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Lebenserwartung : Der Algorithmus schlägt die letzte Stunde

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Wie viel Zeit bleibt mir noch? Der Computer will es wissen. Bild: dpa

Eine Firma aus Amerika will voraussagen können, welche Patienten in einer Woche, sechs Wochen oder einem Jahr sterben. Und was ist, wenn der Algorithmus errechnet, dass sich eine Behandlung nicht mehr lohnt?

          Algorithmen bestimmen immer stärker unsere Lebensentwürfe – welchen Partner wir über eine Single-Börse treffen, ob wir bei der Bank einen Kredit bekommen, welche Wahlentscheidung wir treffen. Und künftig auch, wann unser letztes Stündlein geschlagen hat. Die Start-up-Firma Aspire Health hat einen Algorithmus entwickelt, der die verbleibende Lebensdauer schwerkranker Patienten vorhersagen soll. Der Algorithmus durchforstet ärztliche Indikationen nach Diagnosen wie kongestives Herzversagen oder Krebs im Endstadium und gleicht die Krankheitsbilder mit Mustern häufiger Behandlungen ab.

          „Wir können sagen, welche Patienten in einer Woche, sechs Wochen oder einem Jahr sterben“, sagte William First, ehemaliger Mehrheitsführer der Republikaner im Senat und Mitgründer von Aspire Health, im Gespräch mit dem „Wall Street Journal“: „Wir können zu Gesundheitsplänen sagen: Wie viel kostet dich der Patient? Wir können sie für weniger Geld pflegen und gleichzeitig höhere Zufriedenheitsraten bei den Patienten haben.“

          So funktioniert das Gesundheitswesen im neoliberalen Gleichungssystem: weniger Geld gleich mehr Leistung. Statt im Krankenhaus soll der Todgeweihte palliativmedizinisch zu Hause behandelt werden, wovon man sich Einsparungen für das Gesundheitssystem erhofft. Das ist der Ausstieg aus dem Solidarsystem. Der Hintergrund: Ein Viertel des jährlichen Budgets der amerikanischen Krankenversicherung Medicare, rund 150 Milliarden Dollar, fließt in die Behandlung von Patienten in ihrem letzten Lebensjahr.

          Lohnt sich die Behandlung noch?

          Das Kalkül ist nun, dass man sich teure Untersuchungen sparen kann, wenn man zu wissen glaubt, dass es um den Patienten ohnehin bald geschehen sei. Für jeden Patienten wird ein medizinisches Ablaufdatum errechnet, das ihn als Risikopatienten oder hoffnungslosen Fall ausweist. Im Klartext heißt das: Ein Algorithmus bestimmt, wie jemand ärztlich versorgt wird. Finanziert wird das Start-up von der Wagniskapital-Tochter „GV“ der Google-Mutter Alphabet. Google engagiert sich immer stärker im Wettbewerb um lukrative Gesundheitsdaten. Rund ein Prozent aller täglich drei Milliarden Suchanfragen betreffen Krankheitssymptome. In seinen geheimen Laboren versucht Google derweil, mit Big-Data-Methoden das menschliche Genom zu entschlüsseln, was das Magazin „Time“ im vergangenen Herbst zu der Frage animierte, ob Google den Tod entschlüsseln könne.

          Das klingt surreal. Doch für Daten-Gläubige erscheint der Tod letztlich nur als mathematisches Problem. Aspire Health will den Tod zumindest vorhersagen, so wie dies Datengurus auch in anderen Fällen praktizieren. Aus medizinethischen Gründen ist das höchst bedenklich. Nicht nur, dass Algorithmen sensible Gesundheitsdaten auswerten. Viel schwerer wiegt, dass die Maschine über Leben und Tod entscheidet. Mit der Menschenwürde ist das nicht vereinbar.

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