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Effektiver Altruismus : Keiner trage des anderen Leid

  • -Aktualisiert am

Event-Spenden-Aktion in den sozialen Medien: Die „Ice Bucket Challenge“ rückte die Krankheit ALS in die Schlagzeilen und sorgte für ein hohes Spendenaufkommen. Bild: dpa

Die Effektiven Altruisten wollen eine „leidfreie Welt“. Doch ihre Vorstellungen von Effektivität gründen auf zumindest fragwürdigen Annahmen und eindimensional wirkenden Setzungen. Und nicht nur das.

          Der Spendenmarkt ist ein umkämpftes Terrain. Medizinische Notversorgung für Opfer von Naturkatastrophen, Nahrungsmittel und Wasser für die Ärmsten in den wirtschaftlich schwach entwickelten Regionen, Musikprojekte in einem Hospiz für schwerstkranke Kinder, der Aufbau einer Modell-WG für demente Menschen oder eine Kampagne gegen Massentierhaltung – für alles brauchen die jeweiligen Initiatoren Geld. Und sie bekommen es: 5,3 Milliarden Euro wurden allein in Deutschland 2016 gespendet; fast achtzig Prozent der Spenden gehen in die humanitäre Hilfe, die restlichen zwanzig Prozent teilen sich hierzulande Kultur, Denkmalpflege, Sport, Tier- und Umweltschutz.

          Wer sich auf diesem Spendenmarkt etablieren will, muss in einen harten Verteilungskampf einsteigen. „Das Schlüsselproblem ist der Spenden-Kannibalismus“: So resümiert der 1987 geborene Philosoph William MacAskill das Phänomen, dass erfolgreiche Kampagnen sich gegenseitig die Spender abwerben. MacAskill, in Cambridge und Oxford ausgebildet, ist aber kein bloßer Beobachter des Geschehens. Er ist einer der Initiatoren des Effektiven Altruismus, einer Bewegung, die mit verschiedenen Stiftungen vor allem im englisch- und deutschsprachigen Raum selbst Spenden einsammelt – und verspricht, diese so zu verteilen, dass sie tatsächlich zu einer „möglichst leidfreien Welt“ beitragen.

          Eine Bewegung mit politischen Ambitionen

          Anlass für MacAskills Polemik gegen den Kannibalismus auf dem Spendenmarkt war die „Ice Bucket Challenge“, ein Videoprojekt, dem es gelungen war, die bis dahin wenig bekannte, in ihren Auswirkungen für die Betroffenen äußerst dramatische Erkrankung Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) in die Schlagzeilen und vor allem in die sozialen Medien zu bringen. In der ganzen Welt profitierten ALS-Vereinigungen und mit der Behandlung dieser seltenen Erkrankung befasste Institutionen: Sie erhielten in wenigen Wochen mehr als 100 Millionen Dollar Spenden, die in die Grundlagenforschung, aber auch in die Pflege und medizinische Versorgung von Patienten und die Unterstützung von Angehörigen flossen.

          Die bisweilen auch von Erkrankten als irritierend wahrgenommene Event-Spenden-Aktion war für die Effektiven Altruisten ein Ärgernis und zugleich ein Beispiel dafür, was sie besser machen wollen, denn, so ihre Überlegung: „Neben ALS gibt es viele weitere Gründe für schreckliches Leiden auf der Welt, und einige davon verursachen wesentlich mehr Leid als ALS. Der entscheidende Punkt ist, dass sich manche dieser Ursachen wesentlich kostengünstiger bekämpfen lassen als ALS.“ An dieser Auseinandersetzung und ihrem Kontext wird deutlich, dass die Effektiven Altruisten keine Organisation sind, die bloß ein alternatives, besseres Spendensiegel vergeben oder der Alltagsvernunft zum Durchbruch verhelfen will.

          Die Bewegung hat politische Ambitionen. Folgt man der Argumentation der Effektiven Altruisten, gibt es keine ethisch sinnvolle Unterscheidung zwischen altruistischen Spenden und einem allgemeinen sozialen Sicherungssystem, das Pflege und Gesundheitsversorgung sicherstellt. Es wäre unlogisch, sich für ein hohes Maß an Effektivität im freiwilligen privaten Spendenwesen einzusetzen, mit pflichtgemäß entrichteten Steuern und Beiträgen in den Sicherungssystemen aber auch nicht als effektiv beurteilte Versorgungsformen und Projekte zu finanzieren – folgerichtig wird von einigen Effektiven Altruisten der berufliche Weg in die Behörden propagiert, weil hier ungleich größere Mittel effektiv eingesetzt werden könnten.

          Das Konzept ist in vieler Hinsicht fragwürdig

          Ausgangspunkt der Kritik an der Eiswasser-Aktion war, dass die Pflege und die medizinische Versorgung eines Menschen mit fortgeschrittener ALS teuer sind: etwa 200.000 Dollar im Jahr. Gleichzeitig gibt es andere, deutlich günstigere Möglichkeiten, Spenden einzusetzen, beispielsweise Entwurmungskuren für Kinder in afrikanischen Staaten für lediglich einen Dollar. Auch mit Insektiziden behandelte Malaria-Bettnetze sind für wenige Dollar zu haben. Mit 200.000 Dollar kann man also viele tausend Entwurmungskuren und Malaria-Bettnetze finanzieren. Aber warum soll dieser Einsatz des Geldes „effektiver Altruismus“ sein, der zugunsten von ALS-Kranken nicht? Die Effektiven Altruisten greifen bei ihren Effizienzerörterungen auf das gesundheitsökonomische Konzept der QALY zurück, der qualitätsangepassten Lebensjahre, das beispielsweise für Allokationsentscheidungen im britischen Gesundheitswesen Verwendung findet, weil es eine Vergleichsbasis für die unterschiedlichsten Behandlungsmöglichkeiten schafft.

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