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Ein Gespräch mit Nassim Nicholas Taleb : Banker weg, wir brauchen eine Revolution!

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Die Wall Street ist verschwunden. Und das ist gut für Amerika, gut für die Seele, denn die Wall Street hat das gesellschaftliche Wertesystem korrumpiert. Heute ist die Wall Street allenfalls noch ein lahmes, geschwächtes Tier, das nicht mehr gesund wird. Unglücklicherweise kommt es zu einem solchen Wandel nur durch eine Krise. Aber durch die Finanz- und Klimakrise wird die Welt wahrscheinlich besser.

Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Ihre Analyse, Ihre Finanzweltanschauung die richtige ist?

Ich weiß nicht, ob sie die richtige ist. Ich plädiere nur für mehr Robustheit, für mehr Weisheit im Umgang mit der Welt. Es geht mir nicht um richtig oder falsch. Wenn ich Ihnen rate, kein russisches Roulette zu spielen, und Sie doch spielen und sogar gewinnen, diskreditieren Sie meinen Ratschlag. Er bleibt jedoch weise. Sie waren korrekt, aber haben nicht weise gehandelt. Ich nehme in Kauf, falschzuliegen, wenn ich weise sein kann.

Seit Jahren warnen Sie vor einem globalen Finanzkollaps. Wie haben Sie etwas gesehen, was andere nicht sahen?

Die Welt wird beherrscht von seltenen Vorkommnissen. Gewitter haben größere Wirkung als Regen. Unser Hirn kann das jedoch nicht verstehen. Wir sind in unserer Weltsicht allzu platonisch. Wir haben von der Welt eine Vorstellung, die sie verständlicher erscheinen lässt, als sie ist. Das ist meine Grundlogik. Aus ihr folgere ich nun, dass einige Handlungsarten fragiler sind als andere, weil Fehler bei ihrer Einschätzung größer sein können. Stellen wir uns zum Beispiel ein Flugzeug vor, das von einem Piloten gesteuert wird, der ein Gewitter falsch einschätzt. Es ist eine Handlungsart, die weitaus fragiler ist, als wenn jemand ein Auto oder einen Ochsenkarren fährt. Je technologisch avancierter, desto fragiler ist etwas.

Und das gilt auch fürs Finanzsystem?

Ja, es ist ungeheuer fragil, weil seine Betreiber nicht einsehen, dass seine Ungewissheiten weitaus größer sind, als sie es sich vorstellen. Darüber hinaus aber sind diese Ungewissheiten so beschaffen, dass sie dem Finanzsektor nur schaden und nie helfen können, ganz im Gegensatz zur Wissenschaft, die von Ungewissheit profitiert.

Ihre Schlussfolgerungen beruhen nicht auf rein ökonomischen Überlegungen. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich betrachte das epistemologisch. Danach gibt es in meinen Augen eine tiefe Kluft zwischen der Urnatur der Welt und unserem Verständnis von ihr. Es ist der wichtigste Grund für die Verletzlichkeit des Bankensystems. Ich war selbst mehr als zwanzig Jahre lang im Finanzbereich tätig und schließe immer noch Wetten auf seltene Vorkommnisse ab, auch wenn ich mich weder als Finanzmann noch Ökonom verstehe. Ich bin Philosoph, und zwar ein Philosoph der Wissenschaft, ein Erforscher der Zufälligkeit. Das ist mein Beruf, und so empfinde ich meine Identität. Aus der Sicht des Philosophen aber sind die Modelle, denen meine Finanzkollegen folgen, viel zu platonisch und unwissenschaftlich. Statt der Religion sollten die Leute lieber die Wirtschaftswissenschaften kritisieren.

Wie meinen Sie das?

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