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Thema Reformation in Cambridge : War Luther gar nicht zwangsgestört?

Schon in den 1520er Jahren wurden im Hinterraum einer Gastwirtschaft in Cambridge seine eingeschmuggelte Schriften debattiert: Martin Luther – als Denkmal im thüringischen Möhra. Bild: dpa

Gefeiert von den einen, verbrannt von den anderen: Was bedeutet Luthers Gedankengut für andere Gemeinschaften? In Cambridge sprechen Historiker und ein ehemaliger Erzbischof über die Reformation.

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          In England hat Martin Luther weniger Resonanz gefunden als anderswo, wie Rowan Williams eingestand, als er 2006 als erstes Oberhaupt der anglikanischen Kirche Wittenberg besuchte. Williams konstatierte, dass viele Strömungen und Geisteshaltungen Luther für sich beansprucht hätten, bislang jedoch nicht die Anglikaner. Sie arbeiteten noch daran, fügte er humorvoll hinzu. Während Heinrich VIII. für seine Streitschrift gegen Luther den Titel „Verteidiger des Glaubens“ erhielt und Kardinal Wolsey Luthers Bücher verbrennen ließ, stießen dessen Ideen an der Universität Cambridge auf nahrhafteren Boden, lange bevor der Reformationstheologe Martin Bucer dort Zuflucht fand. Die Gastwirtschaft, in deren Hinterraum sich in den 1520er Jahren ein Kreis von Gelehrten zu treffen pflegte, um Luthers eingeschmuggelte Schriften zu debattieren, erhielt damals sogar den abschätzigen Beinamen „Klein-Deutschland“.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Zu dieser Runde gehörte auch der spätere Märtyrer Hugh Latimer, ein Angehöriger des Clare College. Das bot sich daher an als treffender Ort für eine Diskussion über Luther im Reformationsgedenkjahr, moderiert von der in Cambridge lehrenden deutschen Historikerin Ulinka Rublack. Zwei Zugpferde, Rowan Williams, der nach dem Abtritt vom Stuhl von Canterbury als Rektor des Magdalene College an seine Alma Mater zurückgekehrt ist, und die Oxforder Historikern Lyndal Roper, Autorin der vielbeachteten Biographie „Luther als Mensch“, sorgten für starken Andrang.

          Sonn' und Schild

          Zwischen der durch die Theologieprofessorin und Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au und die dem Kirchentagspräsidium angehörende „Zeit“-Journalistin Elisabeth von Thadden vervollständigten Runde und dem Publikum entwickelte sich ein reger Austausch über die Licht- und die Schattenseiten Luthers, seine heutige Relevanz und die ungewollten Folgen der Reformation, zu denen Elisabeth von Thadden die Tatsache zählte, dass vier Berufs- und Familienleben miteinander vereinbarende Frauen auf dem Podium säßen, obwohl dies keineswegs Luthers Vorstellung von der Frauenrolle entspräche. Eine Fülle von Gesichtspunkten wurde gestreift, von Luthers Auffassung des Teufels als reale oder metaphorische Gestalt über die Möglichkeit, dass er zwangsgestört gewesen sei bis zu den Fragen, ob er als Konservativer oder als Reaktionär gelten könne und wie er zur Einwanderung stünde.

          Das Clare College nutzt die sonntägliche Abendandacht der kommenden Wochen, um in Predigten und liturgischen Darbietungen einiger Bach-Kantaten durch seinen berühmten Chor dem Vermächtnis des Thesenanschlags nachzugehen. In der Kombination mit dem Gottesdienst zum Auftakt der Serie lag denn auch der besondere Reiz der Veranstaltung. Wie zum Beweis des Luther-Wortes, wonach Musik ein Geschenk Gottes sei, das den Teufel vertreibe, die Leute froh mache und alle Laster vergessen lasse, erfüllten die feierlichen Klänge der zum Reformationsfest von 1725 komponierten Kantate „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ und der Chor „Lob, Ehr und Preis sei Gott“ aus „Nun danket alle Gott“ die kleine Kapelle des Colleges.

          Der Antisemitismus seiner Zeit

          Rowan Williams sprach von der Notwendigkeit, nicht nur die Brüche, sondern auch die Kontinuitätslinien in den Glaubensauseinandersetzungen des Spätmittelalters zur Kenntnis zu nehmen und die Figur des Reformators im Zusammenhang mit den gewaltigen tektonischen Verschiebungen im philosophischen Weltbild der Epoche zu sehen. Sie seien in Luthers Erkenntnis, die „Geographie der Hölle“ kennen zu müssen, um die Gerechtigkeit Gottes zu begreifen, derart erdbebenhaft zusammengekommen, dass wir bis heute mit den Folgen lebten. Wie später auch in seiner Predigt bekräftigte Williams die „schrecklichen Warnungen“, die wir in der Reformation erkennen sollten, womit er nicht nur Luthers Antisemitismus meinte, sondern auch die Wirkung der Trennung von Christ und Welt, die einen gefährlichen Mangel an politischer Rechenschaftsplicht erzeugt habe.

          Auf die Frage des Historikers Christopher Clark, ob den früheren Schriften Luthers rettende Äußerungen zum Judentum abzugewinnen seien, wies Lyndal Roper darauf hin, dass der mildere Ton nicht von Toleranz zeuge, sondern auf der Voraussetzung der Bekehrung zum Christentum basiere. Luthers anstößige Sprache unterscheide sich durch ihre ausgesprochene Körperlichkeit vom Antisemitismus seiner Zeit und lasse sich womöglich erklären, aber nicht entschuldigen durch sein Bestreben, die Rolle der Juden als erwähltes Volk für die Protestanten zu usurpieren, argumentierte die Biographin. Dahingegen meinte sie, dass Luther in der gegenwärtigen Debatte über den Islam als inspirierendes Vorbild wirken könne, und plädierte dafür, zu fragen, was das Gedankengut der Reformation für andere Gemeinschaften bedeute.

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