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Ein Gespräch mit Nassim Nicholas Taleb : Banker weg, wir brauchen eine Revolution!

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Für Nassim Nicholas Taleb das Symboltier unserer tristen Zeiten: Der Trauerschwan Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Seit 2002 hat Nassim Nicholas Taleb, Autor des Buchs „Der Schwarze Schwan“, auf die Krise gewartet. Was wir heute erleben, hält er erst für den Anfang und plädiert dafür, das Finanzsystem auszuwechseln.

          9 Min.

          Seit 2002 hat Nassim Nicholas Taleb, Autor des Buchs „Der Schwarze Schwan“, auf die Krise gewartet (siehe auch: Risikoforscher Taleb hat den Krisenverlauf schon vorher beschrieben). Was wir heute erleben, hält er erst für den Anfang und plädiert dafür, das Finanzsystem auszuwechseln.

          Glauben Sie, dass nach dem Crash...

          ...der Crash, ganz nebenbei, hat noch nicht richtig begonnen.

          „Der Crash hat noch nicht richtig begonnen”: Der Finanzmathematiker, Unternehmer und Essayist Nassim Nicholas Taleb

          Erklären Sie's uns?

          Ich hoffe, die Katastrophe ist vorbei, aber ich glaube es nicht. Wenn ich eine Wolke kommen sehe, kann ich daraus schließen, dass es regnen wird. Heute sehe ich, dass ganze Schiffsladungen von Aktien verkauft werden. Die Leute begreifen eben, dass sie jetzt in sichere Anlagen statt in riskante Aktien investieren sollten. Damit verfügen sie über mehr Bargeld, schaffen also mehr und mehr Redundanz. Dieser Prozess, der gerade erst begonnen hat, zieht die Märkte nach unten. Wenn er an sein Ende gelangt ist, werden die Märkte viel kleiner sein. Überdies weiß immer noch niemand, was die Banken eigentlich in ihren Portfolios haben. Sie haben so viel komplexe Wertpapiere, die sie einfach nicht verstehen. Schauen Sie sich nur die Deutsche Bank an, die, da bin ich sicher, Wertpapiere besitzt, die nicht einmal die Leute von der Deutschen Bank verstehen.

          Sind die privatwirtschaftlichen und staatlichen Reaktionen auf die Finanzkrise nun wenigstens angemessen?

          Nein, denn die Methoden, die in der Finanzwelt angewandt werden, um Risiken einzuschätzen, funktionieren nicht. Jeder weiß das seit fünfzehn Jahren. Wir brauchen eine Revolution, und ich weiß nicht, wie; aber die Leute, die an der ganzen Sache beteiligt sind, müssen gefeuert werden. Bernanke ebenso wie alle wichtigen Banker.

          Kann das System zumindest gerettet werden?

          Das ganze System muss ausgewechselt werden. Banken dürfen keine Investmenthäuser sein, sie sind für die Gesellschaft viel zu wertvoll, als dass ihnen erlaubt sein sollte, mit unserem Geld Wetten abzuschließen. Risiken sollten nur von professionellen Risikoträgern eingegangen werden.

          Welche Strategie verfolgen Sie jetzt in Universal Investment, Ihrer eigenen Firma?

          Ich handle nicht mehr mit Effekten, aber die Firma wird von meinen Ideen bestimmt. Unsere Strategie, die sehr schwer einem Laienpublikum zu erklären ist, hat sich seit zweiundzwanzig Jahren nicht verändert. Wir gehen davon aus, dass es niemals nur eine mittlere Volatilität gibt. Entweder ist die Volatilität hoch oder niedrig. Märkte befinden sich entweder in einer Trockenperiode oder unter Hochwasser. Wir sind so diszipliniert, lange Zeit keinen Profit anzustreben, aber wenn wir in sehr seltenen Augenblicken Geld machen, dann sollte es besser eine ganze Menge sein.

          Sie haben den „Schwarzen Schwan“ ein Philosophiebuch genannt. Müssen Sie die Finanzkrise dann nicht auch als Krise der Gesellschaft und der menschlichen Befindlichkeit sehen?

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