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Frauen in Afghanistan : Vergesst uns nicht!

  • -Aktualisiert am

Freiheit lernen: Eine junge Afghanin kurz nach dem Ende der Taliban-Herrschaft 2001 Bild: Reuters

Für uns bedeuten die Taliban Auspeitschungen, Waffen, Selbstmordattentate: Der Bericht einer Frau, die schon einmal die Herrschaft der Taliban erlebt hat.

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          Für die afghanischen Frauen sind die Taliban das Gesicht des Terrors. Ihre Machtübernahme ist so blitzschnell und unerwartet er­folgt, dass wir es immer noch nicht richtig fassen können. Vor allem für Frauen wie mich, die schon einmal unter der Herrschaft der Taliban gelebt haben, die wissen, was von ihnen zu erwarten ist, sind die Nachrichten dieser Tage sehr schmerzhaft. Wir sind in einer Art Schockstarre. Niemand möchte akzeptieren, dass diese Terroristen uns nun regieren wollen. Die Menschen sind aufgewühlt, bestürzt, verstört. Taliban be­deuten für uns Frauen: Waffen, Auspeitschungen, Frauenfeindlichkeit, Selbstmordattentate. Diese Terroristen haben nicht einmal vor einer Säuglingsstation und einer Grundschule für Mädchen haltgemacht. Es wäre deshalb fatal, sich in der derzeitigen Situation etwas vorzumachen: Die Taliban, die man ge­rade in den Straßen Afghanistans sieht, sind noch immer dieselben, die für die Horrorbilder in unserem kollektiven Ge­dächtnis verantwortlich sind.

          Als die Taliban mit ihrer Offensive be­gannen, griff deshalb gleich eine große Angst unter den Frauen um sich. In den Städten sahen sie zu, nach Hause zu kommen. Wer schon einmal erlebt hat, wozu die Taliban in der Lage sind, kann den Frauen nur recht geben. Ohnehin geben die Nachrichten aus Kabul sicher nur einen kleinen Teil dessen wieder, was wirklich geschieht.

          Wie hat ihr Vormarsch auf dem Land ausgesehen? Was passierte in den Dörfern, wo es vielleicht keinen Strom oder kein Internet gibt und die Menschen keine sozialen Medien nutzen? Es kursiert das Gerücht, die Taliban zwängen junge Mädchen, ihre entblößten Geschlechtsteile anzuschauen.

          Ihr Ziel ist das Wegsperren der Frauen

          Die Bevölkerung hat verstört und entsetzt darauf reagiert. Ich denke, es ist klar, was damit bezweckt werden soll – ganz gleich, ob das Gerücht nun auf Tatsachen beruht oder nicht: Sie wollen, dass die jungen Frauen Angst bekommen und sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Wer die Herrschaft der Taliban schon einmal erlebt hat, weiß: Eines ih­rer Ziele ist das Wegsperren der Frauen.

          Mit unserem Verein Neswan haben wir hingegen versucht, die Frauen wieder sichtbar werden zu lassen – das war unser erstes wichtiges Ziel. Ich habe den Verein im Jahr 2003 mit meiner Schwester Robeh Nazari gegründet. Generell ging es uns um die Ermächtigung von Frauen, wir wollten sie stärker am öffentlichen Leben teilhaben lassen und ihnen eine Bühne geben. Damals war die Herrschaft der Taliban gerade erst zwei Jahre vorbei, und die ersten Ansätze von Demokratie wurden sichtbar. Die Zeit ihrer Macht hatte die Menschen natürlich verändert – das Gedankengut der Taliban war im Land noch lange zu spüren, als sie schon abgezogen waren. Frauen waren beispielsweise nicht berechtigt, sich amtlich registrieren zu lassen, sie durften das Haus nicht allein und auf eigenen Willen verlassen. Vor allem aber hatten die meisten Frauen nie erfahren, was gelebte Unabhängigkeit bedeutet. Abhängigkeit kam ihnen hingegen fast schon wie etwas Schützenswertes vor – wie eine Kostbarkeit. Daher haben wir uns bei unserer Ar­beit zunächst darauf konzentriert, den Frauen beizubringen, was Unabhängigkeit ist und welche Vorteile sie bringt. Auf diese Weise haben sie dann auch ge­lernt, Freiheit zu schätzen. Die Frauen sollten am eigenen Leib erfahren, dass Unabhängigkeit und Gleichberechtigung Grundrechte sind.

          Lernen, was Freiheit und Unabhängigkeit bedeuten

          Wir haben Alphabetisierungs- und Computerkurse für die Frauen orga­nisiert, denn eine Frau muss imstande sein, sich zu informieren und lesen und schreiben zu können. Die Frauen hatten außerdem die Möglichkeit, im Verein ein Handwerk oder eine andere Fertigkeit zu erlernen – es gab beispielsweise Nähkurse und Handy-Reparaturkurse. Die Frau­en sollten in der Lage sein, ein eigenes kleines Einkommen zu erzielen, das sie im Idealfall zu Hause unabhängig macht. Die finanzielle Selbständigkeit sollte zur Folge haben, in die familiären Entscheidungen mit einbezogen zu werden und die eigenen Rechte verteidigen zu können. Das ist uns bei vielen Frauen gelungen.

          Nach einer gewissen Zeit ließen ihre Familien tatsächlich zu, dass sie allein das Haus verlassen, um zum Verein zu ge­hen. Sie mussten sich dafür nicht einmal vor ihren Familien rechtfertigen. Der Verein wurde für die Frauen zu einem Ort, an dem sie sich entspannt austauschen können und sich in Sicherheit fühlen – aber das ist jetzt vorbei.

          Demonstrationen in Kabul

          Von den meisten Frauen, die zu uns gekommen sind, habe ich seit der Machtübernahme der Taliban keine Nachricht mehr bekommen. Einige befinden sich auf der Flucht zur nächsten Grenze. An­dere haben sich versteckt. Es ist den Taliban tatsächlich gelungen, den Frauen abermals ihre Sichtbarkeit zu nehmen, und das macht mich sehr traurig.

          In den Straßen von Kabul sind noch einige sehr Mutige unterwegs; sie wollen die noch herrschende Ruhe nutzen, um den Taliban zu vergegenwärtigen: „Es gibt uns! Und ihr müsst uns so akzeptieren, wie wir jetzt leben!“ Einige sehr wenige Frauen haben sogar vor dem Regierungsgebäude demonstriert. Sie rufen: „Wir Frauen dürfen nicht verschwinden!“ Die Taliban haben bisher nichts dagegen unternommen, was bei manchen Hoffnung hat aufkeimen lassen. Ich hingegen bin mir sicher, es wäre falsch, das als ein positives Vorzeichen für die Zukunft zu werten.

          Begnadigungsbescheinigungen für Informationen

          In den sozialen Netzwerken kursieren auch Videos von Frauen, die sich gefilmt haben, wie sie durch Kabuls Straßen laufen. Sie wollen zeigen, dass das ohne Burka oder Tschador möglich ist und sie nicht von Taliban belästigt werden. Auch das sorgt bei vielen Frauen für etwas Optimismus. Mir ist bei diesen Videos jedoch aufgefallen, dass sich an der Kleidung der Frauen einiges geändert hat. Ohne dass die Taliban es bisher befohlen hätten, ist das Erscheinungsbild der Frauen plötzlich islamischer; man sieht längere Kleider und zusammengebundene Haare. Das war bisher in Kabul völlig anders.

          Was die Taliban derzeit machen, ist: Sie stellen den Menschen Begnadigungs­bescheinigungen aus. Dabei handelt es sich um ein Dokument, das einen Menschen von einer angenommenen Schuld freispricht. Ich glaube, sie versuchen, auf diesem Weg an bestimmte Informationen heranzukommen – denn natürlich ist jeder froh, ein solches Dokument in den Händen zu halten. Wir haben daher große Angst, was als Nächstes kommt. Wenn Angst herrscht, sagt niemand mehr, was er denkt. Wenn ein Regime erst einmal Angst verbreitet, ist die Diktatur nicht mehr weit. Und dann ist es mit der Zukunft von Männern und Frauen vorbei.

          Die Angst, wieder nur der Besitz des Mannes zu sein

          Was jetzt die größte Angst der Frauen ist? Ihre größte Angst ist, all die winzigen Errungenschaften der vergangenen Jahre wieder zu verlieren. Damit würden all ihre Hoffnungen mit einem Schlag zerstört werden. Man muss sagen, auch schon vor den aktuellen Ereignissen gab es in Afghanistan keine Sicherheit für Frauen. Sie wurden noch immer schikaniert und erlebten Frauenfeindlichkeit. Probleme hatten die Frauen wirklich noch genug, und die echte Freiheit war noch immer weit entfernt. Trotzdem wa­ren die vergangenen Jahre für sie geradezu goldene Jahre. Die Frauen hatten An­teil am politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben. Sie versuchten, ihr Leben besser zu gestalten, sie gaben sich Mühe, sie wollten ihre kleinen Freiheiten nutzen und ausbauen, die Frauenfeindlichkeit verringern. Nun ha­ben sie große Angst davor, wieder zu Hau­se festgehalten zu werden, wieder zum schwachen Geschlecht gemacht und als ein Besitz des Mannes angesehen zu werden. Das ist ihre größte Angst.

          Sicher, vor einigen Tagen ist eine af­ghanische Journalistin im Fernsehen aufgetreten und hat einen Taliban interviewt. Und der Sprecher der Taliban, Zabiollah Mojaeh, hat bei einem Auftritt gesagt, man werde den Frauen das Recht auf Arbeit zugestehen. Was meint er da­mit? Er blieb sehr vage. Werden Frauen sich politisch betätigen dürfen? Werden sie im Staatsdienst ar­beiten können? Es ist noch vollkommen unklar, ob Frauen ein Teil der Gesellschaft sein werden oder nicht, welche Beschränkungen, welche Grenzen ihnen auferlegt werden.

          Vorgaukeln von Sanftheit und Vernunft

          Man darf nicht vergessen, die Taliban sind sich bewusst, dass die ganze Welt gerade auf sie schaut. Natürlich geben sie sich da sanft und friedlich. Aber in Wirklichkeit sind sie vollkommen unberechenbar. Ein Großteil des afghanischen Volkes misstraut ihnen, und niemand glaubt ihren Worten oder daran, sein Leben so weiterleben zu können wie bisher. Es heißt, die Taliban hätten den af­ghanischen Sänger Naim Popal getötet. Aber darüber gibt es noch keine gesicherten Informationen. Der berühmten Sängerin Aryana Sayeed, die viel Gutes für die afghanischen Frauen getan hat, ist es hingegen gerade gelungen, das Land zu verlassen.

          Was auch immer noch passieren wird – ich bin überzeugt: Die Arbeit der vergangenen Jahre ist trotzdem nicht vergeblich gewesen. Das Bewusstsein der Frauen hat sich verändert ­ – das kann ihnen nie mehr genommen werden. Sollte eine dik­tatorische Herrschaft sie abermals dazu zwingen, ein Leben eingesperrt zu Hause zu führen, werden sie, anders als noch vor zwanzig Jahren, wissen, dass ihnen Unrecht geschieht. Die afghanischen Frauen von heute sind ganz anders als die Frauen von gestern ­ – sie haben Mut, sie besitzen Freiheitsbewusstsein und jede Menge Kampfgeist.

          Gefährlicher Gewöhnungseffekt an schlechte Nachrichten

          Sollten die Taliban zu ihrer Herrschaft auf der Grundlage von Gräueltaten zu­rückkehren, werden die Nachrichten davon sich wiederholen. Ich sehe die Gefahr, dass die Menschen in der west­lichen Welt irgendwann nicht mehr richtig hinhören, weil sie sich daran gewöhnt haben. Das darf nicht zugelassen werden! Das Wichtigste, was man jetzt für die Frauen Afghanistans tun kann, ist: sie nicht zu vergessen. Sollten den Frauen Afghanistans ihre Stimme genommen werden, müssen die Frauen des Westens für sie sprechen und von ihrer wirklichen Lage berichten. Sie sollen der Welt bitte bewusst machen, in welcher Situation die Frauen sich befinden. Während der ersten Taliban-Herrschaft war das Leid der afghanischen Frauen viel zu wenig be­kannt. Das darf nicht noch einmal passieren.

          Übersetzung Mariam Schaghaghi, Protokoll Karen Krüger

          Die Autorin

          Aqelah Nazari-Hossain Dad gründete als Schülerin Mitte der Neunzigerjahre mit ihren Schwestern eine Untergrundschule für Mädchen aus der Nachbarschaft, die nach ein paar Jahren schon von mehr als 80 Kindern besucht wurde. 2003 rief sie in Herat den Verein Neswan ins Leben, der sich für die Ermächtigung von Mädchen und Frauen einsetzt und mit Terre des Femmes kooperiert. Wegen anhaltender Drohungen musste Aqelah Nazari-Hossain Dad Afghanistan verlassen. Sie verfolgt das Schicksal der afghanischen Frauen nun von Europa aus.

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