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Casting-Show „DSDS“ : Das Amt für singende Ausländer

Der Chef von „Deutschland sucht den Superstar“: Dieter Bohlen Bild: dpa

Während manche Menschen das wahre Deutschtum suchen, sucht Deutschland seinen Superstar: Warum Dieter Bohlens Show gut für Fremde, für Deutsche und für Integration ist.

          Deutschland hat einen Ausländerminister - und jeder Deutsche kennt ihn. Seit Jahren sitzt er samstags im Fernsehen herum und integriert, aber auf gute Art, die nicht Auflösung und absolute Anpassung bedeutet. Im Damals war er Sänger von Songs auf Schulhofenglisch. Im Heute hört er Sängern zu. Er ist immer so braungebrannt, wie Südländer es sind, doch er ist ein Deutscher.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ja, es geht um Dieter Bohlen. Es geht um „Deutschland sucht den Superstar“. Es geht darum, dass dieser Mann und diese Sendung helfen, das Land zu sehen, wie es ist. Dass es nicht nur so aussieht wie in den Köpfen von Uwe Tellkamp, Matthias Matussek und Thilo Sarrazin. Das Land sieht nämlich auch so aus wie der Halbitaliener Santo Rotolo, der die supersorgfältigsten Augenbrauen der Welt hat, und wie Janina El Arguioui mit ihren vollen halb-marokkanischen Gefühlsausbrüchen oder wie Isa Martino, der manchmal Bayerisch, manchmal Spanisch spricht - sie alle Kandidaten der großen Dieter-Bohlen-Show.

          Während also die einen schlechte Sätze sagen und schwache unterschreiben, singen die anderen gute Songs. Jetzt kann man selbstverständlich sagen, dass Silbermonds „Leichtes Gepäck“ - das war Janinas erster Köln-Auftritt - leichtester Plastik-Pop-Rock ist und „Despacito“ von Luis Fonsi - das sangen Santo und auch Isa im Recall in Südafrika - der schlechteste Sex-Song in der Musikgeschichte. Was man aber nicht sagen kann, ist, dass 95 Prozent aller Fremden nur wegen des Geldes nach Deutschland kommen - das war diese bekannte Tellkamp-Strophe aus seiner Show in Dresden. Und muss man tatsächlich erklären und unterschreiben, dass es an deutschen Grenzen an deutscher Ordnung fehlt - diese Performance hieß „Erklärung 2018“, die spielte eine Band Aid aus rechten bis halbrechten Feuilleton-Kandidaten im Internet im März.

          „Deutschland sucht den Superstar“ ist ein Ausländerparadies

          Als undeutscher, unordentlicher Mensch saß man vor diesen Sätzen, diesen sehr deutschen Namen, dieser Welt und war hysterisch-ausländisch-erschüttert. Da man sich auf einmal in diesem Land alleine fühlte. Da man sich nicht mehr sicher war, was diese deutschen Neonationalen noch erklären wollen. Vielleicht die Ausvolkung der Ausländer? Im Kopf klingelte der Alarm zum Alarmismus. Doch dann war wieder Samstag, und alles war wieder in undeutschester Ordnung. Denn „Deutschland sucht den Superstar“ ist ein Ausländerhort und -paradies. So viele Kandidaten sind in der Show so fremd, dass man die Länder, aus denen ihre Eltern, Großeltern oder sie selbst gekommen sind, kaum zählen kann. Doch einer kann, der RTL-Sprecher: 64 zählt er dieses Jahr, da insgesamt 64 Nationen in den Biographien der Kandidaten auftauchten.

          Im Recall: Der Halbspanier, Halbtürke Isa Martino mit Marc Imam, der nigerianische Wurzeln hat.

          Doch jetzt geht es nicht darum, Ausländer und Kinder von Ausländern in Zahlen und in Quoten reinzuschieben, das machen schon die Deutschen, wenn sie vorrechnen, wie viele Fremde kriminell sind, wie viele Kinder sie bekommen, ob sie sich rechnen für das Land. Nein, jetzt muss man mal die Deutschen zählen, die Komplett-Deutschen, die keine Urgroßmütter in Mazedonien hatten und keine Väter aus Marokko. Unter den besten 24 Kandidaten waren neun. Heißt das, dass Deutsche schlechter singen? Oder zeigt man mit Absicht viele Ausländer, weil viele Ausländer zuschauen? Ist das das Konzept der Show? „Nein“, sagt der RTL-Sprecher, „das Konzept ist, dass jeder kommen kann, jeder willkommen ist. Weder die einen sind uns lieber noch die anderen.“

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