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Ein Gespräch mit Nassim Nicholas Taleb : Banker weg, wir brauchen eine Revolution!

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Ist es gleichwohl realistisch, von Anlegern zu erwarten, ihr Risiko einzuschränken, solange Aussicht auf enormen Gewinn besteht?

Die Leute sollten Risiken eingehen, aber lediglich Risiken, die sie verstehen. Die meisten Leute aber tun genau das Gegenteil. Sie gehen Risiken ein, die sie nicht verstehen, weil sie sie gar nicht sehen. Es ist so, als überquerten sie die Straße mit verbundenen Augen. In Mediokristan kann man so viel Risiken eingehen, wie man will, denn die Risiken sind überschaubar. In Extremistan aber sollte man einige Arten von Risiko nicht eingehen. Es ist wirklich nicht schwer, den Unterschied zu erkennen. Ich habe beispielsweise nichts dagegen, auf der Straße eine Rauferei zu riskieren. Aber das Risiko eines Atomkriegs würde ich vermeiden. Leider ist unser Gespür für Risiken nicht ausreichend entwickelt. Wir neigen dazu, einige Klassen von Risiken zu überschätzen, etwa die Risiken des Terrorismus. Andererseits unterschätzen wir die Risiken in einer Domäne wie Extremistan, die von einer einzigen Ausnahme beherrscht wird.

Wie schlägt sich das nun ganz praktisch in der Finanzwelt nieder?

Sie können ein Portfolio so anlegen, dass es nicht an einem einzigen Tag seinen gesamten Wert verlieren kann. Banken aber können an einem einzigen Tag bankrottgehen.

Steigert sich noch durch Globalisierung die Gefahr solcher Risiken?

Das Problem ist nicht die Globalisierung, wohl aber die Kombination von Globalisierung und Kapitalismus. Der größte Fehler des Kapitalismus besteht darin, dass er die Leute zwingt, sich nach den Analysten zu richten. Wenn eine Bank sich geweigert hätte, mit Subprimes, mit minderwertigen Darlehen, zu handeln, hätte sie zumachen können. Analysten hätten sie heruntergestuft, weil sie weniger Profit als die Konkurrenz machte. Die Börse ermuntert die Leute, Risiken einzugehen, die von den Analysten nicht entdeckt werden. Ich habe immer gesagt, das Bankensystem stecke voller verdeckter Risiken, und immer wurde mir gesagt, ich liege falsch. Ben Bernanke, der Notenbankchef, bezeichnete das System als stabil.

Hätte er es besser wissen müssen?

Ich sah, was da auf uns zukam, und andere Leute sahen es auch. Ich will aber das Thema etwas weiter fassen. Der Kapitalismus ist auf Risiken aus. Er vermeidet Redundanzen, weil er sie als ineffizient erachtet. Was will ich damit sagen? Neunzig Prozent meines Geldes sind Bargeld. Kommt es zu einer Krise, kann mir das egal sein. Die Leute aber sagen mir: Es ist nicht effizient, so viel Bargeld zu haben. Diese Leute haben zehn Prozent in Bargeld und machen so an guten Tagen mehr Profit als ich, sind aber auch fragiler. Der Kapitalismus zwingt uns zum Überoptimieren, die Biologie aber nicht. Nehmen Sie die Fortpflanzung. Menschen haben ihr Leben lang Geschlechtsverkehr und produzieren im Durchschnitt nur 2,2 Nachfahren. Das ist ineffizient, nicht wahr? Biologie und langlebige Systeme sind überaus redundant. Wenn der Kapitalismus überleben will, muss er folglich redundant sein. Was er nicht ist.

Aber warum musste er gerade jetzt zusammenbrechen?

Weil über Nationalgrenzen hinweg überoptimiert wird. Fast die gesamte IT-Branche konzentriert sich heute im indischen Bengaluru. Ob Sie in einem Hotel in Istanbul oder Frankfurt sind, werden Sie, wenn Sie IT-Unterstützung brauchen, mit Bengaluru verbunden. Was nun, wenn es Probleme in Bengaluru gibt? Dann müssen wir alle gemeinsam leiden. Dies ist kein besonders intelligentes System. Es ist ungeheuer fragil. Dazu kommen nun die Nachteile der Komplexität. Je komplexer eine Sache wird, desto schwerer ist ihre Entwicklung vorauszusagen. Ein winziges Problem, das wir nicht verstehen, könnte das Internet stilllegen. Es gibt Erhebungen, aus denen zu entnehmen ist, dass jedes Jahr die Zahl der Katastrophen abnimmt, aber wenn sie eintreten, sind sie schlimmer als je.

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