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Académie Française : Ein Jude in der Akademie

Alain Finkielkraut ist der Sohn eines Auschwitz-Überlebenden. Bild: AFP

Der Philosoph Alain Finkielkraut polarisiert Frankreich. Er will, dass Terroristen die Staatsbürgerschaft aberkannt wird. Israel verteidigt er in Debatten vehement. Deshalb attackiert ihn die französische Linke mit aller Schärfe.

          „Habemus Papam“, jauchzte Elisabeth Lévy in „Causeur“, als Alain Finkielkraut in die Académie Française gewählt wurde. Den unerwarteten Triumph des einstigen Maoisten wertete die Zeitschrift der Neokonservativen als „Sieg in der Schlacht der Ideen“. Dieser Tage haben seine Freunde Finkielkraut das Schwert übergeben, mit dem die vierzig Mitglieder der Akademie – „Unsterbliche“ genannt – die Werte der französischen Kultur verteidigen. Die Bilder von den letzten Anproben der bestickten Uniform, die sie bei der Zeremonie tragen, sind in der Zeitschrift „Vanity Fair“ zu sehen.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Finkielkraut ist nicht der erste Jude in der Akademie. Der neunzigjährige Jean d’Ormesson, der die Wahl der ersten Frau – Marguerite Yourcenar – durchsetzte, hatte dem großen Raymond Aron von einer Kandidatur abgeraten: Er würde die Antisemiten und die Juden, die Gaullisten und die Antigaullisten sowie alle jene gegen sich haben, denen er intellektuell überlegen sei. Bei Alain Finkielkraut hatte d’Ormesson mit seinem Auszug gedroht. Die Entscheidung war knapp, acht Gegner hatten ihr Nein auch noch mit einem Kreuz auf dem Wahlzettel unterstrichen. Es war Ausdruck eines ganz besonderen Missfallens.

          „Auf meinen Kopf hat ,Libération‘ ein Preisgeld ausgesetzt“, klagte Finkielkraut wenige Tage vor der Zeremonie zu seiner Aufnahme an diesem Donnerstag. Fast jede zweite Woche ist er auf dem Cover eines Nachrichtenmagazins zu sehen: „Haben die neokonservativen Intellektuellen gewonnen?“ Gerade wurde das Pamphlet „Rappel à l’ordre“ gegen ihre Wende und ihren Rechtsrutsch neu aufgelegt: Die „Abmahnung“ geht genauso an Michel Houellebecq und Michel Onfray.

          Ein Taumel der Selbstzweifel und Schuldgefühle

          Alain Finkielkraut blieb nicht lange „Der eingebildete Jude“, den er 1982 in einem bahnbrechenden Essay beschrieb. Er war einer der Ersten, die den linken Antisemitismus erkannten. Den Antirassismus hält er für eine neue Ideologie. Aber seine hauptsächlichen Äußerungen betreffen den Niedergang der Schule – einen „Pseudointellektuellen“ schimpfte ihn die Ministerin – und die Massenkultur, um die es in „Die Niederlage des Denkens“ geht: ein Essay, der seit seinem Erscheinen 1987 jedes Jahr aktueller wird.

          Alain Finkielkraut empfindet seine Wahl, der er sich widerwillig gestellt hat, keineswegs als Sieg und sich selbst nicht als Papst: „Aber es gibt ein Denken, das seine Hegemonie verloren hat.“ Und das wird Finkielkraut nicht verziehen: „Für einen sogenannten ,Meister‘ bekomme ich ganz schön aufs Dach.“

          Trotzig hatte er nach den islamistischen Terroranschlägen in Paris erklärt: „Es sind nicht unsere neokolonialistische Politik, unsere imperialistischen Kriege und die Diskriminierung, die diese Monstren hervorgebracht haben.“ Dieser Befund ist eine prägnante Zusammenfassung der jüngeren französischen Debatten, die in Frankreich nach der Abkehr vom Kommunismus und der Aufarbeitung von Vichy einen Taumel der Selbstzweifel und Schuldgefühle ausgelöst haben. Inzwischen haben sich die Diskussionen über die Attentate auf die Möglichkeit einer Aberkennung der Staatsbürgerschaft versteift. Alain Finkielkraut befürwortet sie – und wird deswegen von den Linken noch heftiger attackiert. Justizministerin Christiane Taubira, welche die Aberkennung ablehnt, musste soeben zurücktreten. Einen Terroristen wird die Maßnahme nie und nimmer von der Tat abhalten. Sie zeigt vor allem die Krise der Nation als zerstrittene Schicksalsgemeinschaft.

          Der Widerstand der Zivilisation

          Auch die Juden sind geteilter Meinung. Nie zuvor hat sich ein Mitglied der Akademie so intensiv auf seine jüdische Herkunft gestützt. Bedingungslos verteidigt Finkielkraut den Staat Israel. Ausgerechnet über einen Kollaborateur mit den Nationalsozialisten muss Finkielkraut nun seine Einführungsrede halten: In Belgien war sein Vorgänger in der Akademie, der Dramatiker und Journalist Félicien Marceau, zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er konnte sich um sie drücken, weil ihm Charles de Gaulle, der den Schriftsteller Robert Brasillach hatte erschießen lassen, die französische Staatsbürgerschaft verlieh. Noch immer können nur Franzosen in die Akademie gewählt werden.

          Seit dem Sommer bereitet sich der „Unsterbliche“ vor: „Ein Neo-Reaktionär muss einen ,collabo‘ würdigen“, witzelte Finkielkraut. Die Académie Française war unter Vichy kein Hort des Widerstands. Von der Nachkriegsgeneration Sartre, Camus bis Foucault wurde sie als bürgerliche Institution verhöhnt. Längst lechzen die Intellektuellen wieder nach ihren Ehren. „Angesichts einer neuen arroganten und barbarischen Elite verkörpert sie den Respekt der Formen und die Liebe zur Sprache, den Widerstand der Zivilisation“, freut sich Finkielkraut auf seine erweiterte Kampfzone: die Schwerter des Geistes gegen die Kalaschnikows der Barbarei.

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