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Einzelkämpfer Jürgen Todenhöfer : Sind wir die Terroristen?

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Ein wütender junger Mann

Dort traf Todenhöfer den Protagonisten des Buches: „Sie müssen ihn sich als einen jungen James Dean vorstellen, einen wütenden jungen Mann, der nicht eben drauf brennt, Fremden seine Geschichte zu erzählen.“ Er musste die Daten und Umstände ein wenig verfremden: Einer, der auf amerikanische Soldaten schießt, kriegt im Irak keine Lebensversicherung mehr. Besonderen Stolz entwickeln die Familie und die Freunde Zaids aus dem Umstand, dass er eine Bombe nicht gezündet hat, weil sich ein alter Mann in der Nähe des geplanten Anschlagsorts niedergelassen hatte. „Das“, resümiert Todenhöfer, „ist für mich der entscheidende Punkt: Ablehnung von Gewalt gegen Zivilisten und die Bereitschaft zu Verhandlungen. Im irakischen Widerstand ist beides vorhanden.“

Die Erfahrung, amerikanischen Bomben und Panzern ausgeliefert zu sein, kennt er, Jahrgang 1940, aus seiner Kindheit. Er entkam manchmal seiner Mutter und sammelte Granatsplitter auf, am besten solche, die noch warm waren. Die französische Besatzung erlebte die Familie als hart und bisweilen grausam. Und doch nahm Todenhöfer an den Versöhnungsoffensiven nach Westen teil. „Meine Vorurteile gegen die Franzosen dauerten exakt so lange, bis ich zu einem Schüleraustausch eingeladen wurde.“ Er heiratete eine Französin, ist Ehrenoberst der amerikanischen Armee und sogar Ehrengirlscout, die personifizierte Westbindung. Ihm Antiamerikanismus nachweisen zu wollen wäre sinnlos. Er hat die Telefonnummern einflussreicher Republikaner. Vor dem Irakkrieg hat er sie angerufen. „Sicher war es größenwahnsinnig und aussichtslos. Aber was wäre die Alternative gewesen? Nichts zu tun?“ Er unterstützt auch eine israelisch-palästinensische Begegnungsstätte, damit sich beide Seiten einfach mal kennenlernen. „Diese Teenager schütteln nur den Kopf über die offizielle Politik. Versöhnung ist möglich. Sie wird kommen.“ Er empfiehlt eine Art KSZE für den Nahen Osten.

Kein Schaden

Gerade, als es staatstragend wird, hellt sich Todenhöfers Gesicht auf. „Wissen Sie, hier in Bayern haben wir einen Brauch: Alle vierzehn Tage erheben sich samstags fast sechzigtausend Menschen aller Religionen und verneigen sich vor einem Muslim.“ Kurzfristig erwägt man die Möglichkeit, dass der Mann doch viel verrückter ist, als man mit bloßem Auge erkennt. „Wie?“ „Na vor Franck Ribéry“, einem berühmten Fußballer.

Im Sommer 1979 erschien im „Spiegel“ ein Porträt über Todenhöfer, der Autor war Jürgen Leinemann. Es war eine Vernichtung. Die Überschrift war ein Zitat aus einem alten Kindergedicht von Friedrich Güll: „Das Büblein stampfet und hacket.“ Und zwar, wie töricht, auf einer Eisfläche. Im Gedicht wird es dann ungemütlich - der Bub bricht ein und wird vom Vater versohlt. Leinemann nannte ihn den „Selbstentwickler“. Es war gemein und doch treffender, als der Autor wissen konnte: Todenhöfer hat sich entwickelt, brechende Eisdecken beziehungsweise die fallende Mauer und ein Reinfall samt strafendem politischem Übervater spielten dabei eine große Rolle. Kein Schaden: Unser verpenntes Land verträgt noch mehr solcher Irrer.

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