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Stahl-Architektur : Baukasten statt Kastenbau

Im Gebrauch verändert und ausgebaut

Dabei stand Hoesch auch in der Konkurrenz: In Süddeutschland hatte MAN vorgelegt, im Ruhrgebiet Krupp nachgezogen. Die britische Brockhouse-Steel-Company gründete 1966 eine Niederlassung in Dortmund und beauftragte Otto-Heinz Groth mit einer Variante für metrische Maße, deutsche Materialien, Normen und Bestimmungen. Günther Moewes (Dortmund), der die Entwicklungsabteilung bis 1975 leitete, berichtete über das kleinteilige Stahlbau-System, mit dem in Deutschland achtzig Gebäude, darunter Schulen und Bürgerhäuser, erstellt wurden und das sich durch hohe Flexibilität und variable Grundrisse auszeichnet: „Baukasten statt Kastenbauten“. Ein anderer Zeitzeuge führte aus, wie präsent der Stahlbau im Dortmunder Stadtbild ist: Hilfsbrücken beim U-Bahn-Bau, die Fußgänger-Überdachungen an der Westfalenhalle, das Rathaus-Portal, das gläserne Zeltdach der Haltestelle Reinoldikirche – auch für „unmögliche“ Aufgaben fand Ewald Rüter, der hier 1986 eine Stahlbau-Firma gründete, wie er mit sprödem Westfalenstolz bilanzierte, kreative Lösungen.

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Was der Aufstieg des Bauens in Systemen, der in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stattfand, mit Systemtheorie zu tun hat, erläuterte Sonja Hnilica (Dortmund): Ziel war es, eine scheinbar „gewachsene“ Komposition entstehen zu lassen, wobei sich der Architekt als Gestalter ganz zurücknehmen sollte. Die Megastruktur, ein großer Rahmen, in den die Funktionen der Stadt oder eines Stadtteils eingehängt werden, sollte dauerhaft sein und mit kleinen temporären Ausbauteilen gefüllt werden. Als weltweit stimmigste Verwirklichung gilt ein Stahl-Systembau: Der Institutskomplex der FU Berlin von Candilis, Josic, Woods, Schiedhelm (1967/79), dessen rasterförmiges Erschließungsnetz im Gebrauch verändert und ausgebaut werden sollte. Die Fassade aus Corten-Stahl-Elementen hat ihm den Spitznamen „Rostlaube“ eingetragen.

Stahl ist zäh, schweißbar, langlebig und nachhaltig, erlaubt filigrane Konstruktionen und eignet sich für Wieder- und Weiterverwendung wie für Verdichtung, Qualitäten, die Dieter Ungermann (Dortmund) aufgefächert hatte. In der Diskussion aber ging es vor allem um Erhaltungsfragen, die an dem Fertig-Bungalow „L141“ festgemacht wurden. Unter Schutz steht er zwar noch nicht, doch wird er schon als Denkmal gehandelt: Das Freiluftmuseum Kommern sieht ihn als Pendant zu dem Quelle-Fertighaus, das es erworben hat; das Hoesch-Museum würde ihn, wofür es ein Grundstück braucht, gerne in seine Nachbarschaft translozieren, und Holger Mertens, der Landeskonservator Westfalen, nennt gute Gründe, ihn am Originalstandort zu belassen.

Häuser aus Stahl: eine Episode nur der Architekturgeschichte und inzwischen ein Thema fürs Museum? Der Umgang in Deutschland legt es zumindest nahe. Auch das MAN-Stahlhaus, das schon 1949 in Stuttgart-Sillenbuch aufgebaut wurde, ist ins Freilandmuseum Schwäbisch Hall-Wackershofen gewandert, und schon 2007 war ein Exemplar der Serie aus Wendelstein bei Nürnberg ins Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim verbracht worden. Der Blick über die Grenze könnte den Horizont weiten. In dem Band „Häuser des Jahres 2013“, der die besten fünfzig Einfamilien-Häuser versammelt, wurden nur zwei Gebäude aus Stahl aufgenommen. Beide stehen in den Niederlanden.

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