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„Ehrenmorde“ in der Türkei : Die Ehre ist immer gefährdet

  • -Aktualisiert am

Wer zu Hause die Hosen anhat, ist in der Türkei eine Frage der Ehre: Familie aus einem Dorf in der Nähe von Diyarbakir Bild: Agata Skowronek

Der Erhalt der „Ehre“ ist in den traditionellen muslimischen Gesellschaften eines der obersten Ziele. Wird sie befleckt, muss man sie reinigen, notfalls mit Brutalität. Die Soziologin Necla Kelek sieht im Fortbestand der Ehrenverbrechen eine Bankrotterklärung der Türkei.

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          In den traditionellen türkisch-kurdisch-muslimischen Gesellschaften versteht man etwas ganz anderes unter „Ehre“ als im Westen. Für aufgeklärte Europäer erwirbt man sich Ehre durch Leistung - man hat vielleicht einen großartigen Roman geschrieben, eine physikalische Entdeckung gemacht, Zivilcourage gezeigt oder von Abschiebung bedrohten Flüchtlingen geholfen. Dann wird jemand hier „geehrt“, man hat Ehre erworben. In den archaisch-muslimischen Gesellschaften kann man sie höchstens verlieren. Denn sie ist ein Besitz der Familie, sie besteht, schreibt die in Persien geborene Soziologin Farideh Akashe-Böhme, „in dem Ansehen, das die Familie in der Öffentlichkeit genießt. Der Einzelne partizipiert an diesem Ansehen, insofern er Mitglied der Familie ist. Er muss sein Verhalten in der Öffentlichkeit so einrichten, dass er das Ansehen der Familie nicht beschädigt. Die Ehre ist deshalb ein Besitz, der stets gefährdet ist.“

          Der Kulturanthropologe Werner Schiffauer interpretiert „Ehre“ in den vom Islam und von dörflichen Strukturen geprägten Gesellschaften als die „Integrität, die Unantastbarkeit und Unbescholtenheit eines Haushaltes“. Wer ein Mitglied der Familie angreift oder eine der Frauen beleidigt, verletzt die „Ehre“ der Familie. Sie wird aber auch verletzt, „wenn sich ein Familienmitglied ,unehrenhaft' verhält, das heißt als Mann in den Ruf eines ,Feiglings', als Frau in den Ruf einer ,Hure' gerät. In beiden Fällen sind alle anderen Familienmitglieder mit betroffen: Von ihnen wird verlangt, die ,befleckte' Familienehre zu ,reinigen'.“

          Was die Religion befiehlt

          Dass diese Definition in den Fällen von „Verbrechen im Namen der Ehre“ beschönigend ist, zeigt eine aufschlussreiche empirische Untersuchung. Die Dicle-Universität im ostanatolischen Diyarbakir hat unter der Leitung des Arztes und Psychiaters Aytekin Sir mit Hilfe der Frauenorganisation Ka-mer 443 Männer aus der Stadt und aus der Umgebung zum Thema „Ehre“ befragt.

          Anklägerin der von der türkischen Republik geduldeten Ehrenmorde: Necla Kelek
          Anklägerin der von der türkischen Republik geduldeten Ehrenmorde: Necla Kelek : Bild: Christian Thiel

          Auf die Frage, was Ehre sei, antworteten 32,9 Prozent: die Frau, meine Familie. 18,4 Prozent sagten, Ehre sei, was ihre Religion ihnen befehle; für 13,7 Prozent war mit Ehre das Ansehen des Mannes in der Öffentlichkeit gemeint; und jeder Zehnte verstand darunter „das Benehmen der Frau in der Öffentlichkeit“.

          Religion und Tradition

          „Ohne Ehre“ ist für fast jeden Zweiten (48,5 Prozent) der Befragten, wer „zina“, Ehebruch, begeht, für zwölf Prozent ist die Ehre verloren, wenn die Frau den Ehebruch begeht, und für jeden Zehnten, wenn die Braut, Tochter, Schwester vor der Hochzeit die Jungfräulichkeit verliert.

          Auf die Frage, was sittsames Verhalten oder einzuhaltender Brauch sei, nannten fast sechzig Prozent „die Regeln, die unsere Väter aufgestellt haben“, also die Traditionen; 17,7 Prozent nannten „die Einhaltung der religiösen Regeln“. Eine Abgrenzung von „Tradition“ und „religiöser Regel“ wurde nicht vorgenommen.

          Frauen unter Kontrolle

          Wichtigste Aufgabe der Gesellschaft ist für nahezu jeden Fünften (18,4 Prozent), die Augen vor Verstößen gegen den „Anstand“ nicht zu verschließen; 12,5 Prozent wollten die „Sitten und Bräuche“ geschützt wissen, und 12,3 Prozent gaben als wichtigste Aufgabe der Gemeinschaft an, die „eigenen Frauen zu kontrollieren“. Für jeden Zweiten war die Aufgabe der Frau, „sich zu schützen“, für 28,6 Prozent „zu gehorchen“, für 5,4 Prozent, „sich unterzuordnen“. Siebzig Prozent meinten, die Aufgabe des Mannes sei es, auf seinen Besitz (Familie, Frauen, Haus und Hof) aufzupassen; 13,9 Prozent sahen es als seine Verpflichtung, „die Frauen unter Kontrolle zu halten“; 7,6 Prozent: „die Frauen auf ihre Pflichten aufmerksam zu machen“.

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