https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/drogenkonsum-schneeland-wieviel-koksen-die-deutschen-1277934.html

Drogenkonsum : Schneeland: Wieviel koksen die Deutschen?

  • -Aktualisiert am

Rhein bei Mannheim: Schneemassen im Wasser? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Kann man im Flußwasser den Drogenkonsum eines Volkes ermitteln? Was ihre italienischen Kollegen vormachten, haben deutsche Forscher nun wiederholt: die Geschichte einer vermeintlichen Sensation.

          3 Min.

          Sie sind unter uns, meist unerkannt. Manchmal keimt ein Verdacht, wenn jemand allzu aufdringlich die Spritzigkeit seiner Gedanken zur Schau trägt. Aber es bleibt bei einer bloßen Ahnung.

          Denn Kokser verraten sich nicht so leicht wie andere Rauschgiftsüchtige. Aber wir haben ihre Spur aufgenommen, nicht die individuelle, sondern die kollektive. Es ist eine nasse Spur, sie verläuft durch Abwassersysteme bis in unsere Flüsse hinein. Sie beeindruckt durch ihren zungenbrechenden Namen: Benzoylecgonin. Wo man Benzoylecgonin findet, ist man Koksern auf die Schliche gekommen. Denn bei dieser chemischen Verbindung handelt es sich um ein Abbauprodukt des Kokains, das im Körper des Drogenkonsumenten entsteht und mit dem Urin ausgeschieden wird. Jeder Kokser, der seine Notdurft auf der Toilette statt hinter dem Busch erledigt, hinterläßt somit eine chemische Fährte. Sie erstreckt sich von der Toilette über den Kanal und die Kläranlage bis in die Flüsse hinein.

          Ungeahnte Mengen

          Alles fließt, auch das Kokain. Und dieser Spur sind jetzt Chemiker vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg-Heroldsberg nachgegangen. Was sie herausgefunden haben, wurde von Spiegel Online in dem Satz zusammengefaßt: „Deutsche koksen ungeahnte Mengen.“ Da haben wir also den Salat. Um Deutschland, so kann man schließen, steht es noch schlechter als ohnehin schon angenommen. Ein Volk, das anscheinend nicht einmal mehr durch Unmengen von Kokain aus dem Tal der Wehleidigkeit herauszukommen vermag.

          Wie verfällt man auf die Idee, im Flußwasser den Drogenkonsum eines Volkes zu ermitteln? Diese Frage können wahrscheinlich am ehesten italienische Forscher beantworten. Denn das, was jetzt in Deutschland praktiziert wurde, hat man in Mailand bereits vorexerziert. Dort interessierte man sich für die Überreste von Kokain im Wasser des Po. Dieser Fluß, so berichteten die Forscher um Ettore Zuccato in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift, führe ständig das Äquivalent von vier Kilogramm Kokain pro Tag mit sich. Rechne man zurück, komme man auf einen geschätzten Kokainkonsum, der weit über den offiziellen Angaben liege. Die italienischen Forscher priesen ihr Konzept der Probenentnahme und Analytik jedenfalls als einzigartige Möglichkeit, den Drogenkonsum in der Bevölkerung in „Echtzeit“ zu erfassen.

          Auch London kokst wie wild

          Ein neues Thema medialen Interesses war geboren. Die Zeitung Sunday Telegraph gab eine Studie in Auftrag, bei der die chemischen Spürnasen das Wasser der Themse prüfen sollten. Es kam, wie es kommen mußte: Auch in London wird offenbar gekokst wie wild. Italien, England - aber was ist mit Deutschland? Ist man hierzulande dem Kokain in ähnlichem Ausmaß verfallen? Dank Spiegel Online wissen wir jetzt, was wir schon wußten, aber nicht so genau: Ja, es gibt Anlaß zur Sorge. Denn das, was die Chemiker des IBMP ergründet haben, übertrifft die bisherigen Schätzungen zum Kokainkonsum. Nach Angaben des Studienleiters hat das Hamburger Medium die Untersuchung in Auftrag gegeben. Von Spiegel Online heißt es indes dazu: „Wir haben die Studie nicht im finanziellen Sinn in Auftrag gegeben, sondern sie initiiert und journalistisch begleitet.“

          Wie ihre italienischen Kollegen haben die Experten des Instituts in Nürnberg-Heroldsberg für ihre Analysen das Verfahren der Massenspektrometrie genutzt und es noch verfeinert. Diese Technik erlaubt es, Stoffe noch in einer Menge aufzuspüren, die sich ob ihrer Winzigkeit dem Vorstellungsvermögen - zumindest demjenigen der nicht unter Drogen stehenden Menschen - praktisch entzieht. So werden die im Wasser gefundenen Konzentrationen des Benzoylecgonins in der Maßeinheit Picogramm pro Milliliter angegeben. Ein Picogramm ist der billionste Teil eines Gramms. Eine solche Konzentration entspricht einem Gramm einer Substanz aufgelöst in einer Million Tonnen eines anderen Stoffes. Diese bewundernswerte Empfindlichkeit führt dazu, daß man fast alles fast überall nachweisen kann.

          Nichts ist „clean“

          Praktisch nichts ist „clean“, schon gar nicht das Wasser der Kläranlagen und Flüsse. In zwölf großen Städten haben die Forscher Proben entnommen. Anhand des Gehalts an Benzoylecgonin und unter Berücksichtigung der Ausscheidungsrate und des Abbaus in Kläranlagen rechneten sie dann aus, wieviel Kokain im jeweiligen Einzugsbereich konsumiert werden muß, damit die gemessene Konzentration erreicht wird.

          Die höchste Jahresmenge an Kokain, fast sechzehn Tonnen, errechnete sich aus den Mannheimer Proben, gefolgt von denen aus Düsseldorf und Köln. Insgesamt scheint es, daß etwa doppelt so viele Menschen Kokain nehmen, wie man aufgrund von Umfragen annimmt. Fritz Sörgel, der Leiter des IBMP, warnt aber davor, direkt auf den Kokainverbrauch in der jeweiligen Stadt zu schließen. Feststellen könne man lediglich, daß die gefundene Menge vom Flußursprung bis zur entsprechenden Stelle eingebracht wurde. Die Kokser bleiben anonym.

          Weitere Themen

          Enkeltrick mit Seurat

          Pace Gallery klagt auf Betrug : Enkeltrick mit Seurat

          Die New Yorker Pace Gallery zieht vor Gericht: Ein angeblicher Enkel Georges Seurats soll ihr ein angebliches Werk des berühmten Künstlers verkauft haben. Dabei hatte der nicht einmal Kinder. Und das Bild? Ist wohl auch ein Fake.

          Nächstenliebesgeschichte

          Martinů-Oper in Osnabrück : Nächstenliebesgeschichte

          Flüchtlingshilfe ohne Selbstgerechtigkeit: Das Theater Osnabrück zeigt die Oper „The Greek Passion“ von Bohuslav Martinů. Kitsch wird geschickt vermieden, und der Chor hinterlässt einen starken Eindruck.

          Topmeldungen

          Populäre Projektionsfläche: Elon Musk

          Tech-Treffen DLD : Scheitern ist (k)eine Option

          Die Menschheit erzielt weitreichende technische Durchbrüche, während sie politisch, wirtschaftlich und kulturell durcheinander gerät – und einmal mehr die Frage im Raum steht: Schaffen wir das?
          Wolodymyr Selenskyj am Freitag in Kiew

          Ukraine-Liveblog : Selenskyj: Nur Diplomatie kann den Ukrainekrieg beenden

          Russland stoppt Gaslieferungen nach Finnland +++ Ukrainischer Präsident sieht Mitschuld des Westens an Niederlage in Mariupol +++ Militärhistoriker: Scholz zeigt Putin seine Angst, das ist unklug, riskant +++ alle Entwicklungen im Liveblog.

          Russlandpolitik der SPD : Nah an Putin

          In Niedersachsen laufen viele Fäden der Russlandpolitik der SPD zusammen. Sie wähnt sich im Geiste Willy Brandts, hat aber viel mit Geschäften zu tun. Ein Beispiel: Sigmar Gabriel.
          2019 erst eröffnete Apple ein neues Bürogebäude in Cupertino. Dennoch arbeiten viele Mitarbeiter des Unternehmens lieber vom heimischen Schreibtisch aus.

          Homeoffice im Silicon Valley : Apple und der Homeoffice-Knatsch

          Die amerikanischen Tech-Konzerne gelten als Traum-Arbeitgeber. Aber jetzt stehen viele schicke Büros leer. Ist Anwesenheitspflicht die Lösung? Vor allem bei Apple gibt es nun deshalb richtig Knatsch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch