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Ein Jahr Stavanger-Erklärung : Wo stehen wir jetzt?

Wenn Eltern mit ihren Kindern gemeinsam lesen, ist ein wichtiger Anfang gemacht. Bild: Picture-Alliance

Vor einem Jahr hatten 130 Experten die Stavanger-Erklärung zur Zukunft des Lesens unterzeichnet. Wie hat sich die Debatte um das Lesen von Gedrucktem oder auf Bildschirmen entwickelt? Eine Zwischenbilanz.

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          Allein das Spektrum der mehr als 130 Forscher und Experten, die gemeinsam die Stavanger-Erklärung formuliert und unterzeichnet haben, die Vielfalt ihrer Disziplinen, Perspektiven und Ansätze hätte den Vorwurf schon entkräften müssen: Als der Appell für, wie der Mitunterzeichner Gerhard Lauer es ein Jahr später formuliert, einen „bedachtsamen Umbau der Lesewelten im digitalen Zeitalter“ veröffentlicht worden war, ließ die Unterstellung nicht lange auf sich warten, hier wollte jemand den unvermeidlichen Fortschritt aufhalten. Dabei hatten die Experten lediglich gefordert, der Einsatz digitaler Technologien beim Lesenlernen müsse „von sorgsam entwickelten digitalen Lerntools und Lerntechnologien begleitet“ werden, andernfalls könne es zu Verzögerungen „in der Entwicklung des kindlichen Leseverständnisses und der Entwicklung kritischen Denkens führen“.

          Die Stavanger-Erklärung lässt sich als Friedensinitiative im Glaubenskrieg um die Digitalisierung der Bildung lesen – und gelesen wurde sie. „Es ist uns gelungen, größere Aufmerksamkeit auf das Medium, auf dem gelesen wird, zu richten“, stellt die norwegische Leseforscherin Anne Mangen ein Jahr nach Veröffentlichung der Stavanger-Erklärung fest. Die Höhepunkte: Anfang April hatte die EU-Kommission zur Präsentation der Metastudie nach Brüssel eingeladen, auf der die Erkenntnisse und Empfehlungen der Stavanger-Erklärung basieren. Und im Dezember hatte Adriaan van der Weel von der Universität Leiden, zusammen mit Anne Mangen die Spitze des internationalen Forschernetzwerks E-READ, dessen vier Jahre währender Austausch in dem Appell gipfelte, auf der Konferenz „Pisa and Beyond“ in Helsinki die Ergebnisse ihrer Leseforschung mit denen der jüngsten Bildungsstudie abgleichen können.

          Es sei nach wie vor eine Herausforderung zu vermitteln, dass sich der Appell nicht gegen die Digitalisierung richte, sondern „gegen die Annahme, die Digitalisierung biete eine einfache Lösung von Problemen, die immer schon bestanden haben und auch weiter bestehen werden“. Die Botschaft sei nicht gerade willkommen gewesen und dennoch angekommen. Ein „verständnisorientiertes und kritisch reflektiertes Lesen“ digitaler Informationstexte – wie auch das Lesen gedruckter Texte – müsse „gezielt erlernt und geübt werden“, hält Yvonne Kammerer vom Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien, ebenfalls Unterzeichnerin der Erklärung, fest.

          Gerhard Lauer vom Digital Humanities Lab in Basel hält „die vielen Faktoren, die gelingende Lesebiographien erst prägen“, für den entscheidenden Forschungsgegenstand, „die Rolle von Familie und Freunden, der Schule, die Vorbilder und die Einübung in den Wechsel zwischen verschiedenen Leseweisen und die metakognitive Befähigung im Umgang mit den unterschiedlichen Funktionen des Lesens“. Anne Mangen legt den Schwerpunkt auf die weitere Erforschung der Lektüre längerer Texte und des sogenannten vertieften Lesens, der „wahrscheinlich am wenigsten zu Bildschirmen passenden Leseweise“ mit ihren vielfältigen Anforderungen. Die Stavanger-Erklärung hatte zwar für das Lesen langer Informationstexte festgehalten, dass sie beim Lesen auf Papier besser verstanden werden als beim Bildschirmlesen, insbesondere wenn die Leser unter Zeitdruck stehen. Zugleich machte sie klar, dass bei narrativen Texten indes keine Unterschiede festgestellt wurden. In einer Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober hat Adriaan van der Weel das allerdings darauf zurückgeführt, dass hierzu schlicht Forschungsergebnisse fehlten. „Wir müssen herausfinden“, pflichtet der Niederländer seiner Kollegin aus Norwegen jetzt bei, „warum junge Leute so weitaus weniger motiviert sind, längere Texte - also Bücher - zu lesen, und ob das auf lange Sicht nicht ein ernstes gesellschaftliches Problem darstellen könnte.“ Seine dringendste aktuelle Frage: „Warum nehmen Leser aller Altersstufen Texte auf Bildschirmen weniger ernst als gedruckte Texte - und was kann dagegen getan werden?“

          In Norwegen, berichtet Anne Mangen, habe das Bildungsministerium gerade wieder festgestellt, wie wichtig die Erforschung dieser Frage sei: „Seine Sorge gilt vor allem der Geduld, Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit junger Leser bei der Lektüre längerer und komplexerer Texte.“ Kein Wunder: Die im Dezember veröffentlichte Pisa-Studie hatte eine Abnahme der Leseleistung wie auch des Lesens in der Freizeit der Schüler festgestellt. Der Warnschuss passt nur zu gut zu den Erkenntnissen und Empfehlungen der Stavanger-Erklärung. Er ist übrigens nicht nur in Norwegen gefallen.

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