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Einweihung des Memorial Museums : Im Erinnerungsstrudel von Ground Zero

  • -Aktualisiert am

Als die Türme einstürzten: Ein zerstörter Feuerwertruck. Mehr als 340 Feuerwehrleute kamen beim Einsatz am 11. September ums Leben Bild: AP

Nächste Woche eröffnet das National September 11 Memorial Museum auf Ground Zero seine Pforten. Heute wird es von Präsident Obama feierlich eingeweiht. Bei vielen Betroffenen wird es alte Wunden aufreißen.

          Ein Friedhof, der zugleich als Museum dienen muss und noch dazu Gefahr läuft, als Themenpark missverstanden zu werden. Eine unmögliche Aufgabe, vielleicht sogar eine unlösbare. Das National September 11 Memorial Museum, das am heutigen Donnerstag von Präsident Obama feierlich eingeweiht wird und ab Mittwoch nächster Woche auch fürs große Publikum seine Pforten öffnet, war von Anfang an ein mit Problemen, Vorgaben, Forderungen, Erwartungen und Erinnerungen überladenes Projekt. Es wird jedem, der vor zwölfeinhalb Jahren alt genug war, den Angriff der Flugzeuge und seine Folgen bewusst wahrzunehmen, eine bekannte, schrecklich vertraute Geschichte noch einmal erzählen müssen. Und es wird bei vielen, ob sie an jenem New Yorker 11. September nun aus der Nähe oder Ferne mit dabei waren, alte Wunden neu aufreißen.

          Nicht länger sind es nur die beiden riesigen Wasserfallbecken, die an dem Ort, den die Welt seitdem Ground Zero nennt, die Grundfläche der beiden zerstörten Türme markieren und damit auch den sonnigen, weltverändernden Katastrophentag. Hier geht es nun tatsächlich hinab nach Ground Zero, weit hinab wie in einem gewaltigen Erinnerungsstrudel. Die gläserne Eingangshalle, obwohl scharf angewinkelt und vorsätzlich aus der Balance geraten, verspricht noch nicht viel mehr als ein gängiges Museumserlebnis. Natürlich wurde das Café nicht vergessen, aber die norwegische Architekturfirma Snohetta hat auch einen Raum einbauen müssen, ein Refugium, das nur für Angehörige der Opfer zugänglich ist. Es ist nicht der einzige Bereich, der für den allgemeinen Publikumsverkehr gesperrt bleibt.

          Friedhof oder Touristenattraktion?


          Beherrscht wird das Atrium aber von verrosteten Stahlsäulen, den für die Türme einst emblematischen Pfeilern, die jetzt von tief unten in die Halle ragen. Mit ihnen beginnt die Erzählung sich dramatisch zu verschärfen. Der Weg hinunter in die Unterwelt, die das Museum für sich beansprucht, wird von Stimmen begleitet, die vom Horror des Angriffs geprägt sind. Die Museumsorganisatoren machen keinen Hehl daraus, dass auf emotionale Wirkung bedacht sind. Sie versprechen einen dunklen Erlebnisrausch für Augen und Ohren. Den ersten Schock für die Augen bietet die „slurry wall“, die gigantische Stütz- und Dichtungswand, das zwanzig Meter hohe Bollwerk und technische Wunder, das vor dem Bau der Türme in den Boden versenkt wurde, um sie vor den Fluten des Hudson zu schützen. Auf die Betonmauern war auch am 11. September verlass. In ihrer Widerstandskraft und Unerschütterlichkeit wollten sich dann eine Stadt und eine Nation wiedererkennen. Das Museum kann an Ort und Stelle nun auch die materiell bezwingenden Fundamente eines solchen Wunsch- und Sinnbilds vorführen.

          Aber es geht weiter in die Tiefe. Auf einer Rampe in die schmerzvolle Erinnerung. Bis der Urboden von Manhattan, die Schieferschicht der Insel, erreicht ist und das Museum sich in eine Weihestätte verwandelt. Gedacht wird in Fotoporträts, in Wort und Ton der fast dreitausend Opfer. Nahebei ein verschlossener Raum, in dem noch immer nicht identifizierte Reste ihrer sterblichen Überreste ruhen. Oder nur aufbewahrt, gelagert, gespeichert werden? Es gab viel Streit um das Wo und Wie. Ist die genetische Detektivarbeit fortzusetzen oder doch eher abzubrechen? Einige Angehörige können sich bis heute nicht damit abfinden, dass der Friedhof sich in eine Touristenattraktion, Eintritt 24 Dollar, zu fügen hat.

          Ein Ort nationaler Einkehr

          Der touristische Kern, das ist wohl die Abteilung, die im Minutentakt den Unheilstag rekonstruiert. Es ist eine multimedial inszenierte Dokumentation des Schreckens. Ein Schaufenster, begraben unter Asche. Ein verkohlter Feuerwehrwagen. Letzte Telefongespräche. Verlassene, nie mehr benutzte Fahrräder. Ein Bruchstück der Radio- und Fernsehantenne des nördlichen Turms. Die Treppe, die Rettung bot aus dem Inferno der brennenden Türme. Die Flugzeugentführer, aufgenommen von Sicherheitskameras. Die Flugzeugangriffe, wiedergegeben in Diagrammen. Stehbilder aus Videos von Menschen, die in den Tod springen. Privatsachen, die dem Museum von Angehörigen der Opfer überlassen wurden. Niemand wird und soll hier anfangen, die Ereignisse von damals abzuwägen, ihre Ursachen zu ergründen, sie geschichtlich einzuordnen. Versucht wird vielmehr, den rohen Gefühlen von damals nachzuspüren und sie in die Gegenwart zu retten. Wofür? Das ist die Frage, an der sich viele andere entzünden.

          Während der konfliktreichen Planungs- und Baujahre des Museums wurde schon endlos über seine Anlage und Ausrichtung debattiert, und es sieht ganz danach aus, als könnte es nach der Eröffnung erst richtig losgehen. Vielleicht ist es noch zu früh, am Ort des Geschehens dasselbe samt seiner Vor- und Nachgeschichte einer nüchternen, differenzierten Analyse zu unterziehen. Noch sind die dicken Pinselstriche des modernen Heldenepos gefragt. Der Aufschrei wäre durchs ganze Land zu vernehmen, wenn um das menschliche Leid jener Tage ein großer historischer Rahmen voller subtiler Facetten und genau durchdachter Nuancen gelegt würde. Ground Zero, das ist ein blutdurchtränkter Ort.

          Ein Ort aber auch, der rundherum munter bebaut wird. Ein Ort des Gedenkens, der Trauer, der nationalen Einkehr. Und des internationalen Geschäfts. Auf lange Sicht wird sich das National September 11 Memorial Museum nicht hinter die „surry wall“ der Trauer und des Gedenkens zurückziehen können. Will es nicht zur makabren Touristengaudi verkommen, muss die Gedenkstätte beginnen, über Ground Zero hinaus zu denken.

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