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Ebola-Infektion in Madrid : Was soll die Welt nur von uns denken?

Die Bevölkerung Madrids solidarisiert sich mit Krankenschwester Teresa - und ihrem Hund Excalibur. Bild: Reuters

Für die Ebola-Infizierte in Madrid besteht Hoffnung. Aber das Image Spaniens hat wegen phänomenaler Schlamperei und Arroganz schweren Schaden erlitten: Protokoll einer peinlichen Woche.

          Kaum drei Kilometer Luftlinie von meinem Schreibtisch entfernt befindet sich das Madrider Krankenhaus Carlos III. Dort, auf der vollständig freigeräumten sechsten Etage, liegt die an Ebola erkrankte Hilfskrankenschwester Teresa Romero, 44 Jahre alt. Ein ganzes Stockwerk für diese Patientin, die erste, die sich in Europa mit Ebola infiziert hat. Es heißt, Romero spreche ihren in gelbe Schutzanzüge gehüllten Pflegern Mut zu. Die Krankenschwester weiß ja, was diese Arbeit bedeutet. Bei der Pflege der beiden Geistlichen, die einige Wochen zuvor gestorben sind, muss Romero nicht aufgepasst haben, es gibt in der Videoüberwachung ein Loch von fünfzig Minuten. Eine einzige achtlose Bewegung mit dem Handschuh ins Gesicht, schon war es passiert.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Ihr Zustand ist kritisch, aber stabil, und heute besser als vorgestern. Sie hat nie das Bewusstsein verloren. Ihr Fieber soll leicht gesunken sein. Das ist die beste Nachricht der letzten acht Tage: Teresa Romero könnte überleben. Das bedeutet keine Entwarnung. Doch sie und ihr Mann, der zusammen mit vierzehn weiteren Personen im selben Krankenhaus eine Etage tiefer unter Beobachtung liegt und bisher symptomfrei ist, dürfen hoffen. Wir alle dürfen hoffen. Nur das Image Spaniens hat wieder ein paar üble Blechschäden erlitten. Als hätte der Außenminister García-Margallo meine Gedanken gelesen, aber die letzten acht Tage im Tiefschlaf verbracht, sagte er jetzt der Zeitung „El País“, er hoffe, die „Marke Spanien“ nehme durch den Ebola-Fall keinen Schaden.

          Zu spät, Herr Minister! Die „Marke Spanien“ ist das Letzte, was uns jetzt interessiert. Das Land hat sich auf vielen Stufen blamiert. Denn das Problem ist nicht nur das Virus, das in vier afrikanischen Ländern schon mehr als viertausend Menschen dahingerafft und jetzt eben auch die Festung Europa erreicht hat, sondern das obsessive Starren auf die „Marke Spanien“, also auf Image, Blendwerk und äußeren Anschein. Dabei wäre allen geholfen gewesen, wenn Behörden und Politiker im Umgang mit der tödlichen Seuche nur ihre Hausaufgaben gemacht und auf mittlerer Stufe ihren Verstand benutzt hätten. Zeit genug hatten sie.

          Viel zu kurze Ärmel

          Spulen wir kurz zurück. Am 15. und 21. August war je ein Ebola-infizierter spanischer Geistlicher in seine Heimat zurückgebracht worden und später im Krankenhaus Carlos III. in Madrid gestorben. Doch obwohl ein „Zentrum für Risikokontrolle“ mit strengen Normen eingerichtet wurde, blieben Wachsamkeit und Sicherheitsprotokoll weit hinter den Anforderungen zurück. Das mit der Betreuung der Infizierten betraute Pflegepersonal hätte in den folgenden Wochen beobachtet werden müssen, mit Fiebermessen zweimal täglich und einem Notfallplan im Spind. Doch Teresa Romero durfte sich Urlaub nehmen und vom Radar verschwinden. Warum? Es gab auch niemanden, der das Krankenhauspersonal, das mit dem Virus in Kontakt kommen konnte, gründlich instruiert hätte.

          Zu schweigen von dem Umstand, dass Spanien seit abermaligen Kürzungen im Gesundheitswesen kein einziges Krankenhaus mehr hat, das die erforderlichen Sicherheitsstandards wirklich garantieren könnte. Bei alldem machte das Gesundheitsreferat der Region Madrid keinen Mucks, und die spanische Gesundheitsministerin Ana Mato erweckt ohnehin den Eindruck, wichtigere Termine zu haben. So konnte also Folgendes geschehen: Eine Hilfskrankenschwester infiziert sich und geistert sechs Tage lang umher, ohne dass es jemanden nachdenklich gemacht hätte. Sicherlich hat auch Teresa Romero Fehler gemacht: Der ersten Ärztin, die bei ihr aufgrund des Fiebers eine „schwere Grippe“ diagnostizierte, hatte die Krankenschwester nichts von ihrem zurückliegenden Kontakt mit einem Ebola-Infizierten gesagt.

          Doch als sie am 5. Oktober – sie hat Urlaub genommen und fühlt sich immer noch schlecht – mit dem Fieberbefund im Carlos III. anruft, verweist man sie unerklärlicherweise an ihr örtliches Krankenhaus im westlichen Madrider Vorort Alcorcón. Dort kämpft der Arzt Juan Manuel Parra den ganzen 6. Oktober hindurch um ihr Leben. Seine Patientin hat Fieber, Erbrechen, Durchfall und schweren Husten. Der Arzt ist geistesgegenwärtig, er befürchtet das Schlimmste und trägt Schutzkleidung, erzählt aber später, die Ärmel seien ihm viel zu kurz gewesen. Er schickt eine Probe hinaus, damit seine Patientin auf Ebola getestet werden kann, doch Parra erfährt das Ergebnis – positiv – erst aus den Medien.

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