https://www.faz.net/-gqz-quot

Einwanderungsland Schweiz : Ich bin der Alois

Mit Blumen begrüßt: Christoph Schlingensief im Schweizer Exil Bild: picture-alliance / dpa

Die Schweiz ist für deutsche Geistesarbeiter zum Magneten geworden. Und es sind nicht nur die Bühnen, Medien und Verlage, die auf der anderen Seite des Bodensees locken. Erster Teil der neuen Serie „Deutscher Geist wandert aus“.

          Die Schweiz ist für deutsche Geistesarbeiter zum Magneten geworden. Attraktiv ist zum Beispiel der Kulturbetrieb: Nach der Wende arbeitete die aus der DDR stammende Schauspielerin und Literaturwissenschaftlerin Margrit Manz bei der „Literaturwerkstatt“ in Berlin. Vor sechs Jahren kam der Ruf in die Schweiz: Margrit Manz leitet nun mit viel Erfolg das neugegründete Literaturhaus Basel. Maria Ossowski wiederum war Redakteurin beim Südwestrundfunk. Der Sender schickte sie als Kulturkorrespondentin nach Berlin. Der Rückkehr in die Redaktion zog sie den Sprung über den Rhein vor: Sie ging zum Schweizer Rundfunk und wurde beim Zweiten Programm Chefin des Bereichs Moderation.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Schweizer Kulturbetrieb war für Deutsche schon immer relativ offen. Neu ist, daß Frauen in verantwortlichen Positionen und neuen Bereichen eine Chance bekommen. Die Architektin Christine Elbe hatte während der Weltausstellung in Hannover einige Schweizer kennengelernt. Jetzt baut sie neben dem Berner Parlaments- und Regierungssitz das Medienzentrum der Eidgenossenschaft.

          Akademikeranteil 60 Prozent

          Der Drang der Deutschen in die Schweiz ist längst nicht mehr nur eine Flucht der Superreichen vor dem Fiskus, sondern zu einem Massenphänomen geworden. Zweihunderttausend Deutsche leben hier. Sie sind inzwischen die größte Ausländergruppe und jene mit dem stärksten Wachstum. Mehr als elftausend Deutsche zog es 2004 in die Schweiz, sechsmal weniger waren es zehn Jahre zuvor. Nach dem Krieg kamen Dienstmädchen, Arbeiter, Servierpersonal. Von den heute in der Schweiz arbeitenden Deutschen haben sechzig Prozent einen Universitätsabschluß, sie arbeiten als Ärzte, Wissenschaftler, Professoren.

          Das geht nicht ohne Probleme ab, wie das Beispiel einer jungen Frau zeigt, die nicht zur kulturellen Avantgarde gehört, sondern in einem bodenständigeren Zweig als Geistesarbeiterin tätig ist, in einer Schule. Immer wieder ertönen für deutsche Lehrer Lockrufe. Ausgerechnet ein Abgeordneter der ausländerfeindlichen Schweizerischen Volkspartei (SVP) machte den Vorschlag, massenhaft Lehrer aus „dem großen Kanton“ einzustellen. Billiger und besser: Die deutschen Schulmeister, glaubte der Politiker, würden für siebzig Prozent des Gehalts arbeiten und den Schülern auch noch ein besseres Hochdeutsch beibringen. Das war freilich eher als Seitenhieb auf Schweizer Lehrer gedacht denn als Offerte.

          Durch den Dschungel

          Manche kommen trotzdem. Petra Schweikhart-Hofer, in Deutschland als Lehrerin ausgebildet, ist vor fünf Jahren als treuliebende Freundin eines Mannes, der einem Ruf in die Welt des Bankenparadieses folgte, gekommen. Eine zentrale Stelle in einem Kultusministerium, das die Lehrerstellen verwaltet und vergibt, gibt es nicht. Die Deutsche informierte sich bei den Behörden über die Schulen der Kantone Zürich und Schwyz, an deren Schnittstelle sie wohnt. „Ich brauchte zunächst einmal einige Wochen, bis ich mich in diesem Dschungel zurechtfand“, sagt die junge Frau.

          Dann verschickte sie ihre Bewerbungen. Schon etwas verzweifelt, rief sie während der Faschingstage den Schulpräsidenten in der Wohngemeinde ihres Freundes an. Ein Schulpräsident kümmert sich im politischen Nebenamt um mehrere Schulen und ist für die Einstellungen verantwortlich, hat aber beruflich nichts mit ihnen zu tun: „So, Sie können Englisch und Französisch unterrichten? Da suchen wir gerade jemanden. In einer Viertelstunde haben wir Sitzung. Können Sie vorbeikommen?“ Petra Schweikhart-Hofer hat das erste und zweite Staatsexamen, einen französischen und deutschen Magisterabschluß, zwei Jahre in Frankreich und eines in Amerika gelebt.

          „Sie sind doch Deutsche“

          Während des Bewerbungsgesprächs erklärte man ihr das Schulsystem des Kantons Schwyz. „Ich hatte mich, ohne das selber so genau zu wissen, um die Stelle eines Sekundarlehrers Ausrichtung ,phil eins' beworben.“ Er muß Deutsch, Englisch, Französisch, Geschichte und Lebenskunde unterrichten. Die Sekundarschule entspricht der deutschen Sekundarstufe I. Nach ihrem Abschluß machen ihre Schüler eine Berufslehre oder die Aufnahmeprüfung für eine Klasse, die zum Abitur führt. „Also, Sie sind doch Deutsche, da können Sie sicher auch Deutsch unterrichten. In die Geschichte hat man sich schnell eingelesen, den Rest schaffen Sie auch noch. Wenn man so Ihren Lebenslauf sieht, scheinen Sie doch ehrgeizig zu sein.“

          Als sie die Sitzung der Kommission verließ, sagte der Schulleiter zu der jungen Frau: „Übrigens, ich bin der Alois. Mir fiel die Kinnlade herunter: Eh, ich bin die Petra.“ Etwas verunsichert, reiste sie nach Deutschland zurück - und fand den Bericht des Kultusministeriums von Rheinland-Pfalz vor, auf den sie so lange gewartet hatte: Sie bekam eine Stelle - mit Beamtenstatus - als Gymnasiallehrerin. Nach einer Woche schlafloser Nächte kam auch ein Anruf aus der Schweiz: „Im August können Sie anfangen.“ Die Schulbehörde hatte sich bereits um die Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung gekümmert.

          Kinderbetreuung als Problem

          Petra Schweikhart-Hofer entschied sich nicht gegen Deutschland, dem sie um jeden Preis die Schweiz vorgezogen hätte, sondern für die Liebe. Und nahm das Risiko einer Stelle mit befristetem Vertrag in Kauf. „Ich arbeitete am Anfang fast Tag und Nacht und verbrachte die erste Zeit damit, mich ins Schweizerdeutsche einzuhören.“ Am meisten erstaunt war sie über die Summe, die nach Abzug der Steuer auf dem Konto blieb. Die anderen Unterschiede wurden ihr bewußt, als sie ein Kind bekam. Der bezahlte Mutterschaftsurlaub ist auf sechzehn Wochen beschränkt. Bei einer Schwangerschaft besteht die Gefahr, daß ein befristeter Vertrag nicht erneuert wird. Krippenplätze werden im Kanton Schwyz nicht subventioniert, sind so schwer zu finden und dermaßen teuer, daß es sich kaum mehr lohnt, überhaupt zu arbeiten.

          Lange Zeit wußte Petra Schweikhart-Hofer nicht, ob sie nach ihrer Mutterschaft an ihre Stelle würde zurückkehren können. Um allenfalls auch in anderen Kantonen unterrichten zu können, ließ sie ihre Abschlüsse in der Schweiz amtlich anerkennen. Der Papierkrieg dauerte Wochen. In Schwyz hat man ihr nach drei Jahren die definitive Lehrerlaubnis für Englisch und Französisch erteilt, nicht aber für Deutsch - trotz eines sehr positiven Berichts des Inspektors. Petra Schweikhart-Hofer fehlt der entsprechende Abschluß, was ursprünglich überhaupt kein Hindernis gewesen war.

          Rückkehr nach Deutschland? Nicht geplant

          In der Schweiz werden Schüler nicht mit Noten diszipliniert, hat Petra Schweikhart erfahren, sondern mit Nachsitzen, Aufräumungsarbeiten auf dem Schulgelände, Abschreiben von Texten. „Und zumindest an unserer Schule stärken die Eltern den Lehrern den Rücken. Die Lehrer haben ein eigenes Klassenzimmer. Die Schüler essen bei ihren Müttern zu Hause, am Nachmittag ist Unterricht. Sogar am Abend oder am Wochenende trifft man auf dem Schulgelände Kollegen an. Von der Ordnungsliebe der Schweizer habe ich viel lernen können. Seitdem ich hier bin, ist jeder meiner Ordner beschriftet und jedes Arbeitsblatt wiederzufinden.“ Ausländische Lehrer sind in der Schweiz, in der jeder Kanton über sein eigenes Bildungssystem verfügt, keine Ausnahmeerscheinung. Es gibt arbeitslose Lehrer, aber es gibt auch viele offene Stellen.

          Die Angriffe der SVP auf die schweizerischen Schulmeister haben das Klima verschlechtert und Abwehrreflexe ausgelöst. Der Präsident des mächtigen Züricher Lehrerverbandes sagte vor einem Jahr zu einer Zeitung: „Ich habe einige Erfahrungen mit Praktikanten aus Deutschland sammeln können. Abschließend kann ich deshalb sagen, daß ich keinen deutschen Lehrer einstellen würde.“ Ein SVP-Politiker, der selber Lehrer ist, unterstrich die „kulturellen Unterschiede“ und behauptet schlicht: „Die deutschen Lehrer sind nicht kompatibel mit unserem Schulsystem.“

          Diesen Unsinn widerlegen Petra Schweikhart-Hofer und Hunderte von Kollegen täglich. Auch für sie hat nach den Sommerferien ein neues Schuljahr begonnen. Sie wartet allerdings noch immer auf einen unbefristeten Vertrag. Am meisten fürchtet Petra Schweikhart-Hofer inzwischen, daß ihr Mann nach London oder New York geschickt werden könnte. Sie denken daran, ein Haus zu kaufen. Eine Rückkehr nach Deutschland ist in der Lebensplanung der vierunddreißig Jahre alten Frau nicht mehr vorgesehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.