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Ein Gespräch mit Dennis Meadows : Grüne Industrie ist reine Phantasie

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Das exponentielle Wachstum von Bevölkerung und der Industrie. Das ist heute wie vor vierzig Jahren so. Klimawandel, Nahrungsmangel, Umweltschäden sind nur Symptome. Wenn wir den Klimawandel in den Griff bekommen, würde das überhaupt nichts lösen. Das dringendste Problem für die Menschheit ist ganz klar der zunehmende Verbrauch an Energie und Rohstoffen durch die Menschen. Solange wir daran nichts ändern, werden die anderen Probleme nur noch größer werden.

Viele halten dennoch die Veränderungen durch den Klimawandel, die sich immer stärker beschleunigen, für das drängendste globale Problem, weil er auch zunehmend selbst Ursache für viele Menschheitsprobleme, Dürren und Hungersnöte etwa, wird.

Das glaube ich nicht. Wenn Sie Krebs haben und deswegen Kopfschmerzen bekommen: Ist Kopfweh dann das Problem? Nein. Ich kann ihre Kopfschmerzen zum Verschwinden bringen, aber der Krebs ist dann immer noch da.

Klimawandel verursacht keine massenhaften Opfer?

Der Klimawandel wird viele Opfer haben und zahlreiche Tote. Aber er ist nicht das zentrale Problem. Wachstum verursacht Klimawandel. Wachstum ist der Krebs, Klimawandel der Kopfschmerz. Wenn wir den Klimawandel in den Griff bekommen, kämpfen wir mit Wassernot, neuen Epidemien oder Nahrungsengpässen. Früher oder später wird das Bevölkerungswachstum enden. Klar, wir müssen den Klimawandel abbremsen, aber wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, damit wäre alles in Ordnung.

Wenn wir alle die kostenlose Energie der Sonne viel stärker nutzen, sind da nicht gleich viele Probleme auf einmal gelöst?

Ich habe Solarpanels auf meinem Dach und heize mein Haus mit selbstgehacktem Holz aus dem Wald, aber ich habe auch zehn Hektar Land. Glauben Sie nicht, dass man mit sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten so die Probleme lösen kann. Die Regenerativen liefern aber hauptsächlich Elektrizität. Was wir brauchen, sind Treibstoffe und Wärme für die Industrie.

Aus Ihnen spricht nicht gerade Optimismus.

Wo sollte die Lösung liegen, wenn ich mir vorstelle, dass bald acht Milliarden Menschen mit Fahrzeugen durch die Welt fahren? In den letzten 300.000 Jahren der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder Lösungen. Klar ist: Wir werden irgendwann unseren Energiekonsum radikal verringern müssen, das exponentielle Wachstum wird nicht ewig anhalten können.

Glauben Sie nicht, dass der technische Fortschritt viele Probleme verringern wird?

Verspäten vielleicht, aber nicht lösen. Ich bin durchaus ein Technik-Enthusiast, aber ich kenne auch die Grenzen der Technologien. Sie sind immer da erfolgreich, wo Leute die Chance sehen, damit Geld zu machen. Technik hat auch die bisherigen Probleme nicht gelöst. Warum sollte das in Zukunft anders sein?

Gibt es also kein sinnvolles Rezept außer Energiesparen?

Ich habe kein Konzept. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was passieren wird. Es ist wie auf der Achterbahn. Als wir unser Buch im Jahr 1972 herausbrachten, haben wir gefragt: Wollt ihr auf die Achterbahn, ja oder nein? Wir sind eingestiegen. Und jetzt geht’s immer schneller und schneller, und wir verlieren zusehends die Kontrolle. Was tut man auf einer richtigen Achterbahn, wenn man ganz oben angekommen ist? Man tut alles, um zu überleben. Da stehen wir jetzt.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.

Die Grenzen des Wachstums

Was die wissenschaftlichen Fakten betrifft, gibt es kaum ein aktuelleres Buch als „Limits to Growth“, in Deutschland erschienen als „Die Grenzen des Wachstums“. Politisch und ökonomisch ist es umstritten, kulturell gilt es als visionär bis apokalyptisch. Dahinter steht eines der ersten globalen Modelle über das Systemverhalten der Erde bis zum Jahr 2100. Die von der deutschen Volkswagenstiftung finanzierte Studie war vor vierzig Jahren vom Club of Rome veröffentlicht worden und hat regelrecht hysterische Reaktionen ausgelöst, weil, wie Harald Welzer („Klimakriege“) auf dem Symposion „Already Beyond?“ im Hannoveraner Schloss Herrenhausen klarmachte, sie die „einfache Tatsache mitteilte, dass die Erde weder unendliche Rohstofflager bereithält noch grenzenlos Senken für Müll und Emissionen“. Vielen gilt sie als Geburtshelferin der grünen Bewegung. Der führende Kopf der Studie war der amerikanische Ökonom und Chemiker Dennis Meadows, ausgebildet als Systemmanager am Massachusetts Institute of Technology. Heute, siebzigjährig, ist er Präsident des Laboratory for Interactive Learning. (jom)

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