu Texas und den Dünen von White Sands, liegt eine Kleinstadt, die lange einen Allerweltsnamen trug: Hot Springs. 1950 jedoch beschlossen die Bürger mit großer Mehrheit, ihren Ort umzutaufen: Truth or Consequences. Um Wahrheit oder Pflicht nämlich ging es in einer populären Radioshow, deren Macher versprochen hatte, er werde in der Stadt, die sich nach seiner Show benenne, eine Liveshow und eine Riesenparty veranstalten. Und so kam es auch. Die Namensparty wird seither jedes Jahr aufs Neue gefeiert.

          Den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat es wahrscheinlich noch nicht an diesen Ort verschlagen, der sich wohl auch nicht so schnell nach seiner Firma nennen würde. Denn mit Wahrheit und Pflicht hat es bei Facebook eine besondere Bewandtnis, wie abermals eine Rede verrät, die Mark Zuckerberg gerade an der Georgetown University gehalten hat. Verpflichtet fühlt sich Mark Zuckerberg demnach, wie er sagte, allein der Meinungsfreiheit. Die schätzt er höher als die Wahrheit.

          Das war zu sehen, als Facebook einen Wahlwerbespot des Teams von Donald Trump verbreitete, in welchem dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber Joe Biden ohne jeden Beleg unterstellt wurde, er sei korrupt. „Ich denke nicht, dass die meisten Menschen in einer Welt leben wollen, in der man nur Dinge veröffentlichen kann, von denen Tech-Unternehmen glauben, dass sie zu hundert Prozent stimmen“, sagte Zuckerberg und tat so, als werde er mit einer solchen Haltung der von ihm über die Jahre nur scheibchenweise eingeräumten Verantwortung für Demokratie und Gesellschaft gerecht. Das aber wird er, wenn seine Firma glatte Lügen verbreitet, die millionenfach weitergetragen werden, gerade nicht.

          Wo das hinführt, demonstrierte die demokratische Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren, indem sie absichtlich einen falschen Werbespot verbreitete mit der Behauptung, Mark Zuckerberg und Facebook unterstützten die Wiederwahl von Donald Trump. Auch diese Anzeige ging bei Facebook durch: Quod erat demonstrandum. Dass Elizabeth Warren sich mit Facebook und den anderen Silicon-Valley-Konzernen anlegt, hebt sie aus der Schar der Präsidentschaftskandidaten heraus. Die Demokraten haben die Datenoligopolisten groß werden lassen, Donald Trump weiß deren Werkzeuge wie kein Zweiter für sich zu nutzen. Sich mit den Konzernen anzulegen ist für jeden Politiker gefährlich, besitzen diese doch die Macht, ihn oder sie durch entsprechende Informationsgebung zu vernichten. Das geschieht bei Facebook genau wie bei Google im Verborgenen, per Algorithmus oder per Hand. Und das wäre auch das Erste, was Mark Zuckerberg, wenn er es mit der Meinungsfreiheit ernst meinte, verändern müsste: Ohne Transparenz ist die Freiheit im Internet keine.

          Die Silicon-Valley-Giganten handeln nach ihrem Gutdünken. Dass er der Meinungsfreiheit schadet, wenn er bewusst Lügen verbreiten lässt, wäre die nächste Lektion, die Mark Zuckerberg zu lernen hätte. Die Konsequenzen der scheinheiligen Haltung seines Konzerns – der an bezahlten Wahlkampflügen nebenbei auch sehr gut verdient – tragen wir alle. Für Lug und Trug bleibt Facebook eine heiße Quelle.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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