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Twitter-Kontroverse : Ein Video zeigt, wie gespalten Amerika ist

Szene des Anstoßes: Nicholas Sandmann und Nathan Phillips in Washington. Bild: Reuters

Ein Schüler aus Kentucky und ein „Native American“ stehen sich nahe des Lincoln Memorial in Washington gegenüber. Auf Twitter meint jemand, das sei feindselig. Im Netz gibt es Aufruhr. Dann kommt alles ganz anders.

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          Der „New York Times“-Kolumnist Farhad Manjoo hat einen guten Tipp für Familie, Freunde und Kollegen. Sie sollten sich, schreibt er, von Twitter, „dem schädlichsten sozialen Netzwerk der Welt“, lösen. Ganz aufgeben müssten sie es nicht, denn das sei im heutigen Nachrichtengeschäft kaum möglich. Doch sollten sie, schreibt Manjoo, weniger twittern und mehr mitlesen. Manjoo schließt sich in seinen Rat selbst mit ein. Er habe selbst lange genug fanatisch herumgetwittert, doch habe ihn die vergangene Woche, in der sich ganz Amerika mit dem Aufeinandertreffen von Schülern der Covington Catholic High School in Kentucky und einem älteren „Native American“ vor dem Lincoln Memorial in Washington beschäftigte, eines Besseren belehrt.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was er meint, sind die Hassausbrüche, die ein kurzes Video zur Folge hatte, das zeigt, wie Nathan Phillips eine Trommel schlägt, singt, auf die Jugendlichen zugeht und schließlich vor dem siebzehn Jahre alten Nicholas Sandmann stehen bleibt, der nichts tut, außer dass er den älteren Herrn angrinst, während Mitschüler, die wie er Kappen mit Donald Trumps Spruch „Make America Great Again“ (MAGA) tragen, im Hintergrund Faxen und Fotos machen. Nathan Phillips war in Washington, um am „Indigenous Peoples March“ teilzunehmen, die Schüler waren wegen der Anti-Abtreibungs-Demonstration „March for Life“ in der Hauptstadt. Über den Account @2020fight wurde ein Kurzvideo von der Begegnung verbreitet, versehen mit dem Kommentar: „Dieser MAGA-Verlierer belästigt vergnügt einen Native-American-Demonstranten beim Indigenous Peoples March.“ Video und Kommentar wurden millionenfach geteilt; über den jungen Mann ergoss sich wegen seines vermeintlichen Rassismus Hass bis hin zu Morddrohungen.

          Zwei Tage später jedoch ging es in die andere Richtung. Denn da nahmen auch Journalisten ein rund anderthalbstündiges Video in Augenschein, das die scheinbar eindeutig konnotierte Begegnung in ein ganz anderes Licht tauchte. Die Schüler aus Kentucky nämlich waren von Mitgliedern einer obskuren religiösen Randgruppe angefeindet worden, die sich „Black Israelites“ (Schwarze Hebräer) nennt, der Überzeugung ist, dass die Afroamerikaner von antiken Israeliten abstammen, und in ihrem Religionsverständnis Anleihen sowohl beim Christentum wie beim Judentum nimmt. Zwischen diese beiden Gruppen nun begab sich Nathan Phillips mit seiner Trommel und stellte sich vor den siebzehnjährigen Schüler, dessen breites Grinsen vor allem unsicher wirkt. Zu Gewalt kam es nicht. Für die Erstinterpreten, die auf den Account @2020fight angesprungen waren und den Jugendlichen als Vertreter des herrschenden weißen Rassismus und Trumpismus ausgewiesen hatten, wurde es nun misslich. Manche entschuldigten sich, andere, wie der Schauspieler Jim Carrey, blieben unbeirrt. Und es schlug nun – nachdem die Linken sich ausgetobt hatten – selbstverständlich die Stunde der Rechten und des Trump-Lagers, das den Medien, die schnell auf den Empörungszug aufgesprungen waren, voller Inbrunst Fake News anlasten konnte.

          So zeitigte ein kleiner Tweet große Folgen, und das kam, wie der Rechercheur Donie O’Sullivan von CNN Business herausgearbeitet hat, nicht von ungefähr. Der Account @2020fight ist seit Dezember 2016 aktiv und stammt angeblich von einer Frau namens „Talia“ aus Kalifornien, die sich als „Lehrerin und Anwältin“ vorstellte. 130 Tweets täglich setzte sie seit Jahresbeginn ab. Das Passbild ihres Accounts zeigte das Gesicht der bekannten brasilianischen Schauspielerin und Bloggerin Nah Cardoso. Bei Twitter fand man heraus, dass der Account aus den Vereinigten Staaten kommen musste. Von dem CNN-Journalisten O’Sullivan, der vergebens versuchte, von @2020fight Antwort zu bekommen, zu der Sache angefragt, sperrte Twitter den Account, von dem die Meinungsschlacht ausging.

          Sie zeigt, einmal mehr, wie gespalten die Vereinigten Staaten sind. Über ihren – vorläufigen – Ausgang ist Trump angeblich hocherfreut. Hierzulande fühlt man sich an das neunzehn Sekunden kurze Video erinnert, das der Twitter-Account „Antifa Zeckenbiss“ am 26. August des vergangenen Jahres abends um 20.56 Uhr hochlud. Zu sehen war, wie einige Männer zwei Migranten beschimpfen und diesen nachsetzen. Der Kommentar dazu lautete: „Menschenjagd in #Chemnitz Nazi-Hools sind heute zu allem fähig. #FckNZS.“ Das Stichwort „Menschenjagd“ machte weltweit die Runde, der Sprecher der Bundesregierung machte es sich zu eigen, es wurde prägend für das Geschehen in der Stadt, das nach der Ermordung eines Chemnitzers einsetzte, und löste einen politischen Skandal aus, an dessen Ende der Verfassungschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen, der seine Zweifel an dem Video ventiliert, aber nicht stichhaltig gemacht hatte, seinen Hut nehmen musste. Sich ganz von Twitter fernzuhalten, schreibt Farhad Manjoo in der „New York Times“, sei unmöglich. Etwas vorsichtiger damit umzugehen sollte indes gerade für Journalisten möglich sein.

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