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Kommentar zur Wortwahl von AKK : Die oft bemühte Ehrlichkeit

Annegret Kramp-Karrenbauer spricht am 28. November 2018 auf der Regionalkonferenz der CDU in Düsseldorf. Bild: Reuters

Fast kontemplativ stellt Annegret Kramp-Karrenbauer auf der Regionalkonferenz der CDU in Düsseldorf die Worte „ehrlich gesagt“ an den Beginn ihrer Sätze. Dabei weiß ihr Publikum, dass in der Politik Ehrlichkeit oft an ihre Grenzen stößt.

          Sie könne sich gut an diesen Abend erinnern: Das war das Erste, was Annegret Kramp-Karrenbauer in die Düsseldorfer Messehalle hineinrief, in der sich viertausend CDU-Mitglieder versammelt hatten, um die drei Bewerber um den Parteivorsitz zu hören.

          An den Abend des 22. April 2017, als sie schon einmal nach Düsseldorf gekommen sei, für den Auftakt zum Endspurt der Landtagswahlkampagne. Leider musste die Rednerin sich noch im selben Atemzug korrigieren: Die Wahlkampftruppenschau hatte an einem Samstagvormittag stattgefunden. Der Satz war also falsch gewesen, so gut konnte sie sich gar nicht erinnern.

          Als Lüge wird man ihn gleichwohl nicht klassifizieren: Die Beschwörung der Unvergesslichkeit von Parteiveranstaltungen auf Parteiveranstaltungen ist eine sprachhandelsübliche Übertreibung von Parteifunktionären. Der kleine Stolperer am Anfang kann nicht der Grund dafür gewesen sein, dass die Generalsekretärin sich von den beiden männlichen Konkurrenten durch permanente Bekräftigung ihrer Wahrhaftigkeit absetzte.

          Die Grenzen der Ehrlichkeit

          Mindestens zehnmal stellte sie ihren Aussagesätzen zwei Wörter voran: „ehrlich gesagt“. Das begann noch während der Vergegenwärtigung des glorreichen Nichtabends, der angeblich den Niedergang des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz beschleunigt hatte. „Ehrlich gesagt: Den Schulz-Zug so richtig zum Entgleisen gebracht zu haben, das war euer Verdienst!“ Der erste Applaus für Kramp-Karrenbauer – von einem Kartell des Eigenlobs der Aktivisten will sie sich zum Sieg tragen lassen.

          Wer sagt, dass er Ehrliches sage, tut so, als hätte er eigentlich einen Grund, die Wahrheit nicht über die Lippen zu bringen. Hier das Selbstbewusstsein der saarländischen Wahlsiegerin, die sich die Zugkatastrophe der SPD auch selbst zuschreiben könnte (und andernorts zugeschrieben hat). In anderen Momenten blieb ungewiss, welches Hindernis für die Ehrlichkeit fingiert wurde.

          Etwa beim Eigenlob für ganz Deutschland, das mit dem Klimaschutz Geld verdiene: „Ehrlich gesagt, fallen mir nicht sehr viele Länder ein, die das können.“ Von den gewundenen Sätzen zur Inklusion, die darauf hinausliefen, dass die Kandidatin sehr dafür ist, solange die Anwesenheit von Behinderten in der Schule nicht erzwungen wird, versah sie gleich drei vorsorglich mit dem Ehrlichkeitshinweis. Hier ist das Ungesagte, auf das die obsessive Beteuerung, alles werde unverstellt gesagt, wohl doch verweist, die Notwendigkeit schlechter Kompromisse.

          Annegret Kramp-Karrenbauer spricht die Funktionäre ausdrücklich als Funktionäre an, präsentiert sich unverhohlen als Kandidatin des Apparats. Sie wendet sich an ein Publikum, das Politik als Beruf, Nebenberuf oder Quasi-Beruf betreibt – und mutmaßlich aus eigener Erfahrung weiß, dass im permanenten Reden über Politik die Ehrlichkeit an Grenzen stößt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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