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Ein Gespräch mit Nassim Nicholas Taleb : Banker weg, wir brauchen eine Revolution!

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Schauen Sie: Jedes Mal, wenn Sie in ein Geschäft gehen und etwas kaufen, was aus China kommt, sorgen Sie dafür, dass der Preis für Weizen und Fleisch disproportional nach oben geht. Wie? Sie kaufen von jemandem in China ein Hemd, machen ihn so reicher, worauf er besser essen und übergewichtig werden kann, wie wir im Westen. Die Folge ist eine Verteuerung von Protein. Das ist alles ungeheuer einfach, das kann jeder verstehen. Aber kein ökonomisches Modell berücksichtigt das. Wenn ein Pilot derart uninformiert ein Flugzeug gesteuert hätte, wäre es abgestürzt. Jetzt ist die Wirtschaft abgestürzt. Warum erst jetzt? Weil auch die Zufälligkeit eine gewisse Struktur hat. Vergleichen Sie nur die Natur und die Finanzwelt. Die Natur ist unbeständig, aber verhält sich insofern artig, als sie ihre Eigenschaft recht schnell offenbart. In der Finanzwelt, also in einer konstruierten Welt, kann hingegen lange Zeit alles ganz gut gehen, bis plötzlich die Riesenüberraschung da ist. Ökonomen bezeichnen dies als exogenen Vorfall und behaupten, es sei unmöglich, ihn zu untersuchen.

Sie aber halten das für möglich?

Ich warte seit dem Jahr 2002 auf die Krise. Ich habe vorausgesagt, dass Banken kollabieren. Jemand hat mir damals geheime Bilanzen vorgelegt, die mich schwindelig gemacht haben, wirklich physisch schwindelig. So enorm waren die Risiken, die in dieser Zeit eingegangen wurden. Auf meine Frage, wie da Katastrophen zu vermeiden wären, bekam ich die Antwort, solche Katastrophen habe es in der Vergangenheit nie gegeben.

Sie glauben demnach, die gegenwärtige Finanzkrise sei kein Zufallsprodukt, sondern die logische Folge hochriskanter Spekulationen?

Ich definiere Zufälligkeit epistemisch. Wenn ein Truthahn nach tausend Tagen geschlachtet wird, erscheint der Todestag dem Truthahn als unvorhersehbarer Zufall, aber nicht dem Metzger. Ein anderes Beispiel: Sie und ich sitzen in einem Café und sehen, wie eine schwangere Frau vorbeigeht. Ob sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommt, darum können wir beide nur wetten. Wer von uns recht behält, bestimmt der Zufall. Für ihren Arzt aber, der sie untersucht hat, ist es keine Frage des Zufalls mehr. Zufälligkeit setze ich gleich mit unvollständiger Information. Kennen Sie meine Unterscheidung zwischen Mediokristan und Extremistan?

Ja, aber würden Sie es unseren Lesern noch einmal erklären?

In meinem Buch „Der Schwarze Schwan“ führe ich zwei Klassen von Zufallsvariablen an. Die eine Klasse verhält sich brav und artig: Wenn sich tausend Leuten ein besonders schwerer Mann hinzugesellt, wird sich ihr Durchschnittsgewicht kaum verändern. Die andere Klasse ist unordentlich und sehr viel weniger platonisch: Wenn Bill Gates zu den tausend Leuten kommt, wird sich ihr Durchschnittsvermögen wesentlich erhöhen. Diese beiden Klassen, die ich Mediokristan und Extremistan nenne, unterscheiden sich radikal, während es zwischen Zufälligkeit und Nichtzufälligkeit keinen großen Unterschied gibt. So können Sie jemandem sagen: Du kannst über Nacht dein Vermögen verdoppeln oder halbieren. Und: Du kannst über Nacht auch dein gesamtes Vermögen verlieren, aber nie dein gesamtes Gewicht. Das ist der Unterschied.

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