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Düsseldorf sagt Ausstellung ab : Skandal ja, Antisemitismus nein

Raubkunst: Das Bild „Ships in distress on a stormy sea“ des Künstlers Jan Porcellis (1584 - 1632) zählte zur Sammlung des Kunsthändlers Max Stern. Es wurde als NS-Raubkunst zurückerstattet. Bild: dpa

Ungeschick muss büßen: Düsseldorf sagt eine Ausstellung zu Leben und Schicksal des Kunsthändlers Max Stern ab. Damit zieht sich die Stadt die Kritik der Jüdischen Gemeinde zu. Das hat sie selbst verschuldet.

          Wenn ein Museum eine lange geplante und bereits angekündigte Ausstellung absagt, ist das keine einfache Entscheidung. Eine Schau, die für die Öffentlichkeit gedacht war, dieser vorzuenthalten, tritt als Schutzmaßnahme gegenüber dem Werk, den Beteiligten oder dem Publikum auf, die sich der Einschätzung von außen entzieht und so fast zwangsläufig die Frage der Angemessenheit, bis hin zum Zensur-Verdacht aufruft.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          So geschieht das auch bei der Ausstellung „Max Stern – von Düsseldorf nach Montreal“, die das Stadtmuseum Düsseldorf von Februar bis Juli 2018 zeigen wollte und die die Stadt Anfang November überraschend storniert hat. Nur, dass ihr Thema ein besonders sensibles ist, denn sie sollte an das Leben und Schicksal des jüdischen Kunsthändlers Max Stern (1904 bis 1987) erinnern, der 1937 aus Deutschland vertrieben wurde und über Paris und London nach Kanada geflohen ist. So geriet die Absage nicht unter Zensur-, sondern unter Antisemitismus-Verdacht.

          Diese Reaktion ist naheliegend – in der Sache aber geht sie fehl. Naheliegend ist sie, weil die Stadt Düsseldorf sie selbst insinuiert hat, indem sie zur Begründung der Absage „aktuell laufende Auskunfts- und Restitutionsgesuche in deutschen Museen, die im Zusammenhang mit der Galerie Max Stern stehen“, anführte. Die floskelhafte Formulierung wurde so verstanden, dass – so der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in seiner Gedenkrede zum 9. November – „städtischerseits gefürchtet wird, (...) Werke an die – inzwischen – Erben des rechtmäßigen Besitzers zurückgeben zu müssen, aber dies offensichtlich vermieden werden soll“. Genauso wurde die Absage nachfolgend vom World Jewish Congress bewertet, dessen Präsident die Begründung „absurd“ nennt und von einem „großen Rückschlag“ spricht. Mehrere Zeitungen in Kanada kommentierten den Fall ausführlich, die New York Times gab der Sache und den kritischen Stimmen breiten Raum. „Wenn Düsseldorf nicht zum Synonym werden möchte für einen internationalen Raubkunst-Skandal“, so die „Süddeutsche Zeitung“, „muss die Schau noch in diesem Jahr (sic!) stattfinden.“

          „New York Times“ spricht von „Aufruhr“

          Den „Aufruhr“ („New York Times“) hat sich die Stadt Düsseldorf selbst zuzuschreiben. Die denkbar allgemeine und vage Begründung, die in ihrer Tragweite und ihren Folgen nicht bedacht wurde, hat mehr als nur einen Imageschaden angerichtet, die Kooperationspartner in Haifa und Montreal, wo die Ausstellung anschließend Station machen sollte, verprellt, und kulturdiplomatisches Porzellan zerschlagen.

          Wer mit Beteiligten und nahen Beobachtern des Debakels – soweit sie überhaupt dazu bereit sind – spricht, bekommt eine andere Sicht auf die Dinge und auf die Hintergründe der Absage. „Restitutionsansprüche an Düsseldorf haben dabei keine Rolle gespielt, der einzige strittige Fall eines Bildes, das von der Dr. Max und Iris Stern Foundation beansprucht wird, ist das Gemälde ,Die Kinder des Künstlers‘ (1830) von Wilhelm von Schadow“, sagt Jasmin Hartmann, die im Oktober 2016 die von der Stadt neu eingerichtete Stelle für Provenienzforschung übernommen hat, „doch ist die Faktenlage zu dünn, um Max Stern als Besitzer nach 1933 auszumachen.“ Die Stadt hat den Stern-Erben deshalb 2015 vorgeschlagen, die Beratende Kommission anzurufen; seitdem wartet sie auf die Zustimmung.

          Ausschlaggebend für die Absage sei vielmehr, so Felix Krämer, der Direktor der Stiftung Museum Kunstpalast, die wissenschaftliche Konzeption der Ausstellung. Kulturdezernent Hans-Georg Lohe hatte sie erst auf Anforderung im September von der Direktorin des Stadtmuseums erhalten: Was darin auf sechs Seiten, die dieser Zeitung vorliegen, ausgeführt wird, kommt über eine erste Skizze nicht hinaus. Lohe hält die Konzeption für „nicht ausgewogen“, die Direktorin habe weder die eigenen Mitarbeiter noch die Provenienzforscherin eingebunden, sondern die gesamte wissenschaftliche Arbeit an die Experten in Kanada, wo sich der Nachlass von Max Stern befindet, abgegeben und ausgelagert.

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          Es sind mithin interne Düsseldorfer Missstände, die zur Absage der Ausstellung führten. Zeit, diese vorzubereiten, hatte die Museumsdirektorin reichlich: Schon im April 2014 hatte die Stadt in einem Festakt, zu dem die kanadische Botschafterin und der Leiter des Max Stern Art Restitution Projects anreisten, den Erben ein Selbstbildnis Wilhelm von Schadows zurückgegeben und die Sonderausstellung angekündigt. Das kleine Stadtmuseum strebte ins Rampenlicht, in Sachen Restitution wollte es als Vorbild dastehen, und das Stern-Projekt bedankte sich, indem es ihm das Bild als Leihgabe überließ.

          Man mag es der Düsseldorfer Stadtspitze als Fürsorge gegenüber ihren Mitarbeitern zugutehalten, dass sie die überforderte Museumsdirektorin nicht öffentlich in die Verantwortung genommen hat. Doch mit dem Versuch, über die eigentlichen Gründe der Absage hinwegzutäuschen, hat sie ein informationspolitisches Fiasko angerichtet und eine internationale Empörungslawine losgetreten. „Die Absage ist tragisch“, sagte Clarence Epstein, der Direktor des Stern-Projekts in Montreal, der kanadischen Zeitung „Globe and Mail“: „Düsseldorf hat Max Stern schon einmal aus der Geschichte ausgelöscht. Jetzt geschieht das wieder - mit wenig Widerstand von jenen in Deutschland, die es verhindern könnten.“ Wie die Absage kommuniziert wurde, ist unbedarft, ärgerlich, peinlich. Wer sie aber antisemitisch nennt, nimmt, was ungeschickt fingiert wurde, für bare Münze.

          Statt der Ausstellung will die Stadt im Herbst ein Internationales Symposion zu Max Stern ausrichten. Eine Schau, die eine breite Öffentlichkeit anspricht, kann das nicht ersetzen. Darauf hat auch NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen hingewiesen. Während Kulturstaatsministerin Monika Grütters, ohne mit der Düsseldorfer Kulturverwaltung gesprochen zu haben, über die „New York Times“ erklären ließ, die Absage sei „überaus bedauerlich“, bemüht sich Pfeiffer-Poensgen um Schadensbegrenzung: „Das Symposion“, so sagte sie dieser Zeitung, „könnte, wie das oft geschieht, der Ausstellung den Weg bahnen und sie vorbereiten helfen.“

          Veranstaltet werden aber sollte diese, und dazu hat Felix Krämer gerade seine Bereitschaft erklärt, dort, wo sie hingehört und die kunsthistorische Kompetenz dafür vorhanden ist: Im Museum Kunstpalast.

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