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Einmal in Handschellen : Urlaub vom bourgeoisen Ich

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Es muss ja nicht gleich ein Drogendelikt sein: Auch wer die falsche Straße wählt, kann sich unversehens in Handschellen wiederfinden. Bild: dpa

Wir wollen gerne gebildet, sophisticated, kontrolliert erscheinen. Unfreiwillig nimmt sich unser Autor davon eine Auszeit – und ist kurzzeitig nur Körper: Was es bedeutet, Handschellen zu tragen.

          Wahrscheinlich war es schon immer Teil des Bürgerlichseins, sich einer bestimmten Form der Selbstdiffamierung hinzugeben. Es ist die ewige Idee, nicht hart genug zu sein. Wer nicht körperlich arbeitet, der ist in Gefahr, den Körper zu einer Projektionsfläche zu machen, in ihm Befreiung zu sehen. Vom Labern, vom Zweifel, vom immerwährend Gedanken produzierenden Gehirn. Ein Mittel der Verwandlung in den heiß ersehnten ganz Anderen.

          Vielleicht spielen Fußball-Ultras deshalb Tribalismus, geben sich irgendwelche mafiaartigen Ehrenkodizes, stilisieren die doch zumeist langweiligen Spiele zum ewigen Endkampf, gern mit nacktem Oberkörper. Und natürlich kann sich geprügelt werden. Nicht wenige Teilnehmer dieses Karnevals kommen aus der bürgerlichen Mittelschicht – genauso bei den Autonomen. Auch ihnen geht es anscheinend um den Körper: Sie haben die Streetfighter-Pose eingeübt. Geredet wurde genug.

          Verwandlung, Körper, Kampf

          Aber die bürgerliche Körperneurose hat auch hochpolitische Auswirkungen: Sie ist einer der Gründe, warum die Propaganda vom angeblichen „Volk“, von dem sich der körperentfremdete urbane Schreibtischmensch angeblich entfernt hat, eine erstaunliche Durchschlagskraft im bürgerlichen Lager erzielte. Denn genau das, unmittelbare Körperlichkeit, wird genau diesem sogenannten Volk zugeschrieben.

          Aber man muss nicht Ultra sein oder Autonomer oder Körperarbeit machen, um nur noch Körper zu sein. Ein Verstoß gegen Paragraph 18, Absatz 9 der Straßenverkehrsordnung reicht auch: „Zu Fuß Gehende dürfen Autobahnen nicht betreten.“

          Und das geht so: Der Autor will mit dem Fahrrad zu einem abendlichen Treffen. Das als Navi arbeitende Smartphone weist eine Strecke verdächtig nahe der Stadtautobahn als Fußgängerweg, also auch für Räder geeignet aus. Der Autor schiebt das Fahrrad in diesen Weg. Nach einigen hundert Metern sieht der Weg auf einmal anders aus. Zweifel kommen auf. Autofahrer hupen. Ist das wirklich ein Fußgängerweg? Das sieht nach einem Irrtum aus, schnell weg hier, Umkehr. Wenn die Polizei jetzt zufällig kommt, gibt es Ärger, nichts wie runter hier. Die kommt dann auch. Aber mit Blaulicht. Und hält neben dem Autor. Jetzt gibt es eine Abreibung, denkt der, verbaler Art. Aber die vier Männer und zwei Frauen reden nicht. Sie springen aus dem Mercedes-Bus, drängen den Autor an die Brüstung, stemmen seine Beine auseinander, tasten ihn ab, und fünf Sekunden später trägt er Handschellen, die er 15 Minuten nicht ablegen wird.

          15 Minuten bürgerliche Selbstvernichtung

          Und schon ist man unfreiwillig mittendrin im bürgerlichen Themenkomplex Körper. Jetzt kriegt man das gratis und frei Haus geliefert, wofür Autonome oder Ultras oder andere Hobby-Gruppen immensen Aufwand betreiben müssen. Irgendwohin fahren, Kostüme anlegen, auf Krawall hoffen.

          Die Verwandlung: eben noch ein bürgerlicher Mittelschichtsmensch, jetzt schon als so gefährlich eingestuft, dass man in Handschellen im Polizeibus sitzt. Die nehmen dich so ernst, und zwar körperlich, dass sie dir – Hiphop-Wort – Respekt entgegenbringen. In einem bürgerlichen Leben will man ja immer nur intellektuell ernst genommen werden, und genau das ist ja der Zivilisationsfortschritt. Kurzer, blitzartiger, bizarrer Gedanke in Handschellen: Das ist doch mal was; und passieren kann dir auch nichts, du lebst ja nicht in einem Polizeistaat. Also 15 Minuten auf Urlaub vom bourgeoisen Ich. Ist es genau das, was auch Autonome oder Ultras denken, wenn sie ihre tribalistischen Shows inszenieren?

          Fesselung ist der Polizei in folgenden Fällen erlaubt: Fremdgefährdung. Eigengefährdung. Fluchtgefahr. Fremdgefährdung – die halten es für möglich, dass du hart eine runterhaust – streichelt das Ego des gerade vom mittelalten Bürger zum schweren Jungen Mutierten am meisten. Eigengefährdung weniger: Die denken, dass du von der Autobahnbrücke springen könntest.

          Die 15 Minuten in Handschellen ist man tatsächlich nur Körper. Man wird in den Bus gehievt und wieder raus. Man ist nur Körper, weil außer in Befehlsform nicht gesprochen wird. Dann kehren die Wörter zurück, warum man das gemacht hat, was denn los sei. Das Reden wird wieder in sein Recht gesetzt. Man hat ja schon viele peinliche Sachen gemacht: komische Dinge gesagt und Leute düpiert, geschmacklose Sachen getragen, Bildungslücken offenbart. Aber 15 Minuten in Handschellen, davon zehn auf einer belebten Berliner Straße, ist eine besondere Erfahrung der bürgerlichen Selbstvernichtung.

          Schließlich darf man gehen. Freund G., dem man die Geschichte erzählt, ist beeindruckt, fast schon neidisch. Es ist ganz leicht, noch ein bisschen von der Aura des schweren Jungen mitzunehmen.

          Tage später denkt man etwas peinlich berührt an die Episode zurück. Der Polizist hatte, wohl leichtes Bedauern signalisierend, gesagt, er müsse die Handschellen noch dranlassen, es müsse noch einiges überprüft werden. Und was hatte man geantwortet? Ja, man hatte sich wirklich sagen hören: „Nee, ist schon okay.“ Anti-Bürgerlichkeit mit Rückkehrgarantie und vollen Grundrechten war wohl schon immer der kleine Urlaub vom bürgerlichen Ich. Muss ja nicht auf der Autobahn sein. Schöne Ferien noch!

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