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Ein Nationalstaat zerfällt : Das Ende von Belgien

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Der landestypische Kompromiss, der bei den Verhandlungen notgedrungen und bezeichnenderweise unter Federführung des abgewählten Premiers Guy Verhofstad erzielt werden wird, dürfte auch der letzte sein. Die flämischen Eliten, vor allem in der Wirtschaft, sind nicht mehr willens, die Wallonen weiter auszuhalten und dafür noch den kulturellen Hochmut der Frankophonen zu erdulden. Zwar spricht sich nur eine Minderheit von weniger als zwanzig Prozent der Belgier für eine sofortige Teilung aus, doch dürfte die Spaltung auf mittlere Sicht gar nicht mehr zu verhindern sein, wenn auch noch die letzten finanziellen Nabelschnüre gekappt werden. Während die nostalgische Mode des Flaggens der belgischen Trikolore vorwiegend auf Wallonen zurückgeht, wird die Abwicklung Belgiens auf die Fragen hinauslaufen, was mit der Stadt Brüssel - wahrscheinlich als europäisches Washington D. C. -, was mit dem Königshaus - vielleicht in Personalunion über die getrennten Landesteile hinweg -, was vor allem mit der maroden Wallonie - Frankreich will sie nicht, allein überleben kann sie nicht - geschehen soll.

Chronik einer künftigen Abwicklung

Flämische Politiker führen das Land Schritt für Schritt an diese Trennung heran, und es hat den Anschein, als würden ihre wallonischen Widersacher das immer noch nicht recht mitbekommen. Flamen wie der bekennende Autonomist Bart De Wever, der Rechtskonservative Filip De Winter, aber auch führende Christdemokraten und Liberale, die keinen faulen Kompromiss mehr mit ihren wallonischen Parteifreunden erreichen wollen, rechnen Tag für Tag genüsslich den jährlichen Milliardentransfer Richtung Wallonie vor, zählen beruhigend die Liste blühender europäischer Kleinstaaten von Luxemburg über Irland und Estland, Lettland bis Dänemark (alle kleiner als Flandern) herunter und spotten in fließendem Französisch über die vermeintliche sprachliche Beschränktheit ihrer wallonischen Noch-Landsleute.

Oder sie provozieren gezielt die Wallonen aufs Blut, wie es Yves Leterme - früherer flämischer Ministerpräsident und starker Mann hinter der Krise - soeben bühnenreif vormachte. Er verglich das frankophile Staatsfernsehen RTBF mit dem berüchtigten „Radio Mille Collines“, das während des Genozids in Ruanda die Menschen zum Morden aufgerufen hatte. Während sich die wallonische Elite noch über solche Bosheiten echauffiert, haben die Flamen das Land wieder einen Zentimeter weiter gespalten. Ohnehin haben sich die begabteren Politiker der jüngeren Generation längst für Karrieren auf regionaler oder europäischer Ebene - also dort, wo die Kompetenzen sind - entschieden. Wer möchte schon seine besten Jahre damit verbringen, ein überlebtes Staatswesen abzuwickeln? Aus deutscher Perspektive zeigt der Verfall Belgiens, dass eine Nation mit eingebautem Wohlstandstransfer nur schwer überlebt. Es wird sich auch bei uns erweisen, ob kommende Generationen von Wählern weiter großzügig in die neuen Bundesländer à fonds perdu pumpen wollen oder sich für sparsamere Regionalmodelle entscheiden.

Dass der Nationalstaat permanent durch die Administration des europäischen Vielvölkerreiches ausgehöhlt wird und kein Modell für die Ewigkeit ist, zeigt ein kurzer Blick auf die Landkarte unseres Kontinents: Vor zwanzig Jahren hätte niemand mit dem Entstehen von neuen Nationen wie Slowenien, Lettland, Slowakei, Estland, Ukraine, Kroatien gerechnet. Dass dieser Prozess nicht abgeschlossen ist, zeigt die noch laufende Staatswerdung von Mazedonien, Montenegro, des Kosovo. Wer möchte darauf wetten, dass sich nicht bald auch im Westen neue Staaten bilden: Katalonien, Schottland, Südtirol ... Diese wohlhabenden Entitäten, denen der Nationalstaat des vorigen Jahrhunderts zu eng wird, eint der Wille, nach dem Loswerden der Zentralmacht und einer angepeilten „Unabhängigkeit“ schnellstmöglich der EU beizutreten. Also auf nach Brüssel! Wahrscheinlich werden die Politiker kommender Nationen dort bald nicht mehr vom belgischen Außenminister empfangen, sondern vom flämischen.

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