https://www.faz.net/-gqz-156d1

Ein Eidgenosse erklärt die Schweiz : Herr Steinbrück, Sie haben Mundgeruch

  • -Aktualisiert am

Der deutsche Finanzminister hat der Schweiz mit „Kavallerie“ und „Peitsche“ gedroht, Franz Müntefering mit Soldaten. Thomas Hürlimann, einer der renommiertesten Schweizer Autoren, erklärt, warum Schweizer und Deutsche sich nie verstehen werden.

          Den Stoff hatte Goethe entdeckt, das Stück war von Schiller, und der deutsche Regisseur Volker Hesse hat es im vergangenen Sommer in Altdorf mit Urner Laien inszeniert - ein fulminanter „Wilhelm Tell“. Das Publikum saß auf einer hölzernen Tribüne und sah von drei Seiten zu, wie sich brave Bürger und knorrige Älpler mit Holzstangen, die erst an Wanderstöcke, dann an Spieße erinnerten, in einen Sturmgang wider die Tyrannis putschten. Zum Schluss riss es die Zuschauer von den Bänken.

          Was wären wir Schweizer ohne die deutsche Kultur, ohne Deutschlands Dichter, Denker und Künstler. Ich liebe die deutsche Sprache, die deutschen Frauen (eine besonders) und halte mich gern in Berlin auf. Dies bitte ich Sie bei dem, was folgt, zu bedenken. Hier spricht ein Freund. Und ein Schweizer Patriot, der immer wieder feststellen muss, mal amüsiert, mal traurig, dass Sie, die Deutschen, und wir, die Schweizer, auf verschiedenen Planeten wohnen. Sie kommen aus den Wäldern, wir aus den Bergen. Deutschland ist flach, die Schweiz hohl.

          Eine listige Idee

          Es mag Sie erstaunen, dass ein renommierter Regisseur wie Volker Hesse mit Laien arbeitet. Bei uns ist das selbstverständlich. Wir hatten nie ein National- oder Burgtheater, und erst nach Hitlers Machtergreifung verwandelten deutsche Immigranten ein ehemaliges Varieté in das Zürcher Schauspielhaus. Aber seit Jahrhunderten führen unsere Dörfer talauf, talab ihre Stücke auf, meist deftige Komödien, die, mit Lokalpolitik gespickt, in brechend vollen Turnhallen über die Bühne gepoltert werden.

          Hertha BSC Berlin feiert mit Trainer Lucien Favre Schweizer-deutsche Triumphe

          So war es eine listige Idee von Hesse, seinen Tellen Holzstangen in die Hand zu geben. Damit pochten sie auf ihr Recht und ihren Boden, und das Tolle war, dass Schillers Revolutionsgedicht, das zugleich den Abgesang auf diese Revolution enthält, und das erregte Geklopfe des Kollektivs die Hohlheit unter den Bühnenplanken hörbar machten.

          Das Nach-innen-Schaffen

          Unsere Urahnen verbrachten nur die Winter im Tal, übersömmert wurde auf den Alpen, und zwar auf verschiedenen Höhenlinien, in verschiedenen Höhlen. Sie waren zugleich sesshaft und beweglich - nur für Gott, sonst für keinen zu greifen. Bergler.

          Ver-Bergler. Denn das Horten, das Nach-innen-Schaffen war ihr Leben, ihre Leidenschaft. Unsere schönsten Sagen erzählen von den Kathedralen und Palästen im Innern der Gebirge, gar von einem Kristallvenedig mit Gold- und Silberkanälen. Später, in der Reformation, wurde der Drang nach innen zum Wahn. Man denunzierte die Außenwelt als äußerlich und kratzte die Bilder von den Wänden. Damit war die Ver-Bergler-Mentalität ins Flachland vorgedrungen, an den Genfer und an den Zürichsee, wo sie von Calvin und Zwingli in zwei Gebote gefasst wurde: Du sollst dem kargen Boden möglichst viel abgewinnen. Und was du gewonnen hast, sollst du in deiner Höhle (Kasse, Kassette) einschließen, auf dass dein Glanz leuchte wie ein Kristall, aber nur im Dunkel der Höhle (des Banksafes) und im Auge deines Gottes.

          Das große Ganze, der Staat, ist uns suspekt

          Schon die alten Eidgenossen zogen sich auf die Höhen zurück, um von dort oben die Ritterheere der Habsburger mit Gerölllawinen zu bekämpfen, und in den Weltkriegen baute das Militär das Innere der Alpen zu einem einzigartigen Bunkersystem aus, dem sogenannten Réduit, worin die Armee, wäre die Schweiz überfallen worden, in ewiger Dämmerung ausgeharrt hätte. Kampflos. Unbesiegt. Auf gut eidgenössische Art verborgen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dr. Ruth Gomez arbeitet  im universitären Kinderwunschzentrum in Mainz als Pränataldiagnostikerin.

          Spezielles Verfahren : Einzige Chance auf ein gesundes Kind

          In der Mainzer Universitätsklinik sind zum ersten Mal Babys nach einer Präimplantationsdiagnostik auf die Welt gekommen. In das ethisch umstrittene Verfahren setzen verzweifelte Paare ihre ganze Hoffnung.
          Bald nicht mehr vonnöten: Eine gelbe Krankschreibung.

          Digitale Krankschreibung : Der „gelbe Schein“ wird verschwinden

          Es geht um Millionen Zettel: Das Kabinett hat heute die Abschaffung der Krankschreibung auf Papier beschlossen. Außerdem steigen die Hartz-4-Sätze, Paketzustellern soll geholfen und überflüssige Bürokratie abgeschafft werden. Wir zeigen, was die Beschlüsse bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.