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Briefkopf: „The White House. Washington“ Bild: Frank Röth

Corona-Dollar für Deutsche : My Fellow American, Ihre Soforthilfe ist da

Ein Deutscher bekommt Post vom Weißen Haus – und 1200 Dollar direkt auf sein Konto. Offenbar ein Versehen. Was will Trump uns damit sagen? Und was tut man, wenn man das Geld denen, die darauf warten, zurückgeben will?

          7 Min.

          Ich habe Post vom amerikanischen Präsidenten bekommen. „My Fellow American“, schrieb er mir, „Ihre Soforthilfe ist da.“ Ich stand vor meinem Briefkasten und hatte den Umschlag hektisch aufgerissen, eigentlich wollte ich eine Runde mit dem Rad drehen, wie das in diesem Corona-Frühling in Deutschland so viele machen, aber jetzt stand ich da, mit einem Brief von Donald Trump in der Hand, und starrte auf den Briefkopf. „The White House“. Und die Anrede. Und die Unterschrift: steil aufragende Buchstaben, dicht an dicht, wie Ausschläge auf der nach oben offenen Richterskala.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ich hatte dieses Erdbeben einer Unterschrift schon häufiger gesehen: Wenn Trump sie in die Kamera gehalten hat, nachdem er mal wieder ein Gesetz unterschreiben durfte, das abräumt, was seine Vorgänger im Weißen Haus aufgebaut hatten, in Sachen Krankenversicherung, Einwanderungsrechte, Umweltschutz. Jetzt hatte Trump damit aber einen Brief an mich unterschrieben. Und ihn nach Berlin geschickt.

          „My Fellow American“, schrieb er, „unser großes Land durchlebt als Ergebnis der globalen Coronavirus-Pandemie unvorhersehbare Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit und der Wirtschaft. Unsere höchste Priorität gilt Ihrer Gesundheit und Sicherheit. Während wir einen totalen Krieg gegen diesen unsichtbaren Feind führen, arbeiten wir zugleich rund um die Uhr, um hart arbeitende Amerikaner wie Sie vor den Konsequenzen des ökonomischen Shutdowns zu schützen.“ Hart arbeitende Amerikaner wie ich, das ging mir erst mal runter wie Öl, aber es war auch genauso schmierig. Was wollte Trump nur von mir? Und wie war er nur auf mich gekommen?

          Gemeinsam gegen das Virus

          „Am 27. März 2020 hat das Repräsentantenhaus mit überwältigender Zustimmung beider Parteien den Cares Act unterschrieben, den ich stolz ratifiziert habe. Das schließt schnelle und direkte Wirtschaftshilfe für Sie ein.“ Ich hatte Bilder davon gesehen, Trump hatte am Schreibtisch im Oval Office gesessen, umgeben von vielen Männern und zwei Frauen, eng gedrängt standen sie da, gemeinsam gegen das Virus. Später hatte der Präsident ihnen allen einen Stift geschenkt, von der Sorte, mit der er das Gesetz unterschrieben hatte.

          Genauso eine Unterschrift starrte mich jetzt an. Und eine Zahl. 1200 Dollar.

          Ich ließ den Brief sinken und starrte ins Leere und kam mir vor wie eine Figur in einem Hollywood-Film, wenn die einen Brief bekommt und nicht fassen kann, was drinsteht, und den Brief sinken lässt und ins Leere starrt. Dann las ich weiter.

          „Mir ist es eine Freude“, teilte mir Präsident Trump mit, „dass Sie im Rahmen des Cares Act eine Nothilfe von 1200 Dollar per Überweisung erhalten. Wir hoffen, dass diese Zahlung Ihnen in dieser Zeit sinnvoll helfen kann.“ Ist der jetzt endgültig verrückt geworden, dachte ich. Ich bin deutscher Staatsbürger. Ich zahle Steuern in Deutschland. Ich war zwar vor einiger Zeit für ein paar Wochen im Mittleren Westen, um an der Uni zu unterrichten, und musste danach eine amerikanische Steuererklärung machen, das kann doch nicht –

          Ich ging schnell ins Internet, um meinen Kontostand zu checken. Ganz oben war ein Eingang vom Internal Revenue Service, das ist die amerikanische Finanzbehörde: 1200 Dollar. Betreff „IRS TREAS 310 DES: TAX REF“.

          Hilfspaket oder Hauptgewinn

          1200 Dollar von Trump. Ich lachte, dann wurde mir heiß, dann fiel mir kurz die Welt auf den Kopf, dann wurde mir kalt, und dann sagte ich ein Wort mit vier Buchstaben, wie hardworking Americans es halt so tun. Innerhalb eines einzigen Briefes hatte Donald Trump, der Amerika wieder groß machen wollte, zumindest mich schon mal 1200 Dollar reicher gemacht.

          Das ist jetzt ein paar Tage her. Seitdem versuche ich herauszufinden, was passiert ist. Der „Coronavirus Aid, Relief and Economic Security Act“, abgekürzt als „Cares Act“, bringt 2,2 Billionen Dollar an Hilfsgeldern auf: für amerikanische Arbeitnehmer und Familien, gestaffelt nach Einkommen, aber auch für kleinere Unternehmen, für die Verwaltungen in Stadt und Land.

          Als Trump das Gesetz unterzeichnete, war er ganz beseelt davon, dass nie zuvor ein amerikanischer Präsident ein Hilfspaket in solcher Höhe geschnürt habe – als bezifferte diese enorme Zahl nicht die enorme Sorge um die Lage der Nation in der Corona-Krise. Sondern einen Hauptgewinn. Für Trump. Im November soll ja gewählt werden.

          Längst nicht alle amerikanischen Haushalte, die berechtigt sind, haben ihre Zahlungen aber inzwischen bekommen. Ein Freund in Alabama schon, eine Freundin in Pennsylvania auch, ein anderer Freund in Missouri wartet noch. Die „Washington Post“ berichtet von einer Verfassungsklage im Namen von Millionen amerikanischer Kinder, denen die Nothilfe verweigert wird, weil ihre Eltern „undocumented immigrants“ sind: Einwanderer also, die dann auch noch in Branchen arbeiten, die in der Pandemie massiv Stellen abbauen. Der Adressat der Klage ist Finanzminister Mnuchin – er stand, als Trump den „Cares Act“ unterzeichnete, direkt hinter ihm und hat auch einen Stift bekommen.

          Trumps Brief. „Don’t call us“, steht auf der Webseite der amerikanischen Finanzbehörde.

          „Gemeinsam schaffen wir das, als eine Nation, stärker als je zuvor“, so hatte Trump seinen Brief geschlossen. Aber wer zu dieser Nation gehören durfte, legten seine Leute selbst fest. „Für weitere Informationen über Ihre Hilfszahlung gehen Sie bitte ins Netz unter irs.gov/coronavirus oder wählen Sie 800-919-9835“, stand unter seiner Unterschrift. Ich tippte die Adresse ins Netz ein und landete auf der Website des IRS. „Economic Impact Payments“ stand dort, „wir haben mit den Auszahlungen begonnen“, und darunter: „Don’t call us.“

          Okay, dachte ich, und klickte mich durch die Seite. Das Geld kam offenbar automatisch, per Überweisung oder Scheck, oder man stellte einen Antrag. Ich fand den Abschnitt: „Wer nicht berechtigt ist“. Ein Ausschlusskriterium lautet: „Sie haben keine Sozialversicherungsnummer.“ Ich hatte aber eine, seit ich Austauschstudent gewesen war. Der nächste Punkt hieß: „You are a Nonresident Alien.“ Das war ich. Aber genauso offensichtlich ging es darum, ob man 2018 eine amerikanische Steuererklärung gemacht hatte, und das hatte ich.

          Die Fax-Leitungen sind tot

          Es nützte nichts, ich musste mit jemandem vom IRS reden. Aber wenn die nicht wollten, dass man sie anruft, musste ich ihnen also schreiben, wie Trump mir. Eine E-Mail-Adresse war nirgends zu finden. Dafür eine Faxnummer von einer IRS-Abteilung in Philadelphia, die für internationale Steuerfälle zuständig ist. Also schrieb ich ein Fax, als wäre es wieder 1993, nichts Neues, wenn man mit Amerika zu tun hat, wo es auf den Bahnhöfen so aussehen kann, als käme gleich Huckleberry Finn gerannt, um das Gepäck in den Zug zu tragen.

          Ich überlegte kurz, sie mit „My fellow Americans“ anzureden, schrieb dann aber: „To whom it may concern. Ich bin ein deutscher Staatsbürger und Steuerzahler und habe 1200 Dollar von Ihnen bekommen, was tun?“ Die erste Faxnummer war tot. Ich fand eine zweite von der gleichen Abteilung, auch tot. Ich griff zum Telefon und rief bei der amerikanischen Botschaft in Berlin an.

          27. März 2020, Trump unterzeichnet den „Cares Act“.

          Eine automatische Ansage begrüßte mich: „Wir bearbeiten bis auf weiteres nur Notfälle“, sagte sie und zählte Notfälle auf, meiner war nicht dabei, ich blieb trotzdem in der Leitung, bis das Band abgelaufen war, ein Freizeichen ertönte und sich eine Frauenstimme meldete. „American Embassy, was kann ich für Sie tun?“

          Das überrumpelte mich, hastig trug ich mein Problem vor, da sei dieses Geld auf meinem Konto, aber ich doch ein deutscher Steuerzahler, und was ich jetzt tun sollte, das Geld sei ja eigentlich für – „Hallo!“, unterbrach die Dame mich. „Die Adresse auf dem Briefkopf“, sagte sie, „das ist die Behörde, an die Sie sich wenden müssen.“ Sie klang echt streng. „Ich will ja nicht witzig wirken“, antwortete ich, „aber da steht ,The White House‘.“ – „Ich sage auch gar nicht, dass es witzig ist“, sagte die Dame und seufzte. „Wie heißt die Adresse auf dem Umschlag!“ Da stand: Department of the Treasure, IRS, Austin, Texas. Ich bedankte mich und legte auf.

          Von der Finanzbehörde in Austin fand ich aber keine Nummer, dafür dann doch von der in Philadelphia, der ich mein Fax geschickt hatte, nur hatten die ja offenbar kein Faxgerät mehr. Wieder meldete sich eine automatische Ansage. „Wenn Sie wegen der Nothilfe anrufen, gehen Sie bitte auf die Website“, erklärte sie. Ich blieb trotzdem dran.

          „Wenn Sie von außerhalb der Vereinigten Staaten anrufen und Hilfe wegen einer Steuersache brauchen, drücken Sie die Vier.“ Ich drückte. Die nächste Ansage erklärte mir, dass sie meinen Anruf vielleicht aufzeichnen würden. „Das mache ich hier auch“, dachte ich grimmig. „Please hold“, sagte die Stimme. Dann kam kurz Musik, dann: „Danke für den Anruf beim IRS, ich heiße Alissa, was kann ich für Sie tun?“ Ich erklärte es ihr, so schnell es ging. „Okay, alright“, sagte Alissa, „da muss ich Sie kurz in die Warteschleife legen.“

          „Ihre Soforthilfe ist da!“

          Sie legte aber wohl eher den Hörer beiseite. Entfernt hörte ich Stimmen, sieben Minuten vergingen, dann raschelte es, ich hörte das Geräusch einer scrollenden Computermaus, dann sagte Alissa „Oh come on!“, dann war auch diese Leitung tot. Beim zweiten Anruf drückte ich sofort die Vier. Kurz kam Musik, dann meldete sich wieder eine Frauenstimme, vielleicht hieß sie Katie, ich war so konzentriert auf meine Chance, dass ich nicht genau hingehört habe. „Geben Sie mir kurz Zeit, damit ich rausfinden kann, wie wir Ihr Problem lösen können“, sagte sie, ich dachte: „Don’t call us, we don’t call you“, und bedankte mich.

          Die Minuten verstrichen zu Hotelbarjazz, die Leitung rauschte leicht wie die Wellen, vielleicht war das auch der Atlantik zwischen Katie und mir, und ich fing an zu träumen, was ich mit 1200 Dollar anstellen könnte, wenn ich sie einfach behielte. Ich rechnete sie in Baseballtickets um und in Bücher von Flannery O’Connor, in Bagels und in Sonntagsausgaben der „New York Times“, ich lachte noch einmal über den „Fellow American“ und erinnerte mich an jenen Tag im Mai, genau vor zweiundzwanzig Jahren, als ich mein Diplom im Innenhof meiner Universität bekam und wie eine Opernsängerin uns „America the Beautiful“ gesungen hatte und wie dann abends bei der Party der Strom in der ganzen Stadt ausgefallen war, stundenlang, und dann dachte ich: Vielleicht gibt es ja ein Spendenkonto für amerikanische Infrastruktur, oder ich überweise die 1200 Dollar an „Planned Parenthood“ oder Elizabeth Warren, aber nicht an Biden, wo ist der überhaupt, dieser Biden, und dann meldete sich die Frauenstimme vom IRS in Philadelphia wieder.

          „Bitte schicken Sie einen Scheck nach Texas.“

          „Um uns das Geld zu erstatten, müssen Sie ,Void‘ auf Ihren Scheck schreiben und den an folgende Adresse schicken“, sagte sie. Ich schrieb mit und sagte: „Aber mir ist das Geld doch überwiesen worden, kann ich es nicht einfach zurücküberweisen?“ – „Nein, wir brauchen einen Scheck. Und schreiben Sie dazu, warum Sie das Geld zurückgeben.“ – „Ich würde ja gern selbst erst mal wissen, was da passiert ist, da rufen doch sicher noch mehr Leute wie ich gerade bei Ihnen an.“ – „Haben Sie eine Sozialversicherungsnummer?“ – „Ja.“ „Wenn Sie eine Sozialversicherungsnummer haben, sind Sie empfangsberechtigt und werden als Amerikaner eingestuft. Deswegen wird das wohl passiert sein.“

          Inzwischen las sie offenbar die gleichen Passagen von der Website ab, auf der ich eben selbst noch unterwegs gewesen war, sie hatte die Stelle mit dem „Nonresident Alien“ aber wohl nicht entdeckt. „Sie haben eine Sozialversicherungsnummer und haben eine Steuererklärung gemacht, deswegen sind Sie berechtigt“, sagte sie. – „Und jetzt soll ich Ihnen einen Scheck schicken, damit die Leute das Geld kriegen, für die es wirklich gedacht ist.“ Genau, sagte sie. Ich bedanke mich. Sie sagte: „Okay, no Problem“, und legte auf.

          Okay, kein Problem, my fellow Americans. Und viel Glück, ihr könnt es gerade offenbar gut gebrauchen.

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