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Ein Gespräch mit Nassim Nicholas Taleb : Banker weg, wir brauchen eine Revolution!

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So ist es. Wir verstehen die Welt nicht, in der wir leben. Und mein Ziel ist es, dass die Leute das begreifen. Basis unseres Handelns muss sein, dass es uns an Information, Wissen und Verstehen fehlt. In meinem nächsten Buch werde ich erklären, wie wir uns in einer solchen Welt verhalten müssen. Es macht Spaß, wenn wir der Täuschung unseres Wissens und übermäßigen Selbstvertrauens erliegen. Wir müssen nur aufpassen, dass es uns nicht weh tut. Ein Beispiel: Wir verstehen unser Klima nicht. Darum bin ich ökologisch hyperkonservativ. Ein komplexes System wie das Klima, das so lange schon besteht, verdient unseren Respekt. Wir sollten uns genauso verhalten, wie unsere Vorfahren es taten. Was heute nicht populär ist. Ich nehme auch Medizin nur unter äußerst seltenen Umständen ein und vermeide jedes moderne Essen. Ich verzichte auf Brot, auf Zucker und esse lediglich Früchte, die einen griechischen oder hebräischen Namen tragen, also keine Mangos. Das alles geht auf meine Grundüberzeugung zurück, komplexe, für uns unbegreifliche Systeme nicht oder nur in Notfällen anzutasten.

In Ihrem Buch treten Sie auch für eine eher spielerische Einstellung zur Welt ein.

Ja, weil ich nicht gern arbeite. In meinem Leben gibt es keine Trennung zwischen Arbeit und Muße. Es ist ein ökologisches Verhalten und kommt dem am nächsten, wofür wir gemacht sind. Seit der Aufklärung, seit wir Menschen meinten, die Welt zu verstehen, haben wir sie vor allem in Unordnung gebracht. Wir alle haben keine Ahnung, wie mit Wissen umzugehen ist, und wir überschätzen uns dabei. Ich bin dennoch nicht fortschrittsfeindlich. Aber ich versuche, gegenüber Irrtümern, die aus Wissen entstehen, so robust zu sein wie nur irgend möglich. Das ist meine Richtlinie.

Angesichts der Finanzkrise und der ratlosen Bemühungen, sie zu bändigen, muss Sie da doch die Verzweiflung packen.

Ich bin total deprimiert. Ich bin über die Art und Weise schockiert, wie die Leute nichts daraus lernen. Können Sie glauben, dass Banken mehr an Boni auszahlen, als ihnen die Regierung an Rettungsgeldern zugeteilt hat? Meine Voraussagen haben sich eingestellt, aber ich wünschte mir, sie hätten sich nicht eingestellt. Ich habe Millionen über Millionen an Profit gemacht, aber ich kann jetzt nicht einmal mehr lächeln.

Könnte die Wahl Obamas, die weltweit so viel Euphorie ausgelöst hat, sich vielleicht segensreich auf die Finanzkrise auswirken?

Ich freue mich, dass Obama gewonnen hat. Aber es schaut ganz so aus, als sei die Präsidentschaft nichts als eine Illusion. Wir haben die Kontrolle verloren. Wir regieren nicht die Umwelt, sie regiert uns. Der Nationalstaat ist bedeutungslos geworden.

Gibt es denn in Ihrem düsteren Gewölk überhaupt keinen Silberstreifen?

Wir haben eine Krise gebraucht. Das System hat zu viele Superreiche hervorgebracht, und sie leiden jetzt am meisten unter der Finanzkrise. Ein anderes positives Ergebnis ist, dass es keine Kultur der Gier mehr geben kann.

Aber ist Gier nicht ein Wesensmerkmal der Wall Street?

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