https://www.faz.net/-gqz-12kqy

Eklat um Kulturpreis : Ein deutsches Trauerspiel

Der Hessische Kulturpreis sollte unter anderem an den Islamwissenschaftler Navid Kermani gehen. Doch zwei weitere Preisträger, Kardinal Lehmann und der evangelische Theologe Steinacker, legten ihr Veto ein: Kermani habe das christliche Kreuz angegriffen.

          5 Min.

          Im Dezember des vergangenen Jahres wurde gemeldet, dass der Hessische Kulturpreis des Jahres 2009 am 22. März verliehen werden solle. Die Entscheidung der Jury hatte das Erfreuliche, dass sie den Geist eines Dialogs der Religionen atmete. Ein Katholik, ein Protestant, ein Jude und ein Muslim sollten ausgezeichnet werden; Peter Steinacker, der ehemalige Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Karl Kardinal Lehmann, Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Fuat Sezgin.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Sezgin lehrt und forscht, auch nach seiner Emeritierung, am Frankfurter Institut für die Geschichte der Naturwissenschaften, und zwar in der Nachfolge des legendären Willy Hartner. Schon Hartner war ein exzellenter Kenner arabischer und chinesischer Astronomie. Sezgin hat unendliche Verdienste um die Erforschung der arabischen und aus dem islamischen Raum stammenden wissenschaftlichen Quellen. Sehr zu Recht also konnte der hessische Ministerpräsident Koch erklären, man würdige „das herausragende Engagement der vier Preisträger für den religionsübergreifenden Dialog in Deutschland. Seit vielen Jahren setzen sie sich für das friedliche Miteinander der drei großen abrahamitischen Weltreligionen - Christentum, Judentum und Islam - ein. Ihr Eintreten für einen respektvollen und toleranten Umgang zwischen den Glaubensgemeinschaften ist ein ermutigendes Beispiel, das weit über unsere Landesgrenzen hinaus als Vorbild dienen kann“.

          Sezgins Vorbehalte

          Nun ging der 22. März vorüber, ohne dass man Weiteres von dem mit 45.000 Euro dotierten Preis hörte. Fuat Sezgin hatte sich inzwischen aus dem Kreis zurückgezogen, weil er, wie das Kuratorium jetzt mitteilt, Vorbehalte gegen Salomon Korn hatte: dieser habe die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern „öffentlich so kommentiert, dass es für seine politische Überzeugung und sein kulturelles Verständnis nicht hinnehmbar sei, den Preis mit ihm anzunehmen“.

          In dieser Situation wandte sich das Kuratorium an Navid Kermani und teilte ihm mit, er sei nunmehr mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet worden. Auch dies eine erfreuliche Entscheidung. Der Schriftsteller und Publizist, 1967 in Deutschland als Sohn iranischer Eltern geboren, verbindet eine hohe literarische und künstlerische Sensibilität mit einer exzellenten und engagierten Kenntnis des Korans und der islamischen Überlieferung. 1999 erschien sein Buch „Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran“. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Im vergangenen Jahr war er Gast der Villa Massimo in Rom. Die Entscheidung für Kermani fiel zunächst mit dem Einverständnis der anderen Preisträger.

          Gegen die Kreuzestheologie

          In Rom aber schrieb Kermani einen Aufsatz für die „Neue Zürcher Zeitung“, der am 14. März erschien und unabsehbare Folgen haben sollte. Er meditierte über ein Bild von Guido Reni, die „Kreuzigung“ in der Basilika San Lorenzo in Lucina. Gläubiger Muslim, der Kermani ist, musste er seine tiefen Vorbehalte gegen das Kreuz zum Ausdruck bringen, in sehr deutlicher Sprache: „Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt.“ Ja, er wurde noch schärfer: „Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie.“

          Aber wenn man Kermanis Aufzeichnungen richtig las, dann war damit doch nur der Ausgangspunkt formuliert, der in der Gedankenbewegung - so etwas gibt es! - in eine ganz andere Sicht des Kreuzes mündete. Guido Reni führe „das Leiden aus dem Körperlichen ins Metaphysische über. Sein Jesus hat keine Wunden. Er blickt in den Himmel, die Iris aus dem Weiß des Auges beinah verschwunden: Schau her, scheint er zu rufen. Nicht nur: Schau auf mich, sondern: Schau auf die Erde, schau auf uns. Jesus leidet nicht, wie es die christliche Ideologie will, um Gott zu entlasten, Jesus klagt an: Nicht, warum hast du mich, nein, warum hast du uns verlassen?“ Vor dem Altarbild, schrieb Kermani weiter, fand er den „Anblick so berückend, so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich - nicht nur: man -, ich könnte an ein Kreuz glauben.“

          Unversöhnbar angegriffen

          Diese kühne, dramatische Folge von Kermanis Gedanken, die für einen Muslim an der Schwelle zur Ketzerei liegen müssen, entging Peter Steinacker und Karl Kardinal Lehmann. Diese Vorderleute einer liberalen Theologie des innerkirchlichen und interreligiösen „Dialogs“ erhoben Einspruch gegen den neu ins Auge gefassten Preisträger - und zwar wegen des Kreuzes. Sie würden, so erklärten beide, „wegen der so fundamentalen und unversöhnlichen Angriffe auf das Kreuz als zentrales Symbol des christlichen Glaubens den Preis bei gleichzeitiger Vergabe an Navid Kermani nicht annehmen“. Das Kuratorium bat daraufhin Kermani um eine „Erläuterung“ seiner Sätze - was dieser ablehnte, ablehnen musste: Bei einem, der verantwortlich schreibt, sprechen die Texte für sich.

          Nun wird die Auszeichnung am 5. Juli an Salomon Korn, Steinacker und Kardinal Lehmann verliehen. Kermani erfuhr von seinem Ausschluss übrigens erst gestern durch einen Anruf dieser Zeitung - eine zusätzliche Taktlosigkeit. Als Trostpreis darf er, zusammen mit Fuat Sezgin und den drei Preisträgern, dann an einer Podiumsdiskussion teilnehmen, mit der man (natürlich!) „öffentliche Debatten anstoßen“ will. Höhnisch muss die Formulierung wirken, man wolle „erreichen, dass selbst angesichts so offensichtlich großer Unterschiede nicht übereinander, sondern miteinander geredet wird“. Zum Kuratorium des Hessischen Kulturpreises gehört auch Frank Schirrmacher, Herausgeber dieser Zeitung. An der Entscheidung über den diesjährigen Preis war er wegen Abwesenheit nicht beteiligt.

          Plötzliche Entschlossenheit

          Warum hat das Kuratorium, nachdem Lehmann und Steinacker ihr Einverständnis mit Kermani zurückgezogen und erklärt hatten, den Preis nicht gemeinsam mit ihm annehmen zu wollen, nicht beschlossen, ihn zumindest diesen beiden Auserkorenen nicht zu verleihen? Das Kuratorium hält es für „unvertretbar“, die „bereits öffentlich ausgesprochene Ehrung des unbestritten großen Lebenswerkes in der Interaktion von Religion und Kultur der Persönlichkeiten Karl Kardinal Lehmann, Peter Steinacker und Salomon Korn zurückzunehmen“. Das Land ist sichtlich bemüht, sich Lehmanns und Steinackers Interpretation von Kermanis Bildbetrachtung und das böse Verdikt des Unversöhnlichen nicht zu eigen zu machen. Aber der jüngste Beitrag der geistlichen Herren zur Interaktion von Religion und Kultur ist nun der fürs erste markanteste Teil der beiden mit dem Preis geehrten Lebenswerke.

          Man staunt über die plötzliche Entschlossenheit der Kirchenmänner. Auch deshalb, weil sich in der gerade vergangenen Osterzeit in der Sprachregelung beider Kirchen eine Auffassung des Kreuzestodes durchgesetzt hat, die vom Sühnopfer denkbar weit entfernt ist: nur noch als Zeichen der „Solidarität“ Christi mit den sterblichen Menschen soll das Kreuz noch Bedeutung haben. Und es ist schon ein paar Jahre her, aber man sollte daran erinnern: Die Bischöfin der nordelbischen Landeskirche, Maria Jepsen, hatte einmal statt des Kreuzes, wie es über 2000 Jahre bekannt war, eines gefordert, auf dem kleine Kinder spielen.

          Protokoll gescheiterter Versuche

          Lehmann, Steinacker und Korn erhalten den Preis „in Anerkennung der Lebensleistung für die interreligiöse Kooperation und die Schaffung einer Kultur des Respektes“. Das Land Hessen „beabsichtigt mit dem Preis darauf aufmerksam zu machen, dass Religion ein entscheidender Bestandteil des kulturellen Lebens einer freien Gesellschaft ist“. Zu Protokoll gegeben werden „zwei gescheiterte Versuche, auch einen muslimischen Mitbürger, der sich um den kulturellen Austausch auf der Basis des religiösen Glaubens verdient gemacht hat, auszuzeichnen“. Am 5. Juli werden nun nur zwei Christen und ein Jude ausgezeichnet. Einen muslimischen Toleranzapostel mit preiswürdigem Lebenswerk, so wird man später die Preisträgerliste lesen, hat man 2009 nicht gefunden. Dabei liegt auf der Hand, wer es an Respekt hat fehlen lassen.

          Wo nun die größere Missachtung des Kreuzes liegt, in Kermanis häretischen Ideen oder in der neueren innerkirchlichen Sanftheitsreligion, das ist eine theologische Frage, über die das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen ist. Dialog, nach der Vorstellung mancher, ist nur möglich, wo er eigentlich seinen Sinn schon eingebüßt hat. Da, wo es ernst wird, wo er beginnen müsste, bricht man ihn ab. Aus der fernen Welt der vielgescholtenen Achtundsechziger klingt ein Wort zu uns herüber, das diesmal die Sache trifft: „repressive Toleranz“. Die Posse um den Hessischen Kulturpreis ist ein unschätzbares deutsches Sittenbild. Dialogangebote gleichen hierzulande der Einladung, es sich doch bitte in der Gummizelle nebenan gemütlich zu machen, es tue dort ganz bestimmt nicht weh.

          Weitere Themen

          Die Milde der Barbaren

          Historiker Gregorovius : Die Milde der Barbaren

          Der Dichter als Historiker: In der kommenden Woche jȁhrt sich der Geburtstag von Ferdinand Gregorovius zum zweihundertsten Mal. Was macht seine Geschichtsschreibung so modern?

          Topmeldungen

          Reaktion auf Vorsitzendenwahl : Wie Friedrich Merz seinen Trumpf verspielte

          Der Wunsch, Minister zu werden, kostet Friedrich Merz Unterstützung im eigenen Lager. Führende CSU-Leute üben sich bei Kommentaren zum neuen CDU-Vorsitzenden derweil in Zurückhaltung – um sich die Gunst des eigenen Chefs zu sichern.

          Vor dem Krisengipfel : Ruf nach echtem Lockdown wird lauter

          Vor dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten mehren sich Forderungen nach härteren Maßnahmen. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht angesichts der neuen Virus-Varianten von „besorgniserregenden Meldungen“.
          Die Seiser Alm: Unter der Woche verliert sich auf dem größten Hochplateau Europas kaum eine Menschenseele. (Symbolbild)

          Nach Lockdown wieder geöffnet : Südtiroler Sonderweg

          Nach dem Lockdown über Weihnachten und Neujahr in ganz Italien hat Südtirol seit dem 7. Januar wieder „geöffnet“ und widersetzt sich dem Lockdown.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.