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Wertvolle Musikerbriefe : Ohne Naturschutz gibt es keine große Kunst

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Die Briefe zwischen Ernst Rudorff und Clara Schumann sind Variationen für zwei sensible Künstler und doch viel mehr: Hier schwingen Gleichgesinnte miteinander in der Überzeugung, dass Musik und Natur ebenso lebenswichtig wie schützenswert sind, ja mehr noch: Sie sind die einzig wahrhaftigen Dinge, die das Leben lohnen. Beiden ist alles Künstliche, Aufgesetzte zuwider – seien es klimpernde Klaviervirtuosen, die man „widerwärtig“ findet, oder auch die Oberflächlichkeit der Menschen, die Naturschauspiele wie den Sonnenuntergang neben „Hummersalat und Champagner, Billardspiel und Conversation“ nur als Amüsement und Zeitvertreib ansehen. Kunst ist beiden das „alte Paradies“, ein Sehnsuchtsort wie auch der geliebte Wald, der sich wie ein grüner Faden durch die Briefe zieht: „Er erquickt das Gemüth, selbst wenn er es wehmüthig stimmt und beschäftigt immer die Fantasie.“

Die Pianistin und Komponistin Clara Schumann auf einer Fotografie von 1860.
Die Pianistin und Komponistin Clara Schumann auf einer Fotografie von 1860. : Bild: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt

In den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts werden die Briefe intensiver, deutlicher. Mehr noch als seine Freundin, die unter ihrer Ertaubung leidet und zunehmend in sich selbst kreist, denkt Rudorff über die Zukunft nach, über Naturschutz und die Sinnfindung in einer naturromantischen Perspektive. Spürbar naht die Jahrhundertwende. „Und nun Lebewohl“, beendet Rudorff ahnungsvoll seinen letzten Brief an die Freundin im Januar 1896. Sie stirbt im Mai nach zwei Schlaganfällen.

Nachdem die Musik verklungen ist, macht sich der Zurückgelassene an sein wohl nachhaltigstes Projekt. 1897, in Brahms’ Todesjahr, erscheint Rudorffs Buch „Heimatschutz“ – man schrieb ihm gar für eine Weile die Erfindung des Wortes zu. Mit Recht gilt er heute als Gründerfigur des Naturschutzes (F.A.Z. vom 13. Oktober 2018), als wacher Geist, der schon früh die Verheerungen der Menschen an der Natur erkannt hatte und harsch kritisierte. Natur galt ihm aber nicht als klimafunktional, als bloß ökologischer Garant menschlichen Überlebens und darum als erhaltenswert, sondern als poetischer Urgrund allen menschlichen Daseins: „So gewiß wie Buchen und Eichen nicht in Blumentöpfen gedeihen, so gewiß wird Poesie niemals auf dem Boden einer verkleinlichten, entwürdigten Natur aufsprießen“, heißt es im Schlusskapitel. Und das dem Buch als Motto vorangestellte Gedicht Friedrich Rückerts bringt die gemeinsame Überzeugung der Freunde nochmals auf den Punkt, man möchte die Zeilen beinahe als Widmung an die jüngst Verstorbene lesen: „Die Welt ist rauh und dumpf geworden. Die Stimm’ entfiel ihr nach und nach“.

Rudorff lässt sich indes nicht beirren. Er komponiert und wandert weiter. 1904 gründet er den Bund Heimatschutz, dem siebenhundert Gründungsmitglieder angehören. 1916 stirbt er in dunklen Zeiten. Er erlebt nicht mehr, was die Nationalisten aus seinem Heimatprojekt machen. Wie aktuell vieles noch immer ist, wie sehr manche seiner Ideen noch immer das Nachdenken lohnen, erst recht in einer Zeit, die einen neuen Sinn in Musik und Natur zu finden versucht, kann man nun nachlesen: Die bemerkenswerte Korrespondenz steht unter digital.slub-dresden.de bereits komplett digitalisiert im Netz. 

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