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Eine Wissenschaftlerin antwortet : Schrotts Homer - ein kühner historischer Roman?

  • -Aktualisiert am

Homer: Noch nicht endgültig erforscht Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Raoul Schrott will mit seiner Idee von Homers „Ilias“ als Synthese orientalischer und griechischer Einflüsse eine Diskussion entfachen. Die Wissenschaft, obwohl angetan von den Thesen, kann diese denn auch nicht unwidersprochen hinnehmen. Eine Stellungnahme.

          Die homerischen Epen waren seit ihrer Entdeckung für die europäische Moderne Gegenstand öffentlich ausgetragener Kontroversen. Die Geschichte begann im Paris Ludwigs XIV., wo man sich darüber echauffierte, ob Homer überhaupt noch zeitgemäß sei und man die alten Epen nicht besser in der Versenkung verschwinden lassen solle. Resultat war eine erste komplette Übersetzung und ein stetig steigender Ruhm Homers, der ganz Europa erfasste.

          Die Rezeption der alten Dichtung führte dann auch immer deutlicher zu historischem Lernen, denn zunehmend konnte die Antiquiertheit der Epen durch das Verstehen alternativer kultureller Horizonte erklärt werden. Das führte zur Etablierung einer historisch-kritischen Wissenschaft - und damit auch zu den bekanntlich oft miteinander im Streit liegenden Standpunkten der wissenschaftlichen und der öffentlichen historischen Rezeption. Letztere sucht bis heute nach anschaulicher Historie und einer Freiheit der historischen Phantasie, die anscheinend von den zunehmend komplizierter werdenden Bestrebungen der historisch-kritischen Wissenschaft blockiert wird. Diese wiederum muss ihre Befunde durch sorgfältige Analyse und systematische Einordnung absichern und sie zu diesem Zweck vor jener freien Phantasie schützen.

          Der Stich ins Wespennest

          Auch die homerische Wissenschaftsgeschichte zeitigte nicht nur Fortschritte, sondern mit zunehmender Spezialisierung auch kontroverse Ansätze. Um zu verstehen, in welches Wespennest Raoul Schrott mit seinen Thesen zur Person Homers und der Entstehung der „Ilias“ (siehe auch: Ilias: Homers Geheimnis ist gelüftet) gestochen hat, gilt es zunächst, die unterschiedlichen Auffassungen und Herangehensweisen zu berücksichtigen.

          Der heutige Stand der Forschung ist in grober Vereinfachung folgender: Die angloamerikanische Oral-Poetry-Forschung geht von einem fließenden Text ohne konkreten Dichter aus und von verschiedenen Phasen der späten Verschriftlichung einer genuin mündlichen Literatur. Grundlage der deutschen Forschung ist dagegen ein hermeneutischer Ansatz, der aus der erzählerischen Struktur und Einheit der „Ilias“ einen genuinen Autor ermittelt sowie die Sinnbildungen, die der epische Dichter seinem zeitgenössischen Publikum durch die Erzählung vermitteln wollte.

          Außerordentlich fortschrittliche Erzählkultur

          In der Diskussion stehen heute die Frage nach dem zeitgenössischen Horizont und dem Datum der Verschriftlichung des Textes sowie die Frage nach der Historizität der Troia-Sage. Letztere gibt für die einen in leicht verschlüsselter Form die Geschichte des mykenischen Griechenland und des benachbarten Kleinasien wieder, stellt für die anderen aber einen Sagenkreis dar, der, im frühen ersten Jahrtausend geschaffen, die griechischen Mythen, die nicht nur und nicht in erster Linie verschlüsselte Historie darstellen, in einem zentralen Motiv zusammenfasst. Aus diesem und anderen Sagenkreisen wäre dann mit den Großepen und jeweils neuen Episodenbildungen die typisch homerische, außerordentlich fortschrittliche Erzählkultur entstanden.

          Hier wird das Epos vor dem aktuellen Hintergrund der frühen griechischen Archaik erzählt; die Datierung der Abfassung verschiebt sich wegen neu ermittelter aktueller Bezüge auf die Zeit der frühen Verfassungsgeschichte der griechischen Poleis, also der sogenannten orientalisierenden Epoche der griechischen Kunst, in das frühe bis mittlere siebte Jahrhundert vor Christus.

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