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Einwanderungsland Schweiz : Ich bin der Alois

Als sie die Sitzung der Kommission verließ, sagte der Schulleiter zu der jungen Frau: „Übrigens, ich bin der Alois. Mir fiel die Kinnlade herunter: Eh, ich bin die Petra.“ Etwas verunsichert, reiste sie nach Deutschland zurück - und fand den Bericht des Kultusministeriums von Rheinland-Pfalz vor, auf den sie so lange gewartet hatte: Sie bekam eine Stelle - mit Beamtenstatus - als Gymnasiallehrerin. Nach einer Woche schlafloser Nächte kam auch ein Anruf aus der Schweiz: „Im August können Sie anfangen.“ Die Schulbehörde hatte sich bereits um die Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung gekümmert.

Kinderbetreuung als Problem

Petra Schweikhart-Hofer entschied sich nicht gegen Deutschland, dem sie um jeden Preis die Schweiz vorgezogen hätte, sondern für die Liebe. Und nahm das Risiko einer Stelle mit befristetem Vertrag in Kauf. „Ich arbeitete am Anfang fast Tag und Nacht und verbrachte die erste Zeit damit, mich ins Schweizerdeutsche einzuhören.“ Am meisten erstaunt war sie über die Summe, die nach Abzug der Steuer auf dem Konto blieb. Die anderen Unterschiede wurden ihr bewußt, als sie ein Kind bekam. Der bezahlte Mutterschaftsurlaub ist auf sechzehn Wochen beschränkt. Bei einer Schwangerschaft besteht die Gefahr, daß ein befristeter Vertrag nicht erneuert wird. Krippenplätze werden im Kanton Schwyz nicht subventioniert, sind so schwer zu finden und dermaßen teuer, daß es sich kaum mehr lohnt, überhaupt zu arbeiten.

Lange Zeit wußte Petra Schweikhart-Hofer nicht, ob sie nach ihrer Mutterschaft an ihre Stelle würde zurückkehren können. Um allenfalls auch in anderen Kantonen unterrichten zu können, ließ sie ihre Abschlüsse in der Schweiz amtlich anerkennen. Der Papierkrieg dauerte Wochen. In Schwyz hat man ihr nach drei Jahren die definitive Lehrerlaubnis für Englisch und Französisch erteilt, nicht aber für Deutsch - trotz eines sehr positiven Berichts des Inspektors. Petra Schweikhart-Hofer fehlt der entsprechende Abschluß, was ursprünglich überhaupt kein Hindernis gewesen war.

Rückkehr nach Deutschland? Nicht geplant

In der Schweiz werden Schüler nicht mit Noten diszipliniert, hat Petra Schweikhart erfahren, sondern mit Nachsitzen, Aufräumungsarbeiten auf dem Schulgelände, Abschreiben von Texten. „Und zumindest an unserer Schule stärken die Eltern den Lehrern den Rücken. Die Lehrer haben ein eigenes Klassenzimmer. Die Schüler essen bei ihren Müttern zu Hause, am Nachmittag ist Unterricht. Sogar am Abend oder am Wochenende trifft man auf dem Schulgelände Kollegen an. Von der Ordnungsliebe der Schweizer habe ich viel lernen können. Seitdem ich hier bin, ist jeder meiner Ordner beschriftet und jedes Arbeitsblatt wiederzufinden.“ Ausländische Lehrer sind in der Schweiz, in der jeder Kanton über sein eigenes Bildungssystem verfügt, keine Ausnahmeerscheinung. Es gibt arbeitslose Lehrer, aber es gibt auch viele offene Stellen.

Die Angriffe der SVP auf die schweizerischen Schulmeister haben das Klima verschlechtert und Abwehrreflexe ausgelöst. Der Präsident des mächtigen Züricher Lehrerverbandes sagte vor einem Jahr zu einer Zeitung: „Ich habe einige Erfahrungen mit Praktikanten aus Deutschland sammeln können. Abschließend kann ich deshalb sagen, daß ich keinen deutschen Lehrer einstellen würde.“ Ein SVP-Politiker, der selber Lehrer ist, unterstrich die „kulturellen Unterschiede“ und behauptet schlicht: „Die deutschen Lehrer sind nicht kompatibel mit unserem Schulsystem.“

Diesen Unsinn widerlegen Petra Schweikhart-Hofer und Hunderte von Kollegen täglich. Auch für sie hat nach den Sommerferien ein neues Schuljahr begonnen. Sie wartet allerdings noch immer auf einen unbefristeten Vertrag. Am meisten fürchtet Petra Schweikhart-Hofer inzwischen, daß ihr Mann nach London oder New York geschickt werden könnte. Sie denken daran, ein Haus zu kaufen. Eine Rückkehr nach Deutschland ist in der Lebensplanung der vierunddreißig Jahre alten Frau nicht mehr vorgesehen.

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