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Berliner Einheitsdenkmal : Der Elefant der Nation

Die Einheit von oben: Denkmalsentwurf des Stuttgarter Büros Milla und Partner Bild: dpa

Das Freiheits- und Einheitsdenkmal auf dem Berliner Schlossplatz sollte auf würdige Weise an die deutsche Wiedervereinigung erinnern. Jetzt wird es endgültig zur Farce.

          3 Min.

          Man kennt das aus Kindertagen: Ein Spielzeug steht im Schaufenster, groß, glänzend und bunt. Man will es unbedingt haben. Man quengelt, bettelt und trotzt, schließlich geben die Eltern nach, das Zauberzeug wird angeschafft. Dann hat man das Ding im Zimmer stehen - und plötzlich taugt es zu nichts mehr. Es glänzt noch, aber sein Versprechen ist erloschen. Eine Weile behält es noch seinen Platz, dann wird es mit anderem Krimskrams aussortiert, weiterverschenkt, fortgeschickt ins Reich des Vergessens.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          So geht es jetzt mit dem Berliner Einheitsdenkmal. Vor sieben Jahren vom Bundestag als Ort des Gedenkens an die Wiedervereinigung und den historischen Kampf der Deutschen um Einheit und Freiheit beschlossen, hat das Denkmal seitdem alle Stationen eines kulturpolitischen Großprojekts durchlaufen: Grundsatzdebatte, Budget-Diskussion, Gestaltungswettbewerb, Blamage, neuer Gestaltungswettbewerb, Preisentscheidung, Kritik, Nachbesserungen, Verzögerung, Stillstand.

          Fledermäuse nisten im Fundament

          Vor acht Monaten ist die Choreographin Sasha Waltz, die Initiatorin des Entwurfs „Bürger in Bewegung“, den der damalige Kulturstaatsminister Neumann unter den drei Wettbewerbssiegern auswählte, aus dem Vorhaben ausgestiegen. Ihr Partner, die Stuttgarter Marketing-Agentur Milla und Partner („unsere Kernkompetenz ist die Kreation und Umsetzung von Markenwelten, Ausstellungen, Messeauftritten und Events“), will das Denkmal, eine Art Mega-Wippe mit polierter Messing-Unterseite und asphaltierter Besucherplattform im Flugzeugträgerstil, allein fertigbauen. Auf der Website der Agentur prangt noch immer der Entwurf von 2011, als wäre alles in bester Ordnung. Schlimmer kann man sich kaum irren.

          In den vergangenen Monaten wurde bekannt, dass der Bau der Einheitswippe von gleich drei Berliner Instanzen blockiert wird: dem Behindertenbeauftragten, dem Denkmalschutz und den Naturschützern. Letztere haben festgestellt, dass im Sockel des einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmals, auf dem die Wippe stehen soll, artgeschützte Fledermäuse nisten, in deren Brutzeit die Bauarbeiten ruhen müssen. Der Denkmalschutz wiederum verlangt, die Bodenmosaiken aus Wilhelms Zeiten, die bei den Fundamentarbeiten entdeckt wurden, durch ein archäologisches Fenster sichtbar zu machen. Und der Behindertenbeauftragte moniert, die von Milla und Partner geplante Besucherrampe sei mit ihrem Steigungswinkel von knapp sieben Grad für Rollstuhlfahrer ohne Elektromotor nicht zu meistern. Man traf sich zu Sitzungen, schrieb Protokolle, und nichts geschah.

          Der Kompromiss ist der Tiefschlag für das Projekt

          Ende April hatte die bis dahin geduldige neue Kulturstaatsministern Monika Grütters die Faxen dicke. In einem Interview forderte sie das Land Berlin auf, die offenen Fragen zum Einheitsdenkmal zügig zu klären (F.A.Z. vom 25. April). Seither hat sich der Takt der Sitzungen offenbar stark beschleunigt. Noch vor der Sommerpause wird man nun wohl die Ergebnisse verkünden: Die Fledermäuse bekommen ein neues Domizil, die Denkmalschützer ihr archäologisches Fenster, die Rampenneigung wird von sieben auf sechs Prozent abgesenkt. Das klingt, als wäre endlich alles geklärt, als könnte der Eröffnungstermin zum fünfundzwanzigsten Jahrestag der deutschen Einheit im Oktober 2015, den Grütters schon als Wunschdenken bezeichnet hatte, doch noch gehalten werden.

          In Wahrheit ist der ausgehandelte Kompromiss der letzte Tiefschlag, den das Einheitsdenkmal noch brauchte, um endgültig überflüssig zu werden. Schon bei der Vorstellung der nachgebesserten Version im April 2011 war klar, dass aus der von Sasha Waltz erdachten Bewegungsskulptur bestenfalls ein durch Zäune und Geländerstangen gesichertes, von Wärtern und Polizisten bewachtes elefantöses Nationalgerät werden würde. Jetzt erscheint der ohnehin überproportionierte Sockel durch die fällige Verlängerung der Rampe noch plumper, die Freiheitssymbolik durch die Kaisermosaiken noch diffuser. Und das Schaukeln, so verkündet es der Berliner Behindertenbeauftragte Jürgen Schneider, wird völlig „unmerklich“ werden, ein hegelsches Abstraktum an Bewegung, das man nicht mehr mit dem Körper, sondern nur noch mit dem Kopf begreifen kann.

          Deshalb ist es Zeit, sich von der Einheitswippe zu verabschieden. Man muss sich von ihr lossagen wie von einem Spielzeug, mit dem man lange geliebäugelt und das man gerade noch rechtzeitig aus der Nähe gesehen hat. Es wippt nicht, es funkt nicht, es dient höchstens als Mahnmal für den gescheiterten Versuch, die deutsche Einheit als öffentliche Bespaßungsanlage zu inszenieren. Mit den Siegerentwürfen von Andreas Meck und Stephan Balkenhol liegen zwei weitere Projekte auf dem Tisch, über die man reden kann. Keines von beiden würde mit dem Natur-, Denkmal- oder Behindertenschutz kollidieren. Und für das Kind in uns gibt es anderswo Schaukeln genug.

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