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Die Schlagworte sind alt, die Schlagkraft ist neu: Demonstration in Kapstadt im Jahr 2011 Bild: AFP

Was hat #Metoo bewirkt? : Die Täter sollen sich schämen

#MeToo hat tatsächlich die Welt verändert: Frauen fordern ein, dass ihnen zugehört wird – und Männer lernen ihre Geschlechtsgenossen neu kennen.

          Am 15. Oktober 2017 öffnete sich das Tor zu einer Welt, von deren Existenz viele Männer nichts geahnt hatten. Die Schauspielerin Alyssa Milano twitterte als Reaktion auf die Weinstein-Enthüllungen: „If you’ve been sexually harassed or assaulted write ‚me too‘ as a reply to this tweet.“ Dieses Schlagwort war 2006 von der schwarzen Aktivistin Tarana Burke geprägt worden. Milano selbst antwortete als Erste auf ihren Tweet: „Me too.“ Zigtausende Frauen taten es ihr gleich, daraufhin verselbständigte sich der Hashtag. Jeder konnte lesen, was Frauen (und einigen Männern) passiert war, warum die Täter oft ungestraft davongekommen waren und welche Auswirkungen das auf die Psyche der Angegriffenen hatte. Das Entsetzen war groß – zu Recht und zum Glück, sonst hätte der Hashtag nichts bewirken können. Aber überrascht vom Ausmaß sexueller Belästigungen und Übergriffe war nur eine Personengruppe: die Männer.

          Dafür gibt es einen guten Grund, der im Englischen als Whisper Network bekannt ist. Frauen haben schon immer über sexuelle Übergriffe gesprochen. Sie haben einander vor Männern gewarnt. An amerikanischen Colleges schrieben sie die Namen der Täter an die Wände der Damentoiletten. Aber sie blieben damit unter sich, und diese Isolation ist nicht selbstgewählt, sondern kultiviert. Wir sind in eine Kultur hineingewachsen, in der sexuelle Übergriffe als Frauenthema gelten, so als handelte es sich um Nagellack oder Tampons, gerade bei strafrechtlich nicht relevanten Vorfällen, von denen es ungezählte gibt. Wenn eine Frau von einem Kollegen bedrängt wird, geht sie danach höchstwahrscheinlich zu einer Kollegin, der sie vertraut, und nicht zu einem Kollegen. Und wenn sie sich entschließt, es nicht öffentlich zu machen, spricht es sich unter den Frauen zwar oft herum, aber es erreicht die männlichen Kollegen nicht.

          In jedem Verein, jedem Unternehmen, jeder erweiterten Familie gibt es ein solches leidlich funktionierendes Whisper Network. Die Botschaften handeln vom Sportkameraden, der sich manchmal „versehentlich“ in die Damenumkleide verirrt, vom Kollegen, dessen Vorschlag für ein After-Work-Bier man unbedingt ausschlagen sollte, und vom Großonkel, dessen Umarmungen zu eng sind und zu lange dauern. Frauen erzählen diese Dinge untereinander, weil sie davon ausgehen, dass sie Männer nicht interessieren. Oder weil sie davon ausgehen, dass Männer ihnen nicht glauben, weil diese den Beschuldigten nie als Aggressor wahrgenommen haben.

          #MeToo hat das geändert. Nicht, weil die Männer plötzlich anders sind, sondern weil das übliche Abwiegeln schon angesichts der Masse der Aussagen unmöglich wurde. Manche Männer haben durch #MeToo erfahren, dass ihr übergriffiges Verhalten inakzeptabel ist. Andere haben erfahren, wie ihre Geschlechtsgenossen mit Frauen umgehen, und waren zutiefst angewidert. Die mediale Aufmerksamkeit, die Themen wie sexuelle Belästigung und sexueller Missbrauch seitdem gewonnen haben, bedeutet nicht nur, dass die Bevölkerung offenbar von solchen Fällen erfahren will. Sie bedeutet auch, dass viele Betroffene den Mut gefasst haben, offen zu sprechen – und dass ihnen bei entsprechender Beweislage Glauben geschenkt und ihr Erlebtes ernst genommen wird.

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