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Kommerzielle Überwachung : Alle Daten sind Kreditdaten

Ziel der kommerziellen Überwachung: der Zugriff auf Einzelne Bild: Cracked Labs

Vorhersagen über die Arbeitsleistung von Angestellten, Kreditwürdigkeit in Abhängigkeit vom Löschtastengebrauch, Schwangerschaft als besonders für Werbung empfängliche Lebensphase: Eine neue Studie zeigt Ausmaß und Einsatz kommerzieller Überwachung.

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          „Alle Daten sind Kreditdaten, wir wissen nur noch nicht, wie wir sie einsetzen werden.“ Der Satz ist zwei Jahre alt und stammt von Douglas Merrill, der 2009 nach fünf Jahren als Chief Information Officer bei Google das Unternehmen ZestCash gegründet hat, das inzwischen unter dem Namen ZestFinance Kreditwürdigkeitsanalysen auf Basis personenbezogener Daten anbietet.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie wertvoll unsere personenbezogenen Daten sind, weiß die Industrie schon lange; sie weiß es, das ist Kern des Problems, besser als die Leute, deren Daten sie sammelt und analysiert. Und ihr Wissen darüber, wie sich diese Daten einsetzen lassen, wächst unaufhörlich.

          Lukrative Lebensphasen

          Im Auftrag der österreichischen Arbeiterkammer, einer Interessenvertretung der Arbeitnehmer, hat der Wiener Datenexperte Wolfie Christl jetzt eine Studie veröffentlicht, die Beispiele für den kommerziellen Umgang mit unseren Daten versammelt: die Verfahren ihrer Anreicherung und Auswertung, die Absichten und Auswirkungen. Es sind, wohlgemerkt, Beispiele, keine Gedankenspiele.

          Ganze siebzigtausend einzelne „Signale“ wertet das Analysemodell von ZestFinance in einer Viertelsekunde aus, um die Kreditwürdigkeit von Privatpersonen einzuschätzen. Beim in Hamburg ansässigen Unternehmen Kreditech sind es etwas weniger: Zu den fünfzehntausend Datenpunkten, die dort in die Berechnungen einfließen, gehören die Daten in den Facebook-, Xing- oder LinkedIn-Profilen des Antragstellers, zu denen die Firma Zugang fordert, aber auch die Zeit, die er zum Ausfüllen von Online-Formularen benötigt oder der Einsatz der Löschtaste dabei. Das amerikanische Start-up ConnectCubed bietet Unternehmen Leistungsvorhersagen ihrer Angestellten an. Die Werbefirma MediaBrix erkennt die Emotionen von Computerspielern, stimmt darauf die Werbung ab, die diese Spieler zu sehen bekommen, und steigert so das Interesse an ihr bei Online-Spielen um fünfzehn, bei Smartphone-Spielen sogar um dreißig Prozent.

          Eine amerikanische Supermarktkette hat jedem Kunden eine eigene Identifikationsnummer zugewiesen, um „wichtige Momente im Leben der Kunden ausfindig zu machen, in denen ihr Einkaufsverhalten flexibel“ werde. Werbung oder Gutscheine ließen sich in solchen Situationen sehr effektiv einsetzen. Wichtiger noch: Eine gezielte Ansprache zum richtigen Zeitpunkt könne in bestimmten Lebensphasen – Schulabschluss, Heirat, Umzug oder Scheidung, am lukrativsten allerdings bei einer bevorstehenden Geburt – das Einkaufsverhalten oft auf Jahre verändern.

          Wer wohlhabend wirkt, zahlt mehr

          Facebook-„Likes“, Suchanfragen oder Bewegungen im Internet werden für Persönlichkeitsprofile ausgewertet, und selbst die Dynamik des Tastenanschlags beim Tippen oder die Metadaten von Telefonanrufen lassen mit einer Treffsicherheit von etwa siebzig Prozent Rückschlüsse auf die emotionale Verfassung der Nutzer zu. Diese Trefferquote ist zwar wissenschaftlich nicht tragfähig, wirtschaftlich aber durchaus interessant und ausreichend, um sie in der Werbeversorgung oder für die Preisgestaltung zu nutzen: Um bis zu 166 Prozent weichen die Preise der Produkte voneinander ab, die große internationale Online-Shops den Konsumenten auf Basis von deren Online-Verhalten, Standortinformationen, der benutzten Geräte oder Browser anzeigen. Wer das Online-Reisebuchungsportal Orbitz von einem Apple-Computer statt von einem PC aus aufruft, bekommt dort um bis zu dreizehn Prozent teurere Hotels angeboten.

          Allein aus Daten über Konsumverhalten, Lebensstil und Einkommen ziehen Versicherungen Rückschlüsse auf die Gesundheitsrisiken ihrer Kunden - und können die Prämienhöhe darauf abstimmen. Wie erweitern sich diese Möglichkeiten bei ausreichender Verbreitung von Wearables, die kontinuierlich Körperdaten senden? Wie nimmt das Ausmaß kommerzieller Überwachung zu, wenn das Internet der Dinge Wirklichkeit geworden ist? Was hier auf uns zukommt, ist derzeit noch im Stadium des Gedankenspiels oder in der Testphase. Aber den Unternehmen fällt bestimmt etwas ein.

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