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Stahl-Architektur : Baukasten statt Kastenbau

Vorbild vieler Stahlskelettbauten auch in Deutschland: Mies Van Der Rohes „Crown Hall“ für das Illinois Institute of Technology in Chicago Bild: Picture-Alliance

In der Nachkriegszeit waren sie ganz groß, inzwischen sind sie im Freilandmuseum angekommen: Sind Häuser aus Stahl mehr als nur eine Episode der Architekturgeschichte?

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          Die drei Herren, die da Anfang der siebziger Jahre an einem nicht ganz strahlenden Sommertag, der Sonnenschirm ist zugeklappt, auf der Terrasse von Schloss Solitude in Stuttgart sitzen, teilen mehr als nur den Architektenberuf und den Inhalt von zwei Weinflaschen, die leer auf dem Tisch stehen: Frei Otto, Konrad Wachsmann und Fritz Haller sind tonangebende, theoretisch versierte Protagonisten ihrer Profession, die sich früh mit dem industriellen Bauen und einem Werkstoff beschäftigt haben, der, anders als im Ingenieurbau, bei Brücken, Hallen oder Tragwerken, in der Architektur eine eher nachgeordnete Rolle spielt: Stahl.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Mit dem historischen Foto dieses informellen Dreikönigtreffens eröffnete Georg Vrachliotis (Karlsruhe) den abschließenden Vortrag der Tagung „Von ‚Stahlschachteln‘ und Bausystemen“ an der TU Dortmund, der dem Thema die Krone aufsetzte: „Stahlkonstruktionen großer Architekten“. Dabei konzentrierte er sich auf den Schweizer Haller, der von 1966 bis 1971 an Wachsmanns Institute for Building Research an der University of Southern California in Los Angeles gearbeitet hat, und zeichnete dessen Versuch nach, das Projekt der Industrialisierung des Bauens in die Systemwelten digitaler Werkzeuge zu überführen: An der TU Karlsruhe, an die er 1976 als Professor für Baugestaltung, Baukonstruktion und Entwerfen berufen wurde, begann der Architekt, der mit dem modularen Möbelsystem USM Haller bekannt wurde, um 1980 systematisch konkrete Möglichkeiten der Digitalisierung von Baukastensystemen zu erforschen.

          Als Vorbild der Stahlskelettbauten hatte Alexandra Apfelbaum (Dortmund) zu Beginn Ludwig Mies van der Rohe herausgestellt, der wie kein anderer das Bauen der Nachkriegszeit beeinflusst hat: Vor allem seine Wohntürme am Lake Shore Drive (1951) und seine Crown Hall des Illinois Institute of Technology (1956) in Chicago lösten in Deutschland eine „regelrechte Welle von Mies-Kopien“ aus; das Mannesmann-Hochhaus von Paul Schneider-Esleben in Düsseldorf oder das Wilhelm-Lehmbruck-Museum von Manfred Lehmbruck in Duisburg sind hervorragende Belege dafür.

          Für die Bundesgartenschau 1959: Restaurant „Buschmühle“, Dortmund. Bilderstrecke

          Zentrum der Stahlarchitektur in Deutschland ist das Ruhrgebiet. Kohle und Stahl haben es groß gemacht; dass auch Häuser aus diesem Werkstoff gebaut wurden, haben die Fördergerüste, Zechenanlagen und Hochbehälter in den Hintergrund gedrängt. Eben hier setzte die Tagung an, die in dem Pavillon vis-à-vis des ehemaligen Restaurants „Buschmühle“ stattfand, eines Stahlbaus, den Otto-Heinz Groth, Werner Lehmann und Wolfram Schlote zur Bundesgartenschau 1959 im Westfalenpark geplant haben. Silke Haps (Dortmund) erklärte den Hoesch-Bungalow des Dortmunder Unternehmens, neben Thyssen und Krupp der dritte große Stahlerzeuger im Revier, zum Musterbeispiel dieser regionalen Verbundenheit: Anders als die Haustypen „55“ und „109“, von denen 1961 fünftausend Stück im Jahr angekündigt, doch dann weniger als zweihundert gefertigt wurden, ist der Typ „L 141“, der auf 146 Quadratmeter weiterentwickelt wurde, nicht mehr in Serie gegangen. Als letzter von sieben Stahl-Fertig-Bungalows wurde er in der Hoesch-Siedlung in Dortmund-Kleinholthausen aufgestellt, wo er weitgehend bauzeitlich erhalten ist – ein Haus von hohem Zeugniswert, da im selben Jahr die Produktion mangels Absatz eingestellt wurde.

          Im Gebrauch verändert und ausgebaut

          Dabei stand Hoesch auch in der Konkurrenz: In Süddeutschland hatte MAN vorgelegt, im Ruhrgebiet Krupp nachgezogen. Die britische Brockhouse-Steel-Company gründete 1966 eine Niederlassung in Dortmund und beauftragte Otto-Heinz Groth mit einer Variante für metrische Maße, deutsche Materialien, Normen und Bestimmungen. Günther Moewes (Dortmund), der die Entwicklungsabteilung bis 1975 leitete, berichtete über das kleinteilige Stahlbau-System, mit dem in Deutschland achtzig Gebäude, darunter Schulen und Bürgerhäuser, erstellt wurden und das sich durch hohe Flexibilität und variable Grundrisse auszeichnet: „Baukasten statt Kastenbauten“. Ein anderer Zeitzeuge führte aus, wie präsent der Stahlbau im Dortmunder Stadtbild ist: Hilfsbrücken beim U-Bahn-Bau, die Fußgänger-Überdachungen an der Westfalenhalle, das Rathaus-Portal, das gläserne Zeltdach der Haltestelle Reinoldikirche – auch für „unmögliche“ Aufgaben fand Ewald Rüter, der hier 1986 eine Stahlbau-Firma gründete, wie er mit sprödem Westfalenstolz bilanzierte, kreative Lösungen.

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          Was der Aufstieg des Bauens in Systemen, der in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stattfand, mit Systemtheorie zu tun hat, erläuterte Sonja Hnilica (Dortmund): Ziel war es, eine scheinbar „gewachsene“ Komposition entstehen zu lassen, wobei sich der Architekt als Gestalter ganz zurücknehmen sollte. Die Megastruktur, ein großer Rahmen, in den die Funktionen der Stadt oder eines Stadtteils eingehängt werden, sollte dauerhaft sein und mit kleinen temporären Ausbauteilen gefüllt werden. Als weltweit stimmigste Verwirklichung gilt ein Stahl-Systembau: Der Institutskomplex der FU Berlin von Candilis, Josic, Woods, Schiedhelm (1967/79), dessen rasterförmiges Erschließungsnetz im Gebrauch verändert und ausgebaut werden sollte. Die Fassade aus Corten-Stahl-Elementen hat ihm den Spitznamen „Rostlaube“ eingetragen.

          Stahl ist zäh, schweißbar, langlebig und nachhaltig, erlaubt filigrane Konstruktionen und eignet sich für Wieder- und Weiterverwendung wie für Verdichtung, Qualitäten, die Dieter Ungermann (Dortmund) aufgefächert hatte. In der Diskussion aber ging es vor allem um Erhaltungsfragen, die an dem Fertig-Bungalow „L141“ festgemacht wurden. Unter Schutz steht er zwar noch nicht, doch wird er schon als Denkmal gehandelt: Das Freiluftmuseum Kommern sieht ihn als Pendant zu dem Quelle-Fertighaus, das es erworben hat; das Hoesch-Museum würde ihn, wofür es ein Grundstück braucht, gerne in seine Nachbarschaft translozieren, und Holger Mertens, der Landeskonservator Westfalen, nennt gute Gründe, ihn am Originalstandort zu belassen.

          Häuser aus Stahl: eine Episode nur der Architekturgeschichte und inzwischen ein Thema fürs Museum? Der Umgang in Deutschland legt es zumindest nahe. Auch das MAN-Stahlhaus, das schon 1949 in Stuttgart-Sillenbuch aufgebaut wurde, ist ins Freilandmuseum Schwäbisch Hall-Wackershofen gewandert, und schon 2007 war ein Exemplar der Serie aus Wendelstein bei Nürnberg ins Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim verbracht worden. Der Blick über die Grenze könnte den Horizont weiten. In dem Band „Häuser des Jahres 2013“, der die besten fünfzig Einfamilien-Häuser versammelt, wurden nur zwei Gebäude aus Stahl aufgenommen. Beide stehen in den Niederlanden.

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