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Eine Antwort auf Sascha Lobo : Das Internet ist nicht kaputt

Unser oberster Datenschützer sind immer noch wir selbst Bild: dpa

„Das Internet ist kaputt“, hat Sascha Lobo in der F.A.S. geschrieben, weil die Spähaffäre alles verändert habe. Aber das ist falsch. Weil das Internet noch nie heil war. 

          „Das Internet ist kaputt“, hat der Blogger und Netzjournalist Sascha Lobo vor kurzem in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung geschrieben, in dem er seine bodenlose Enttäuschung über die vermeintliche Entzauberung eines messianischen Mediums schilderte. Das Internet sei nicht das, wofür er es lange gehalten habe, so Lobo, das „perfekte Medium der Demokratie, der Emanzipation, der Selbstbefreiung“. „Die Spähaffäre und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert“, schrieb der Blogger, um schließlich zur apokalyptischen Schlussfolgerung zu gelangen: Dass das Internet, das so viele für ein Instrument der Freiheit gehalten hätten, „aufs Effektivste für das Gegenteil genutzt“ werde, sei die „vierte, digitale Kränkung der Menschheit“.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Doch dieses Urteil geht an der Realität vorbei. Weil es das grundlegende Missverständnis belegt, dem viele in der Blogosphäre bis hin zu ihren politischen Vertretern bis heute aufsitzen: der naiven Vorstellung vom Internet als einem Garten Eden des Wissens und der Intellektualität, in dem die Bösen außen vor sind, während die Guten einander neckend mit Wissen füttern, auf dass ein jeder für sich klüger und weiser werde.

          Nicht das Vertrauen ins Netz ist gestört, sondern in seine Nutzer

          Machen wir uns nichts vor: Die Spähapparate haben die digitale Sphäre in der Tat „fast vollständig durchdrungen“, in diesem Punkt hat Lobo Recht. Und es stimmt auch, dass die Enthüllungen Edward Snowdens unser aller Vertrauen grundlegend erschüttert haben. Aber, und darin liegt der Denkfehler: Es geht nicht um das Vertrauen in das Netz, sondern in jene, die sich seiner bedienen - zuallererst auch uns selbst. Das ist ein himmelweiter Unterschied.

          Man kann, nein, man muss sogar erschüttert darüber sein, dass Geheimdienste und private Konzerne die Bevölkerung offenbar in fast beliebiger Tiefe durchleuchten können, ohne dass die Politik dagegen eine wirkliche Handhabe fände (einmal vorausgesetzt, sie wollte das überhaupt). Für die Politik stimmt das Wort der „Kränkung“ deshalb - aber auch nur vordergründig. Denn es setzt voraus, dass die Politik (wie viele Netz-Optimisten es tun) einmal selbst dem irrigen Glauben anhing, sie könne Spionage und das Ausspähen von Daten quasi per Gesetz verbieten und alle würden sich daran halten.

          Doch so naiv dürfte selbst die Politik noch nie gewesen sein, die Spionage seit Jahrtausenden als selbstverständlich begreifen muss. Nicht erst Konrad Adenauer berichtete gelegentlich von einem Knacksen in seinem Telefonhörer und war darüber nicht verwundert. Warum sollten heutige Politiker es sein, nur weil die technischen Möglichkeiten des Ausspähens selbstverständlich mit der technischen Entwicklung Schritt gehalten haben? Wieso sollte Angela Merkel es für ausgeschlossen gehalten haben, dass auch ihr (nicht abhörsicheres) Handy von den Amerikanern abgehört wird, wenn diese es bei Millionen Bürgern weltweit tun, deren Gespräche um Längen uninteressanter sind? Es ist keine „Kränkung der Politik“, die stattfindet, sondern eine „Entzauberung der Politik“, die im Angesicht des Offensichtlichen immer größere Mühe hat, den Schein ihres Primats zu wahren. Dabei weiß auch die Bundesregierung nur zu gut, dass sie das Ausspähen nicht wird verhindern können - das groß angekündigte „No-Spy-Abkommen“ unter „Freunden“ scheitert an der Weigerung der Amerikaner, noch bevor Deutschland die Forderung zu Ende gesprochen hat. Die Reise des damaligen Innenministers Hans-Peter Friedrich nach Washington war deshalb ebenso ein Placebo für die unaufgeregte Öffentlichkeit wie die Behauptung des früheren Kanzleramtsministers Ronald Pofalla, die Affäre sei nach ein paar harschen Worten in Washington ein für allemal beendet.

          Welche Spuren hinterlassen wir im Netz?

          Man kann, nein, man muss es auch bedenklich finden, dass Wirtschaftsgeheimnisse kaum noch Geheimnisse sind, auch  geistiges Eigentum immer gläserner wird und Geheimdienste Industriespionage betreiben. Die „Kränkung der Wirtschaft“ durch das Internet, schreibt Lobo, bestehe in der „Aushöhlung ihrer Erfolgsversprechen“, also ihres Wissensvorsprungs. Aber das ist eine unrealistische Vorstellung von Wirtschaft, so als hätten Industriespionage und die Angst, die eigenen Innovationen an den Konkurrenten zu verlieren, erst mit der Erfindung des Internets begonnen. Es wird immer schwieriger, sein geistiges Eigentum zu schützen, sicher, weil die technischen Möglichkeiten um ein Vielfaches ausgefeilter sind als früher und die globale Verflechtung diese Entwicklung noch beschleunigt. Aber so zu tun, als habe erst das Internet Industriespionage ermöglicht, geht an den Tatsachen vorbei.

          Edward Snowden hat viel für uns getan - und uns die Augen über das Wesen des Internets geöffnet

          Der dritte und zugleich schwerwiegendste Irrtum aber betrifft uns alle und damit die Frage, welche Spuren wir im Internet hinterlassen. Man kann, man muss es sogar entsetzlich finden, dass längst die großen Internetkonzerne wie Google, Apple, Facebook oder Twitter die Datenhoheit haben und vielleicht mehr über uns wissen als unser Arzt, unsere Regierung oder vielleicht sogar unser Partner.

          Lobo vergisst die wichtigste Variable: uns selbst

          Doch die entscheidende Variable erwähnt Lobo dabei nicht: uns selbst. Wir sind es, die unsere Daten bereitwillig dem Internet überlassen, ohne uns großartig darum zu scheren, wer was damit anfängt. Wir hinterlegen unsere Kreditkartendaten bei Amazon, lagern intime Fotos in der Cloud, schicken uns private Mails auf Server in den Staaten. Und jetzt wundern wir uns darüber, dass dafür schon immer eine Gegenleistung verlangt wurde und die Unternehmen die Daten nicht in einer abhörsicheren Ecke des Garten Eden verstecken? Wir alle haben stillschweigend ein Geschäft abgeschlossen, dessen Kleingedrucktes wir wohlweislich ignorieren. Wenn Lobo schreibt, es sei falsch gewesen, die sozialen Netzwerke so lange zu verteidigen, weil sie auch ein „perfektes Instrument sind, um einen Sog privatester Informationen ins Internet zu erzeugen“, muss man deshalb fragen: Wie konnte man damit nicht rechnen?

          Dies ist der größte Irrtum der Netzgemeinde, den sie jetzt wohl zwangsläufig als größte Kränkung begreifen muss: sich das Internet als einen Ort erträumt zu haben, an dem die Realität keine Geltung haben würde. Dabei ist das Netz keine bessere Welt, sondern lediglich ein Abbild der bestehenden. Das wiederum bedeutet: So zu tun, als sei wegen der Spähaffären das Werkzeug Internet generell gescheitert, ist so eindimensional wie die Vorstellung, man müsse ein heilendes Medikament generell verbieten, weil eine Überdosis davon großen Schaden anrichten kann. Lobo irrt, wenn er sagt, die Spähaffäre führe die „positiven Versprechungen des Internets, Demokratisierung, soziale Vernetzung, ein digitaler Freigarten der Bildung und Kultur“, ad absurdum. Für Millionen Menschen in Unrechtsstaaten hat erst das Internet eine Form des Protests und des öffentlichen Widerstands gegen den Repressionsapparat ermöglicht, die vorher undenkbar waren. Durch Youtube, Twitter und Facebook erfahren wir viel mehr von Unterdrückung, Folter und Leid auf der Welt als je zuvor - das ist gleichsam die positive Kehrseite  des gläsernen Menschen. Das Internet ist in der Summe ein Demokratisierungsmedium. Daran ändert auch die NSA-Affäre nichts.

          Durch Snowden sind wir in der digitalen Realität angekommen

          Durch Edward Snowden, das ist sein großes Verdienst, ist Sascha Lobo, sind wir alle lediglich in der digitalen Realität angekommen. Sie lautet: So groß die Segnungen des Netzes sind; so verführerisch seine Allgegenwart im Alltag und so verlockend seine Möglichkeiten, so groß sind auch seine potentiellen Gefahren. Auch deshalb wird die Kenntnis darum, welche Daten-Spuren man im Netz hinterlässt und vor allem, welche Konsequenzen man daraus zieht, in den nächsten Jahrzehnten zu einer noch grundlegenderen intellektuellen Fähigkeit werden. Wer weiß, welche Spuren er hinterlässt und welche Gefahr davon ausgehen kann, kann umso bewusster entscheiden, wie viel er von sich preiszugeben bereit ist - und wofür es sich zu kämpfen lohnt.

          Denn kämpfen werden wir alle weiter müssen, damit das Internet, dieses großartige, furchtbare Medium überhaupt einige Grenzen kennt. Dafür sind klare und scharfe Gesetze von der Politik nötig, auch wenn sie die Anarchie des Netzes nicht vollends bändigen können, viel mehr aber noch die besten Sicherheitstechnologien, um Daten so gut wie möglich zu schützen. Der Kampf für die Bürgerrechte muss weitergehen, da hat Lobo Recht. Nur wird er immer mehr auch zum Kampf der Verschlüsselungstechnologien werden.

          Das ist die Lehre aus Edward Snowden: Wie ein Paar, das nach dem ersten Taumel der Verliebtheit auf dem Boden der Tatsachen landet, sind wir uns bewusst geworden, was das Internet eigentlich bedeutet. Es ist nicht „kaputt“, weil es noch nie heil war. Sondern schon immer nur ein Jahrmarkt der fast unbegrenzten Möglichkeiten, der von Guten und Bösen, Rechtschaffenen und Zwielichtigen bevölkert wird.

          Das Internet ist nur so gut und so schlecht wie die Gesellschaft, die es erschafft. Unser wichtigster Datenschützer bleiben: wir selbst.

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