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Online-Wahlkampf : Jetzt zeigen wir den Alten mal, wie das geht

Auf in den Kampf: Die Kandidaten Albert Rivera, Pedro Sanchez und Pablo Iglesias (von links) treten bei „El Pais“ an. Bild: AFP

In Spanien macht eine Zeitung dem Fernsehen vor, wie man im Internet eine Wahldebatte führt: Bei „El País“ steigen junge Kandidaten in den Ring. Premierminister Rajoy hingegen traut sich nicht in Studio.

          Vor vier Jahren traten zur spanischen Parlamentswahl als Spitzenkandidaten zwei ältere Herren in Anzügen an. Es war der perfekte Ausdruck politischer Routine im angegrauten europäischen Zweiparteiensystem - hier der Konservative Mariano Rajoy (PP), dort der Sozialist Alfredo Pérez Rubalcaba (PSOE). Zwei Männer, die auch in der schlimmsten Wirtschaftskrise des Landes nur fortsetzten, was ihre Parteien seit 1982 getan hatten: sich abwechseln auf den Fluren der Macht.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Diesmal war alles anders. Nicht das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sondern die Tageszeitung „El País“ hatte per Livestream die Kandidaten zur Debatte aufgerufen, damit sich Spaniens Bürger vor der Parlamentswahl am 20. Dezember eine Meinung bilden können. Nicht eine Fernsehnation hockte vor dem Schirm, sondern die deutlich jüngere Internetgemeinde, die die zweistündige Debatte mit rund 3000 Tweets begleitete.

          Herausforderer ohne graues Haar

          Und nicht zwei Kandidaten waren es, sondern drei, und sie repräsentieren einen Generationenwechsel. Der Älteste von ihnen, Pedro Sánchez, Spitzenkandidat der Sozialisten, ist erst 43 Jahre alt. Seine beiden Herausforderer, Albert Rivera von der Bürgerpartei Ciudadanos und Pablo Iglesias von der Protestpartei Podemos, sind Mitte dreißig. Nicht einmal in Nahaufnahme war bei einem der drei ein graues Haar zu entdecken. Auch die Kleiderordnung durfte man als Spiegel neuer Zeiten werten. Alle drei trugen ein weißes Hemd, doch von links nach rechts wurde es förmlicher: Iglesias mit aufgekrempelten Ärmeln, Sánchez mit dunklem Jackett, Rivera mit dunklem Jackett und Krawatte. Der häufig eingesetzte Split-Screen, der es dem Zuschauer erlaubte, alle drei Gesichter nebeneinander zu beobachten, belebte die Sendung.

          Ganz rechts auf der Bühne stand noch ein viertes Rednerpult, doch es blieb leer: Ministerpräsident Rajoy hatte auf die Teilnahme verzichtet. Das leere Pult bekam im Lauf der Sendung dramaturgisches Gewicht, denn es entwickelte sich auch eine Debatte über den abwesenden Herrn Rajoy und eine konservative Politik, die alle drei Herausforderer für verfehlt, gescheitert und ablösungsbedürftig halten. Da das politische Streitgespräch in Spanien nicht ohne vergröbernde Schlagworte auskommt, versuchte der Sozialist Sánchez, den Ciudadanos-Mann Rivera als „Rechten“ zu stigmatisieren. In Wahrheit wusste jeder, dass die Bürgerpartei sich vor zehn Jahren aus engagiertem Protest gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien formiert hatte. Neben ihrem wirtschaftsliberalen Programm verdankt sie ihren sensationellen Aufstieg in den Umfragen auch ihren Attacken auf ebenjenen korruptionsgezeichneten Politikbetrieb durch PP und PSOE, der die Spanier so abstößt.

          Vorgeschmack auf bessere Zeiten

          Medial war die Kandidatenschau auf der Website von „El País“ ein Vorgeschmack auf interessantere Zeiten. Straff und zügig moderiert von Carlos de Vega, der den Politikern Fragen zu Terrorismus, Wirtschaft und Sozialpolitik zuwarf, bot das Format ein merklich frischeres Bild als die hergebrachte Elefantenrunde. Das lag nicht nur am zarten Alter der Teilnehmer, sondern auch am Medientraining der neuen Politikergeneration: Alle drei formulierten ansprechend bis sehr gut und redeten schnell, ohne sich zu verhaspeln. Albert Rivera, der Jüngste in der Runde, hinterließ dabei anfangs einen nervösen Eindruck, schaffte es aber, eine Menge Argumente in seine knappe Redezeit zu pressen. Pablo Iglesias, die neue linke Hoffnung, wirkte am entspanntesten; seit seine Podemos-Partei von ihren Höchstwerten abgerutscht ist, geht es seinen Wahlstrategen wohl auch um Gefühlssignale. Inhaltlich hatten es die Führer der beiden Protestparteien leicht, auf die verbrauchte alte Garde einzudreschen: Auch die PSOE hat genügend Korruptionsfälle in den eigenen Reihen. Vermutlich war der Sozialist Pedro Sánchez nicht gut beraten, immer wieder auf die angeblichen Erfolge der Zapatero-Regierung zu verweisen. Das wirkte visionslos und brav.

          Die Herausforderer waren im Studio, Premierminister Mariano Rajoy (rechts) ließ sich zuschalten.

          Die Zeitung „El País“ wertete die Veranstaltung als großen Erfolg. Zum klaren Debattensieger wählten die Online-Nutzer mit 49 Prozent Pablo Iglesias, gefolgt von Albert Rivera (29) und Pedro Sánchez (24) - was gewiss nicht die Wahlabsichten widerspiegelt, sondern eher eine Aussage über die Mobilisierbarkeit der Fanbasis ist. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zustimmung zu den beiden großen Volksparteien halbiert, und was immer bei den Wahlen am 20. Dezember auch geschieht: Es wird etwas Neues geschehen. Im Internet und mit Hilfe der digitalen Medien hat es schon jetzt begonnen. Vieles spricht dafür, dass die spanische Demokratie sich an Koalitionen gewöhnen muss, und das ist eine gute Nachricht. Es bedeutet mehr Diskussion, mehr Offenheit, mehr Kompromiss. Ganz im alten Stil verfuhr dagegen Regierungschef Mariano Rajoy: Während die Debatte lief, machte er im Live-Interview beim Sender Tele5 ein Wahlversprechen, das nicht an Wechselgelüste, sondern an die Sehnsucht nach materieller Sicherheit appelliert. Alte Schule eben.

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