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Gleichgeschlechtliche Ehe : Man nennt das Freiheit

Nirgendwo innerhalb von befriedeten Nationalstaaten sind die Konflikte erbitterter als in Ehe und Familien. In den Komfortzonen der Gesellschaft waren es seit Jahrhunderten wiederum eher die Kindermädchen, die erzogen – mitunter die eigenen Kinder –, als die Eltern, wofür man heute im Zeichen doppelter Karrieren die Formel finden könnte, dass berufliche Hochleistungen oft auch auf Kosten der Kinder erfolgen. Seitensprünge machen seit langem die Ehe nicht unwirksam; was sie im Einzelnen anrichten, ist den Einzelnen überlassen. Um dem Rechnung zu tragen, hat sich das Scheidungsrecht seit den Zeiten von Effi Briest und Anna Karenina erheblich geändert.

Unumgehbare Fragen nicht leiblicher Kinder

Gleichgeschlechtliche Liebe wiederum – die vielbeschworene „Wiege der Demokratie“ war voll davon und ging jedenfalls nicht an Reproduktionsschwierigkeiten zugrunde – ist überall dort als Fall von Liebe und nicht nur von Sexualität erkannt, wo überhaupt nachgedacht wird und nicht nur Reflexe gepflegt werden. Paare, die Kinder erziehen, die nicht oder nur teils von ihnen stammen, hatten schon immer mit Fragen der Kinder zu rechnen.

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In den Märchen ist die Figur der Stiefmutter als kulturelles Gedächtnis der entsprechenden Stereotypen abgelegt. Doch solche Schwierigkeiten unterscheiden sich in ihrer Härte nicht von denen solcher Paare, deren höchsteigene Kinder mit ihnen unzufrieden sind und sich von ihnen lossagen. Oder solchen, die ihren Eltern oder einem Teil davon die Scheidung nicht verzeihen.

Das bedeutet nicht, dass es ein Spaziergang sein wird, wenn Kinder fragen, weshalb unter ihren Eltern kein Vater oder keine Mutter ist, aber ein Spaziergang sind viele Dinge in Ehen nicht, die Kindern erklärt werden müssen – wenn sie denn überhaupt gut zu begründen sind. Die Vielfalt des Glücks wie des Unglücks, des Unglücks, das aus Glück kommt, und des Glücks, das Unglück überwindet, ist in Familien viel zu groß, als dass sie geeignet wären, allzu ideale Beschreibungen zu bestätigen.

Unfreiwillige Anträge auf Biologieunterricht

Die Tatsache, dass Alleinerziehung durch eine Mutter oder einen Vater inzwischen akzeptiert ist, wirft nicht zuletzt die Frage auf, weshalb an das Hinzutreten einer zweiten Erziehungsperson besondere biologische Qualifikationsanforderungen gestellt werden müssten. Das Eherecht sollte, mit anderen Worten, nicht mehr neben dem geschmacklosen Witz und der moralischen Hetze – „Homosexuelle tun dies und das, sind so und so“ – das letzte Refugium einer Sittenpolizei sein, die sich Bescheidwissen anmaßt. Der Staat befindet nicht darüber, was natürlich ist, er entscheidet im Bereich des gesellschaftlich Verträglichen. Redensarten wie die, es habe die Natur die Ehe hervorgebracht, um die Reproduktion der Arten zu garantieren, sind unfreiwillige Anträge auf abermaligen Biologieunterricht.

Warum sollte der Staat Homosexuellen verwehren, die Ehe zu idealisieren? Sven Kretschmer und Tim Schmidt-Kretschmer ließen sich in der Berliner Marienkirche trauen.
Warum sollte der Staat Homosexuellen verwehren, die Ehe zu idealisieren? Sven Kretschmer und Tim Schmidt-Kretschmer ließen sich in der Berliner Marienkirche trauen. : Bild: dpa

Die „Ehe“ im Sinne monogamer Paarbildung ist, anders als die zweigeschlechtliche Reproduktion, eine Ausnahme in der Natur. Wer die Ehe als staatliches Förderinstitut für die Reproduktion menschlicher, also biologisch nicht gebundener Gesellschaften betrachten würde, liefe wiederum in die Schwierigkeiten mit Ehen ohne Kinder hinein. Die Übertragung von „biologische Art“ auf „Gesellschaft“ oder gar „Staat“ wiederum kennt die Geschichte der Monogamie in menschlichen Gesellschaften nicht. Und die Sorge, nun gehe es bergab mit dem heterosexuellen Paar als Normalität – eine Sorge, die von anderen genauso töricht als Freude gepflegt wird –, sollte einen Blick auf die Zahlen riskieren.

Wer die Ehe idealisiert, könnte man sagen, kennt einige ihrer Wirklichkeiten nicht. Das wäre jedoch keine Maßgabe für das Recht. Schließlich idealisiert das Recht ja auch alle anderen gesellschaftlichen Bereiche, indem es Normen errichtet, die täglich verletzt werden. Die Frage im Kern der gerade stattfindenden Debatte ist vielmehr, ob man es Homosexuellen verwehren darf, die Ehe zu idealisieren, und den Staat darauf verpflichten darf, die Lebensgemeinschaften der Homosexuellen von seinen rechtlichen Idealisierungen auszunehmen.

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