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Weißrussland und die Pandemie : Ein Autokrat stellt sich blind

Keine Angst vor Corona: Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenka beim Bäumchenpflanzen an einem freiwilligen Arbeitssamstag (Subbotnik). Bild: EPA

Der weißrussische Präsident Lukaschenka will von einer Seuchen-Psychose nichts wissen. Doch in vielen Krankenhäusern mangelt es an Schutzausrüstung. IT-Firmen, Galeristen und Komiker beliefern sie deswegen mit Hilfsgütern - aber möglichst diskret.

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          In der Corona-Pandemie nehme sich Belarus, dessen Nachbarländer strenge Quarantäneregeln verhängt haben, mit seinen uneingeschränkt geöffneten Schulen, staatlichen Museen und Geschäften aus wie eine „Insel der Freiheit“, scherzt die Dichterin Julia Cimafiejeva, die wir in diesen Tagen telefonisch in Minsk erreichen. Der autoritär regierende Präsident Alexander Lukaschenka spricht von einer „Corona-Psychose“ und bezeichnete die ersten Todesopfer der Virusinfektion als selbst daran schuld, weil ihre Gesundheit schwach gewesen sei. Lukaschenka wird am 9. Mai sogar die Siegesparade am Jahrestag des Kriegsendes stattfinden lassen. Die Veteranen verlangten das von ihm, und er wolle nicht, dass sie dächten, die Machthaber fürchteten sich vor der Krankheit, erklärte der Präsident, der immerhin den betagten Kriegsteilnehmern selbst empfiehlt, zu Hause zu bleiben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dafür erwartet Lukaschenka Abgeordnete und Senatoren aus Russland, wo die Siegesfeierlichkeiten abgesagt wurden, als Gäste. Die Art, wie ihre Staatsmacht die Seuche zu ignorieren versuche, erinnere viele Weißrussen an den Umgang der Behörden mit der Tschernobyl-Katastrophe, als noch kurz nach der Reaktorexplosion die Maidemonstration abgehalten wurde, um Normalität zu mimen, sagt Cimafiejeva. Die Eltern der Dichterin stammen aus der verseuchten Zone und mussten damals ihren Wohnort verlassen. Cimafiejeva wurde mit ihrem in viele Sprachen übersetzten Tschernobyl-Gedicht „1986“ auch international bekannt.

          Masken als Panikmache

          Im Unterschied zu damals gibt es jetzt freilich das Internet und eine kleine, aber aktive Zivilgesellschaft. In Belarus, wohin das Virus zuerst vermutlich durch Mitarbeiter der Schuh- und Pelzfabriken in Witebsk gelangte, die es im Februar von Messebesuchen aus Italien mitbrachten, praktizieren vor allem IT-Firmen, aber auch private Kultureinrichtungen und Intellektuelle wie Cimafiejeva seit Mitte März freiwillige Selbstisolation. Beispielsweise die Kuratorin Sophia Sadowskaja, die an einer Minsker Privatschule Kunstunterricht im Online-Format gibt. Das Bildungsministerium stellt es Eltern und Schülern frei, im Klassenzimmer oder zu Hause zu lernen. Daher muss etwa der Deutschlehrer Alexander Luzewitsch, den wir im südbelarussischen Pinsk erreichen, mehr arbeiten: einmal mit dem Hauptteil seiner Klasse über Zoom, aber auch mit einigen Präsenzschülern. An vielen staatlichen Schulen, an denen die überwiegend älteren Lehrer besonders gefährdet sind, läuft der Betrieb schon deswegen normal weiter, weil die Kinder keine Computer besitzen. Und Luzewitsch weiß von einer Schulleiterin, die den Lehrern sogar verbot, Schutzmasken zu tragen, um keine „Panik zu verbreiten“.

          Freiwilligenarbeit in der umgerüsteten Kunstgalerie: Der Komiker Dima Naryschkin mit seiner „Kampfgefährtin“ Raketa
          Freiwilligenarbeit in der umgerüsteten Kunstgalerie: Der Komiker Dima Naryschkin mit seiner „Kampfgefährtin“ Raketa : Bild: Dima Naryshkin

          Da es dem medizinischen Personal, das die inzwischen fast 17500 Infizierten im Land versorgt, vor allem in den ländlichen Regionen oft an Schutzausrüstung mangelt, haben Unternehmer und Privatleute Geld für Masken, Brillen und Kittel gesammelt, die von unbezahlten Freiwilligen an bedürftige Kliniken geliefert werden. Als Zwischenlager und Organisationsstab dient die legendäre Kunstgalerie „Y“ an der Oktoberstraße in Minsk. Der prominenteste der Volontäre dort ist der Stand-up-Komiker Dima Naryschkin, der, mit Maske und seiner Bulldogge namens Raketa im Schlepptau, zum Gesicht der Aktion wurde. Die Ärzte seien dankbar für die Hilfsgüter, berichtet Naryschkin, sie wagten freilich nicht, selbst darum zu bitten, weil die lokalen Behörden, besorgt um ihr gutes Image, ihnen Kontakte mit der Öffentlichkeit verboten hätten. Einige Ärzte legten deshalb Wert auf eine geheime Übergabe der Hilfsmittel, so Naryschkin. Und da die weißrussischen Gesetze für Sponsoren unklar seien, fürchtet er, dass die Staatssicherheit ihn für sein Engagement eines Tages „bestrafen“ könnte.

          Die Künstlerische Leiterin der Galerie, Anna Tschistoserdowa, die ihre Mitarbeiter in unbezahlten Urlaub geschickt und Veranstaltungen verschoben hat, hofft auf einen Neustart im Herbst. Die unabhängige Szene versucht, sich durch die Crowdfunding-Aktion „Art-projesdnoi“ (Kunst-Ticket) über Wasser zu halten. Tschistoserdowa glaubt dennoch, die freie Kultur werde schmerzlich zusammenschrumpfen.

          Unterdes errichtet Belarus, das vor 34 Jahren am meisten vom Tschernobyl-Fallout betroffen war, bei Ostrowez an der litauischen Grenze ein eigenes Kernkraftwerk mit russischer Technologie, das im kommenden Monat in Betrieb genommen werden soll. Die führende weißrussische Öko-Aktivistin und Kernkraftgegnerin Irina Suchi tadelt die Sicherheitstechnik, die nicht internationalen Standards entspreche. Durch russische Montagearbeiter wurde Ostrowez nun obendrein zum Corona-Hotspot. Suchi appelliert daher an die Regierung, den Betriebsbeginn auf die Zeit nach der Pandemie, die wegen der geschlossenen Grenzen im Fall eines Reaktorunglücks Hilfeleistungen erschweren würde, zu verschieben.

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