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Ein Jahr nach dem Mord an Hrant Dink : Unruhig wie eine Taube

Dink: „Ich weiß, dass die Menschen dieses Landes Tauben nichts tun” Bild: AFP

Vor einem Jahr wurde der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink ermordet. Der mutmaßliche Täter und weitere Verdächtige wurden zwar inzwischen festgenommen. Doch bisher hat es nur zwei Verhandlungstage gegeben. Und noch immer wurden nicht alle Angeklagten vernommen.

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          „Die Unruhe einer Taube“, heißt einer der letzten Artikel, den der vor einem Jahr in Istanbul erschossene Hrant Dink, armenisch-türkischer Journalist und Chefredakteur der armenischen Wochenzeitung „Agos“, schrieb. Von dem Gefühl, immer ausgegrenzt zu sein, ist darin die Rede, von Enttäuschungen und von dem zweieinhalb Jahre andauernden Gerichtsverfahren, in dem Dink sich wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ nach Paragraph 301 des türkischen Strafgesetzbuches verantworten musste.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er hatte wiederholt gefordert, die Massaker an den Armeniern nach dem Ersten Weltkrieg aufzuarbeiten. Er habe Angst, die Nationalisten, die nach seinem Leben trachteten, könnten ihre Drohungen wahr machen, schrieb Dink. Beim Spazierengehen sei er deshalb immer sehr unruhig; wie eine Taube wende er ständig den Kopf. „Ich weiß, dass die Menschen dieses Landes Tauben nichts tun“, endet der Artikel. Kurz darauf war Hrant Dink tot: ermordet mit drei Schüssen in den Nacken und den Hinterkopf, auf offener Straße, direkt vor dem Redaktionsgebäude seiner Zeitung „Agos“ im Istanbuler Stadtteil Sisli.

          Eine Ikone des Widerstands

          Das war vor einem Jahr. Bei zahlreichen Gedenkveranstaltungen wurde in Deutschland an den Journalisten erinnert; in Frankfurts Paulskirche bezeugt eine kleine Fotoausstellung sein Leben und Wirken. In Istanbul und anderen türkischen Städten haben mehrere tausend Menschen der Ermordung des Journalisten gedacht. „Wir alle sind Hrant Dink“ oder „Wir sind alle Armenier“ und „Wir sind hier, um seinen Kampf fortzusetzen“ war auf ihren Plakaten zu lesen.

          Erinnerung in Istanbul: „Wir alle sind Hrant Dink”

          Für die Menschen in der Türkei, die sich eine andere Gesellschaft, frei von Nationalismus und mit gleichen Rechten für alle Minderheiten wünschen, ist Hrant Dink längst eine Ikone des Widerstands. Vor allem, was das Engagement gegen den Paragraphen 301 angeht, mit dem die türkische Regierung ihren Kritikern und Minderheiten immer wieder einen Maulkorb verpasst. Die türkische Tageszeitung „Yeni Özgür Politika“, die sich für kurdische Belange einsetzt, widmete am Wochenende ihre Titelseite dem ermordeten Journalisten und kritisierte die schleppenden polizeilichen Untersuchungen in dem Mordfall.

          Der mutmaßliche Täter, der damals siebzehn Jahre alte Ogün S., wurde zwar sofort verhaftet. Ein Landesverräter sei Dink gewesen, sagte er als Begründung für seine Tat. Bestärkt fühlte er sich durch ein dem Paragraphen 301 folgendes Gerichtsurteil, das Dink mit einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe belegt hatte. Neunzehn weitere Verdächtige nahm die Polizei fest, die zu einem nationalistischen Verschwörerkreis gehören sollen, der den Mord plante.

          Wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ vor Gericht

          Doch bisher hat es nur zwei Verhandlungstage gegeben, und noch immer wurden nicht alle Angeklagten vernommen. Aussagen mutmaßlicher Polizeispitzel, die von dem Mordkomplott gewusst haben sollen, blockte das Gericht ab, Beweismittel wurden manipuliert oder verschwanden ganz einfach. Die Satirezeitschrift „Uykusuz“ titelte „Wir befinden uns noch immer am selben Fleck“ - die dazugehörende Illustration zeigt die mit einem weißen Tuch bedeckte Leiche Hrant Dinks auf der Straße vor der Redaktion seiner Zeitung „Agos“, Passanten drängeln sich vorbei, als sei nichts geschehen und als nähmen sie keinerlei Notiz.

          Ministerpräsident Tayyip Erdogan hatte angekündigt, den umstrittenen Paragraphen 301 noch vor Dinks Todestag zu ändern. Doch daraus wurde nichts, das Kabinett konnte sich nicht über die Reichweite der Änderungen einigen. Stattdessen wurde inzwischen auch Hrant Dinks Sohn Arat wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ - des Vorwurfs, der seinen Vater erst zur Zielscheibe für die Nationalisten machte - vor Gericht gezerrt. Arat Dink hatte den Nachdruck eines Artikels seines Vaters in „Agos“ presserechtlich verantwortet, in dem es um die Armenierfrage geht. Der Prozess soll im Februar fortgesetzt werden. Arat Dink hält sich so lange im Ausland versteckt und kommt möglichst selten in die Türkei.

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