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Frankreich : Wahlkampf mit Fiktionen

Was würde passieren, wenn die Vorsitzende des Front National zur Staatspräsidentin gewählt würde? Bild: AFP

Marine Le Pen wird zur Staatspräsidentin gewählt, Frankreich bildet eine Allianz mit Putin, und Demonstrationen werden verboten: Ein französischer Soziologe albträumt von Marine Le Pen.

          3 Min.

          Der Albtraum wird Wirklichkeit. Am Sonntag um 20 Uhr, es ist der 7. Mai 2017, verkündet das Fernsehen: Ein französischer Soziologe albträumt von Marine Le Pen ist zur Staatspräsidentin gewählt worden, sie hat François Hollande in der Stichwahl besiegt. Der Pariser Korrespondent des amerikanischen „Morning Star“, Michael W. Squirrel, berichtet vom Machtwechsel. Noch am Wahlabend kommt die Nachricht, dass Jean-Marie Le Pen nach einem Herzinfarkt in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Ihn hat die Tochter auf dem Weg ins Elysée der „Entdämonisierung“ geopfert. Die Strategie ist aufgegangen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Bei einer Protestaktion wird ein junger Araber erschossen - in der Folge werden Demonstrationen verboten. Investoren und Unternehmer fürchten den Ausstieg aus dem Euro und verlassen das Land. Die wirtschaftliche und soziale Lage verschärft sich. Frankreich bildet eine Allianz mit Putin. Prognosen zur Rolle konservativer Intellektueller, die man immer wieder als Wegbereiter des Front National anklagt, werden eingestreut. Alain Finkielkraut will die Präsidentin als Botschafter nach Israel schicken.

          Michel Houellebecq inszeniert in „Unterwerfung“ den Sieg eines Muslims im Jahre 2022. Verfasser der Fiktion von Le Pens Triumph bereits in der nächsten Präsidentenwahl ist der Soziologe Michel Wieviorka: „Le Séisme. Marine le Pen Présidente“ (Editions Robert Laffont). Im Vorwort analysiert sein erzählender Statthalter, der amerikanische Korrespondent, die französische Entwicklung seit 1945. In einer ersten Phase erholte sich das Land von der Niederlage 1940 und der Kollaboration. Es trieb seine Industrialisierung voran und beendete - „unter Schmerzen“ - den Kolonialismus. Es gab Wachstum und Reformen.

          Wahrsagerei und Wahlkampf

          Seit den „dreißig glorreichen Jahren“ erfolgen die Veränderungen in Form von „Krisen“: Arbeitslosigkeit, Einwanderung, Islamisierung. „In dem vom Christentum geprägten Land, das sich als ,älteste Tochter der Kirche‘ fühlte, wurde der Islam zur zweitstärksten Religion.“ Dem nach Vichy und Pétain verpönten Rechtsextremismus frönten zunächst „vereinzelte verirrte Grüppchen“, dann wurde er zur „Protestbewegung“ gegen die politische Korrektheit - und schließlich zur führenden Macht, ideologisch zuerst und mit Marine Le Pens Triumph auch politisch.

          Michael W. Squirrel stilisiert ihn zur „autoritären Revolution“ - Vichy war eine „nationale“ - und vergleicht sich ungeniert mit Alexis de Tocqueville, der über die Demokratie in Amerika schrieb wie er selbst nun über den Niedergang Frankreichs. Ausgiebig befasst er sich mit den Medien. Auf „Le Monde“ stimmt er einen Abgesang an. Seine Kritik an den Newssendern bleibt so oberflächlich, wie es deren Programme sind. Politik und Medien seien ein „obszönes Paar“, oft ist der Mann Minister und die jüngere Geliebte TV-Journalistin. Auch einen einflussreichen Intellektuellen namens Michel Wieviorka lässt er in Erscheinung treten. Der kleine Scherz ist wohl selbstironisch gemeint. Aber den Pulitzer-Preis, den Wieviorka seinem amerikanischen Alter Ego verleiht, hat der mit seinem merkwürdigen Zwitterbuch in keiner Weise verdient.

          Es ist Wahrsagerei und Wahlkampf zugleich. „Das Erdbeben“ erscheint wenige Tage nach einem Aufruf, den der Verfasser zusammen mit der Sozialistin Martine Aubry und ein paar Vertretern der Linken und Grünen - auch Daniel Cohn-Bendit - veröffentlichte, natürlich in „Le Monde“. Das Pamphlet ist eine Kampfansage an die Regierung. Es könnte zur Spaltung der Sozialistischen Partei führen. Die Verfasser fordern eine Vorwahl für die Bestimmung des Präsidentschaftskandidaten im linken Lager.

          Die Inszenierung eines Intellektuellen

          Amtsinhaber Hollande ist an dieser Demütigung alles andere als unschuldig, aber Wieviorkas Vorgehen ist keineswegs besser. Er treibt den antifaschistischen Kampf der Linken, der dem Front National seit dreißig Jahren sehr viel mehr nützt als schadet, auf die Spitze. Skrupellos lässt er das historische Schreckgespenst als Schimäre eines amerikanischen Ghostwriters auferstehen. Ausgerechnet ein Soziologe nimmt den Spuk als erster zum Nennwert. Zur Abschreckung? Die ist verpufft.

          Michel Wieviorka inszeniert einen Wahlkampf, wie ihn noch nie ein französischer Intellektueller für einen Politiker betrieb. Seine Fiktion ist eine Kampfansage an Präsident Hollande, den er als Verräter (am linken Programm) und Verlierer (im voraus) vorführt. Um seine politische Leitfigur Martine Aubry an die Macht zu bringen. Nur sie kann von einer Vorwahl profitieren.

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