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Plagiatsfälle in Spanien : Elefantenspuren

Spaniens Gesundheitsministerin Carmen Motón Bild: EPA

Kaum hatte der spanische Sozialistenführer seine Ministerin in Schutz genommen, trat sie zurück. Vom Umgang mit den Plagiatsvorwürfen gegen Carmen Montón führen mehrere Pfade zu tieferen Sinnzusammenhängen.

          Der neueste Plagiatsfall aus Spanien betrifft Gesundheitsministerin Carmen Montón, die auf 19 von 52 Seiten ihrer Magisterarbeit an der Madrider Universität Rey Juan Carlos von anderen Autoren abgekupfert haben soll. Text ist Text, und irgendwie müssen die Seiten ja zusammenkommen. Lustig, nachgerade inspirierend war die erste Reaktion ihres Chefs: Die Ministerin leiste hervorragende Arbeit, sagte Sozialistenführer Pedro Sánchez den hungrigen Medien und erläuterte die hervorragende Arbeit seiner Ministerin im einzelnen. Als die Medien, die ja etwas schwer von Begriff sind, nachfragten, ob die Ministerin nicht zurücktreten müsse, sagte Sánchez, die Ministerin leiste hervorragende Arbeit und werde das auch weiterhin tun. Zwei Stunden später trat die Ministerin zurück.

          Von hier aus führen mehrere Pfade zu tieferen Sinnzusammenhängen. Erstens hat Spanien ein, sagen wir mal, geradezu völkerpsychologisch auffälliges Ding mit Plagiaten. Ghostwriter, auch illegale, heißen im Volksmund „Neger“ und sind in allen Bereichen, in denen geschrieben wird, eine vertraute Erscheinung. Zweitens kam aus der PP-Opposition gleich nach dem Rücktritt der Ministerin die Versicherung, der Plagiatsfall habe aber nichts mit der Magisterarbeit des neuen PP-Vorsitzenden Pablo Casado zu tun (dem der akademische Titel mutmaßlich nachgeworfen wurde, aber darüber muss noch der Oberste Gerichtshof befinden).

          Drittens ist da auch noch der Fall der im Frühjahr zurückgetretenen Madrider Ministerpräsidentin Cristina Cifuentes, deren Magisterarbeit ebenfalls ... Wir sparen uns die Einzelheiten, erst recht das Video des Ladendiebstahls. Leider haben alle diese windigen Fälle, viertens, an derselben Universität stattgefunden, nämlich jener, die nach dem früheren spanischen König Juan Carlos I. benannt ist, und auch wenn das eine die Uni ist und das andere die Person, sind wir verpflichtet, jeder Elefantenfährte zu folgen. Denn auch die Angelegenheiten des ehemaligen spanischen Königs (mögliche Geldwäsche und Steuerhinterziehung) könnten demnächst untersucht werden und zu Konsequenzen führen, die man sich gar nicht ausmalen will.

          Andererseits – fünftens – haben in Spanien schon so viele Dinge nicht zu Konsequenzen geführt, die es eigentlich gemusst hätten, dass es auch wieder egal ist. Sechstens: Oppositionsführer Albert Rivera von der Bürgerpartei forderte Regierungschef Pedro Sánchez gerade öffentlich auf, seine Doktorarbeit zu zeigen. Sie werde regelwidrig unter Verschluss gehalten. Leute, die sie einsehen konnten, sagen, sie sei dünn, substanzarm, ein Nichts. Übrigens ist die Uni, an der die Arbeit mit Auszeichnung durchgewunken wurde, nach dem spanischen Literaturnobelpreisträger Camilo José Cela benannt, von dem weithin bekannt ist, dass er sich den höchstdotierten Literaturpreis des Landes 1994 mit einem Plagiat geangelt hat. Doch davon haben wir vor Jahren schon einmal erzählt, für heute reicht’s.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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