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Migrations-Studie : Sind Ostdeutsche wie muslimische Zuwanderer?

Sie dürften von den Autoren der Studie mitgemeint sein: Frauen mit Kopftuch bei einem Spaziergang in Halle-Neustadt. Bild: dpa

Eine sonderbare Studie zieht Parallelen zwischen Ostdeutschen und muslimischen Migranten. Dass das ins Nirgendwo führt, zeigte sich bei einer Diskussion in Berlin.

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          Kürzlich machte eine sonderbare Studie die Runde. „Ostdeutsche und Muslime haben Gemeinsamkeiten“, ratterte es durch die Nachrichtenagenturen, und man fragte sich, was die einen mit den anderen zu tun haben. Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim), das die Studie „Ost-Migrantische Analogien“ in Auftrag gegeben hatte, hielt aber genau diesen Vergleich für eine originelle Idee. Er ziele auf eine Sensibilisierung gegenüber Diskriminierungserfahrungen, sagte eine der Autorinnen, die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, auf dem Podium über „Konkurrenz um Anerkennung“, das von der Allianz Kulturstiftung in Berlin ausgerichtet wurde.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Die ersehnte „Solidarisierungsachse“ drückte sich zunächst durch ein allzu einträchtiges Panel aus. Auch der Schriftsteller Ingo Schulze, der in der DDR aufgewachsen ist, konnte dem Vergleich zwischen Ostdeutschen und Muslimen etwas abgewinnen – dadurch löse man sich „endlich von diesen blöden Nationen“.

          Wer die Herkunft im Denken hinter sich lässt, kann umso leichter einen Paradigmenwechsel ausrufen, den des Integrationsbegriffs nämlich, der uns dabei helfen könne, „mit dem Diverswerden der Gesellschaft“ umzugehen, wie Esra Küçük, Geschäftsführerin der Allianz Stiftung, erklärte. Peggy Piesche von der Heinrich-Böll-Stiftung stellte sogar den Begriff „Migrationshintergrund“ unter Verdacht, denn er bewirke eine „Rassifizierung“ der Menschen.

          Was aber prädestiniert die beiden Gruppen noch für einen Vergleich, außer dass durch ihn ihre Herkunft außer Acht gelassen wird? Sowohl Ostdeutsche als auch muslimische Migranten, heißt es in der Studie, hätten Angst vor Abstieg, sozialer Ungleichheit und politischer Entfremdung. Beide seien außerdem von „sozialer, kultureller und identifikativer Abwertung“ betroffen. Ostdeutschen werde zum Beispiel ähnlich häufig wie Muslimen vorgeworfen, sich als Opfer zu sehen.

          Ein weißer Ostdeutscher, eine Frau mit Kopftuch – beide teilten die Erfahrung, sich allein aufgrund ihres Status von Extremisten distanzieren zu müssen: „Ich find’s total geil, mal Ostdeutsche mit muslimischen Migranten zusammenzupacken“, sagte die Kolumnistin Ferda Ataman. Der Vergleich breche Stereotypisierungen auf. Oft werde Muslimen vorgeworfen, sie integrierten sich nicht, weil sie eben so sind, wie sie sind. Die Studie zeige aber, dass Ostdeutsche ganz ähnliche Erfahrungen machten. An dem So-sein der Muslime könne es also nicht liegen. Ostdeutschen wie Muslimen werde angekreidet, im heutigen Deutschland noch nicht angekommen zu sein. Eine Aufstiegsabwehr gegenüber Ostdeutschen sei dagegen nicht in gleichem Maße zu spüren wie gegenüber Muslimen.

          Wir lernen daraus: Verschiedene gesellschaftliche Gruppen fühlen sich ausgegrenzt, und in einer sich als inklusiv verstehenden Demokratie kann man das nicht wollen. Aber was erfahren wir darüber hinaus? Wer sind überhaupt „die“ muslimischen Migranten? Solche, die gerade hergezogen sind? Solche, die seit Jahrzehnten hier leben? Und wer sind „die“ Ostdeutschen? Er finde es sehr problematisch, dass immer der Osten auf die Couch gelegt werde, sagte Ingo Schulze.

          Damit ist aber erst eine Schwierigkeit der Studie beschrieben. Nichts an der Situation von muslimischen Migranten und Ostdeutschen, die nicht im selben Sinne Flüchtlinge sind und in einem völlig anderen politischen und kulturellen Kontext verankert sind, ist vergleichbar. Deshalb hat nicht nur die Studie, sondern auch das Gespräch darüber wenig Sinn. Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung drückte das Problem des Podiums, auf dem Cem Özdemir von den Grünen überraschend wenig zu sagen hatte, treffend aus: „Was soll man damit machen?“

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