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Dr. h.c. Gerhard Schröder : Stolz, Dankbarkeit, Gemeinschaft

Moment der Erinnerung: Gerhard Schröder in der Göttinger Universität Bild: dpa/dpaweb

Von Stolz, Dankbarkeit und Gemeinschaft sprach Gerhard Schröder, als er die Ehrendoktorwürde der Göttinger Universität erhielt. In den bildungspolitisch gebeutelten Institutionen hat der Barwert solcher Worte allerdings abgenommen.

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          Gerhard Schröder, daran ließ der Laudator der Georg-August-Universität Göttingen in der Feierstunde honoris causa keinen Zweifel, hat seinen naturkundlichen Ehrendoktorhut in Anerkennung seiner einstmals landesherrlichen Finanzgroßzügigkeit bei der Förderung biomedizinischer Forschung dortselbst bekommen. Warum auch nicht? Gunst gegen Gunst.

          Niemand in Göttingen konnte darauf rechnen, mittels einer solchen Hutvergabe weitere Hilfen erschließen zu können. Der Kanzler selber könnte wohl nicht einmal sicher versprechen, dazu über kurz oder lang noch imstande zu sein. So war die Feststunde vom Geist reiner, selbstloser Dankbarkeit bestimmt (und vom Termindruck, der es dem Geehrten verwehrte, dem Universitätsorchester bis zum Schluß zuzuhören). Laudator Gerhard Braus von der Biologischen Fakultät erinnerte daran, wie wichtig die Alumni, die Ehemaligen, für eine Universität seien. Und Schröders Rede setzte dazu passend mit Dank für die eigene Studienzeit in Göttingen ein.

          Er hatte es geschafft

          Er sprach von seinem Gefühl "Ich hab' es geschafft", als er es damals auf dem zweiten Bildungsweg geschafft hatte, seinem Stolz, Zugang zur akademischen Bildung gefunden zu haben, und seinem Wunsch, so etwas möge auch weiterhin allen ohne Rücksicht auf das Zahlungsvermögen ihrer Eltern offenstehen. Wäre es keine Dankrede mit dem Willen zum Einschluß aller gewesen, hätte sich ergänzen lassen: allen, die zeigen können, daß sie an eine Universität gehören. Denn wie viele der Studenten betreten heute mit dem Gefühl, es nach großen Anstrengungen geschafft zu haben, eine Universität? Wie vielen von ihnen wird es nahegelegt, auf ein solches Gefühl hinzuarbeiten, wenn die Bildungspolitik der Regierung seit sieben Jahren alles tut, um immer mehr Studenten an immer weniger gut für die Lehre ausgestattete Universitäten zu bringen?

          Schröder kennt, wie die meisten Politiker, Universitäten leider nur noch aus der Erinnerung und vom Durchmarsch durch eigens dafür blankgewienerte Glanzinstitute oder von Festgelegenheiten wie dieser. Stolz, Dankbarkeit, Gemeinschaft - der Barwert solcher auch in Göttingen erklungenen Worte hat abgenommen. Er hat es nicht zuletzt durch das Verhalten derer, die sie bemühen. Jahrgänge, die in sechs Semestern bei einem Dozenten auf achtzig Studenten zum Bachelor in einem Teilfach ausgebildet werden, mögen Gemeinschaftsgefühle leicht unterdrücken können. Juniorprofessoren, die es nicht werden können, weil das Bundesministerium für Bildung die Gelder schon wieder zurückgezogen hat - geschehen so in Göttingen -, werden in puncto Dankbarkeit reserviert bleiben. Bei Professoren, die nach Leistung besoldet werden sollen, wobei aber das Vorhandensein herausragender Lehrstuhlinhaber durch die Einstellung billiger kompensiert werden muß, dürfte Stolz auch keine Hauptregung gegenüber der eigenen Universität sein.

          Von der Möglichkeit, auf das Überleben von Evaluationen, Akkreditierungen und Drittmittelantragsverfahren stolz zu sein, also auf die Normaltätigkeit vieler Forscher, ganz zu schweigen. Auf Erkenntnisgewinne kann man stolz sein, auf Leistungen, die anstrengend waren, und darauf, geachtet zu werden. Nicht aber darauf, Adressat von Versprechungen, Reformen, die in Karlsruhe scheitern, und Sparmaßnahmen zu sein. Nur dem sentimental vom eigenen Erfolg Gerührten verstellt der Ausdruck eigener Dankbarkeit den Blick auf die sozialen Bedingungen solcher Gefühle.

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